Vor einem halben Jahr machte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) damit Schlagzeilen, dass er die Stundentafel ausgerechnet in den Fächern Deutsch und Sport kürzte, weil ihm die Lehrer fehlen. Schon vorher hatte sich schleichend eine andere Kürzung in sogenannten „Blütenfächern“ ereignet: Musik und Kunst fielen immer öfter weg, weil der Unterricht in Hauptfächern gesichert werden sollte. Eine bildungspolitische Katastrophe, findet Cornelia Falken.

„Die Linke verfolgt seit Jahren mit großer Sorge die Tendenz, den Fachunterricht in Musik und Kunst an den Schulen aus Kostengründen zu reduzieren. Das belegen meine Kleinen Anfragen zur ‚Absicherung des Kunst- und Musikunterrichts‘ (Parlaments-Drucksachen 6/ 556, 6/557, 6/558 und 6/559)“, sagt Cornelia Falken, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke im Landtag.

„Im Grundschulbereich werden 60 Prozent des Kunst- und Musikunterrichts nicht mehr von Fachlehrern und -lehrerinnen unterrichtet. Phasenweise werden in verschiedenen Klassenstufen nur halbe Stunden für Kunst und Musik unterrichtet, und die aktuelle Stundentafel enthält in der Klasse 10 eine Wahlmöglichkeit zwischen Kunst und Musik.“

In der vergangenen Woche hatte die Linksfraktion deshalb extra ihren Antrag von 2015 „Kulturelle Bildung in sächsischen Schulen stärken – künstlerischen Fachunterricht absichern“ im Landtag zur Beratung und Abstimmung gestellt. Er lag lange genug herum. Nun wird er brandaktuell, da Christian Piwarz gerade in diesen beiden Fächern weitere Kürzungen plant.

„Ausgerechnet der Unterricht in Kunst und Musik soll weiter reduziert werden“, sagte Falken. „Ab dem Schuljahr 2019/20 sollen in einigen Klassenstufen die Fächer Kunst und Musik um eine Wochenstunde verringert werden. Damit verstärkt der Kultusminister den Trend, Kunst und Musik (kulturelle Bildung) ganz in den Ganztagsbereich zu verlagern und den Fachunterricht weiter abzubauen. Das halten wir für völlig inakzeptabel.“

Ein Unding. Denn damit nimmt Sachsen nicht nur Abschied vom Ideal des allgemein gebildeten Menschen, es verringert sogar sehenden Auges die Bildungschancen der Kinder. Denn gerade die scheinbaren Schönwetterfächer sorgen durch ihr Angebot dafür, dass Kinder besser lernen, geistig beweglich und kreativ bleiben. Wer davon ausgeht, dass naturwissenschaftliche Fächer ohne Kreativität funktionieren, hat es wirklich nicht begriffen.

Aber selbst Studien zeigen, dass Kinder, die auch die kreative und schöngeistige Bildung nicht vernachlässigen, besser lernen und bessere Leistungen erzielen.

„Man kann auch in eine ganz andere Richtung gehen, wie ein Beispiel aus Großbritannien zeigt. In Bradford galt die Feversham-Grundschule lange als eine Brennpunktschule, welche bei Leistungstests, in den sogenannten MINT Fächern, immer weit unter dem Durchschnitt lag“, bringt der kulturpolitische Sprecher der Linksfraktion, Franz Sodann, ein anschauliches Beispiel.

„Der Direktor dieser Schule hatte vor sieben Jahren eine Idee, krempelte den Stundenplan um und weitete den musischen Unterricht aus, statt ihn wie bei uns zu beschneiden. Bis zu sechs Wochenstunden Musik haben nun die Schülerinnen und Schüler, sie singen oder üben sich an Instrumenten mit dem beeindruckenden Ergebnis, dass die Feversham-Grundschule heute, also nur sieben Jahre später, zu den besten des Landes gehört.“

Die Kinder werden nicht nur kreativer, sondern auch selbstbewusster. Sie lernen eben auch, dass es viele unterschiedliche Möglichkeiten gibt, sich Wissen und Können anzueignen, nicht nur das sture Auswendiglernen, mit dem Sachsen sich seine Punkte in den PISA-Tests ertrotzt.

„Die Schülerinnen und Schüler machten unglaubliche Fortschritte beim Lesen, Schreiben und Rechnen, sodass 74 Prozent von ihnen den erwarteten Leistungsstandard erreichen“, sagt Sodann. „Im landesweiten Durchschnitt sind es nur 53 Prozent. Dieses Beispiel zeigt auf bemerkenswerte Weise, dass Musik, kulturelle Bildung also, auf Leistungen in anderen Fächern wie Dünger auf ein Gemüsefeld wirken kann. Wie wichtig sie für Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten, für die Allgemeinbildung ist. Kulturelle Bildung heißt mit allen Sinnen lernen, mit Kopf, Herz und Hand.“

Mit den geplanten Kürzungen geht Sachsens Kultusminister aber immer weiter hin zu Schmalspurbildung, die jetzt schon fatale Ergebnisse zeitigt. Nicht nur Schulabgänger ohne qualifiziertes Zeugnis sind von den Anforderungen der Arbeitswelt überfordert, auch die Schüler, die sich durchs gerasterte Bildungsanhäufen durchgearbeitet haben, fehlen zunehmend die Fähigkeiten, ohne die sie im Berufsleben nicht bestehen können – von der Fähigkeit zur kreativen Problemlösung bis hin zur wissensfundierten Selbstorganisation.

Statt den Lehrermangel zu beheben und auch die „schöngeistigen“ Fächer endlich wieder in voller Breite abzusichern, reagiert ein überforderter Minister mit weiteren Kürzungen in einem Bereich, ohne den umfassende Bildung gar nicht denkbar ist. Es regiert ein rein auf Effizienz getrimmtes Bildungsideal, das nicht Fähigkeiten vermitteln will, sondern nur abfragbares Wissen. Für eine immer anspruchsvollere Arbeitswelt ist das zu wenig. Und das kann auch durch die forcierte Digitalisierung der Schulen nicht ersetzt werden.

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