Vom 12. bis 15. März findet wieder die Leipziger Buchmesse statt. Und es wird auch wieder alles zu sehen sein, was es sonst so noch gibt an Büchern. Denn man bekommt den Lesestoff ja nicht nur zwischen Pappdeckeln, man bekommt ihn auch als Hör- und Digitalware. Und wenn die Leipziger Messe schon mal etwas vermeldet, dann muss das unbedingt ein Superlativ sein. "Neuer Absatzrekord bei Hörbüchern: Das gesprochene Wort liegt weiter hoch im Kurs – auf immer mehr Kanälen".

Man sieht direkt Seifert’s Oskar mit seinen Kämmen auf der Kleinmesse stehen und freudigen Herzens brüllen: “Leute, kauft Kämme! Es kommen lausige Zeiten!” – Und dann packt er noch einen Kamm drauf,  dann wird’s billiger. So ungefähr liest sich dann auch die Meldung der Leipziger Messe.

Auf gut 10.000 Quadratmetern wird in Halle 3 die Welt der Hörbücher präsentiert – samt diversen „smarten“ Geräten und Plattformen, die das Eingelesene hörbar machen. Und irgendwelche Experten halten “weitere Absatzrekorde für möglich”.

Oder im schönen Verkäuferton der Messe: “Klarer Tenor in der Branche: Die Literaturform Hörbuch sei ‘in der Gesellschaft angekommen’ und werde nicht mehr ‘mit Verwunderung als Phänomen’ betrachtet, nur weil sie seit der Jahrtausendwende einen stetigen Zuwachs, lange Zeit sogar zweistellig, verzeichnen konnte. Längst ist der viel zitierte ‘Boom’ einer aufwendigen Marktpflege gewichen, die wohl gerade deswegen einen Absatzrekord nach dem anderen beschert: Wurde etwa 2013 erstmals die Marke von 14 Millionen verkauften Hörbüchern überschritten, konnte die Branche 2014 noch einmal gut eine halbe Million drauflegen. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass 2015 auch die passende Millionenzahl erreicht wird.”

Wenn Werbetexte Werbetexte zitieren, wird es immer haarsträubend.

„Es scheint sich abzuzeichnen, dass Deutschland als wackere Bastion des physischen Marktes weiter Bestand hat. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass die CD als wichtiges Leitmedium im Musik- wie im Hörbuchbereich weiter stabil bleibt“, wird Markus Langer, Vertriebsleiter bei Oetinger audio zitiert. Und Heike Völker-Sieber, Pressesprecherin des Hörverlags: „Vor wenigen Jahren noch gab es Unkenrufe, dass das Hörbuch bald auf dem absteigenden Ast sei. Das Gegenteil ist aber zu beobachten: Wir gewinnen nicht nur Käufer bei Downloads hinzu, sondern weiterhin auch CD-Käufer.“

Tatsächlich hat sich vor allem eines getan (vom Fleiß der Hörbuchverlage abgesehen, die wirklich in gut gemachte Stoffe investiert haben): Das Hörbuch ist preiswerter geworden. Die Leute können sich mehr leisten fürs selbe Geld.

Was freilich bei der Messe so einen quasi wehleidigen Ton auslöst: “Dem Erfolg beim Absatz steht jedoch ein weiterhin leichter Rückgang bei den Durchschnittspreisen gegenüber, so dass der Umsatz in etwa gleich blieb.”

Verkauft die Messe heuer selbst schon Hörbücher oder gibt sie sich mitleidend? Packt man selbst die Emotionen drauf, die die Kaufleute selbst gar nicht haben?

“Beim Verkauf von Hörbüchern im Buchhandel hat sich im Vergleich zum Vorjahr nichts verändert, das hohe Niveau konnte also gehalten werden“, wird Thomas Koch von der Pressestelle des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zitiert. Im gesamten Publikumsmarkt, das heißt im Buchhandel vor Ort, Internet-Buchhandel, Kauf-/Warenhaus und Bahnhofsbuchhandel zusammen, ging der Umsatz mit Hörbüchern mit minus 1,2 Prozent leicht zurück.

Und wo gab es dann die mengenmäßigen Zuwächse?

Natürlich dort, wo man sich das Trägermedium sparen kann. Das Hörbuch zum Download – in vielen Varianten.

Und es kommt – was einen Leipziger Verlag besonders freut – endlich ein Trend zur MP3-CD. Da passt nämlich mehr drauf. Richtig viel mehr.

Der 137-Stunden-Casanova aus dem Leipziger Buchfunk Verlag. Cover: Buchfunk
Cover: Buchfunk

„Ungekürzte Fassungen sind gemeinsam mit der MP3-CD endlich merkbar angekommen“, meint Günter Rubik von AUDIAMO, der größten Hörbuchhandlung im deutschsprachigen Raum. „Das klingt komisch, weil einige Verlage die MP3-CD ja schon seit Jahren einsetzen, teilweise sogar als einziges Medium. Aber es waren 2014 und sind auch 2015 wieder viele starke Titel dabei, die sehr gut funktionieren und die Verbreitung der MP3-CD weiter fördern.“

Die Freude liegt also ganz beim Buchfunk Verlag aus Leipzig, der mit der „Geschichte meines Lebens“ von Giacomo Casanova – 130 Stunden auf sechs MP3-CDs – das wohl längste Hörbuch aller Zeiten in den Handel gebracht hat.

Mit einer Spieldauer von etwa 137 Stunden ist Casanovas “Geschichte meines Lebens” (Original: “Histoire de ma vie”) eines der längsten deutschsprachigen Hörbücher. Es liegt komplett oder in Teilen bereits zum mp3-Download vor – im März 2015 erscheint zur Leipziger Buchmesse eine Ausgabe auf 9 mp3-CDs mit einem 44-seitigen Booklet samt einem ausführlichen Begleittext von Roger Willemsen. Eingesprochen hat das Mammutwerk der Schauspieler Alexis Krüger.

Und wer es nicht glaubt: Auch bei Hörbüchern sind die guten alten Vinylplatten für Sonderausgaben wieder im Kommen.

Der Hörbuchbereich ist auf der Leipziger Buchmesse seit 2000 präsent.

Dafür sind die e-Books heute irgendwo da, wo das Hörbuch vor zehn Jahren war. Jüngst geisterte ja auch da so ein medial aufgeplustertes Lamento durch die Kanäle: Die gewaltigen zwei- und dreistelligen Zuwachsraten der vergangenen Jahre sind passé. Man wächst nur noch einstellig (so wie China). Und die üblichen Experten sonderten schon ihre Trauer ab. Dabei hat sich der e-Book-Markt in Deutschland bei einem Marktanteil von 4,5 Prozent stabilisiert. Das sind nicht die Dimensionen des US-amerikanischen Marktes, wo auch ein Riese wie Amazon mitbestimmt, wie der Hase läuft. Denn jedes Prozent mehr muss einer etablierten Martktlandschaft abgerungen werden, die fast in allen Nischen gut bestückt ist. Deutschland hat keinen Mangelmarkt.

Und da sieht ein anderer, junger Leipziger Verlag, natürlich noch berechtigte Chancen.

Zur Leipziger Buchmesse geht der Digitalverlag frankly als Kombination von Verlag, eBook-Store und Netzwerk an den Start. Verleger Robert Merkel setzt darauf, dass die Digitalisierung elektronisches Publizieren und Konsumieren weiter vorantreibt. Mit Unverständnis reagierte er deshalb auf die pessimistischen bis triumphierenden öffentlichen Reaktionen zur aktuellen eBook-Studie für das Jahr 2014 aus dem Börsenverein des deutschen Buchhandels: „Mir persönlich ist hier viel zu oft von Stagnation, Einbruch oder Absturz die Rede!“, sagt er. „Wachstumsraten von 7,6 Prozent, da würden andere Branchen jubeln.“

Ein abgeschwächtes Wachstum sage nur, dass der erste Hype vorüber ist, und der eBook-Markt vor einer Phase der Konsolidierung und endgültigen Durchsetzung steht. Der aktuelle Zustand sei eher „die Ruhe vor dem Sturm“. Für ihn ist klar, dass das Buchgeschäft der Entwicklung in der Musikbranche folgen werde. „Unterhaltungsliteratur wird zukünftig fast ausschließlich digital konsumiert werden“, so Merkel. Er verweist außerdem auf die Tatsache, dass schon über 20 Millionen e-Books pro Jahr verkauft werden, Tendenz steigend. Einer BITKOM-Umfrage zufolge liest jeder vierte Deutsche mittlerweile eBooks. Der Verleger ist überzeugt, dass verbesserte Technologien und nachwachsende Generationen – die „digital natives“ – das Lese- bzw. Nutzungsverhalten und damit auch den Buchmarkt weiter in Richtung eBook verändern werden. Allen Skeptikern empfiehlt er einen Blick in benachbarte Mediengattungen: „Vielleicht sitzt dort ja der Kollege, der früher unbeirrt CD oder DVD angepriesen hat…“

Recht hat er.

frankly präsentiert sich auf der Leipziger Buchmesse in Halle 5, Stand A203. Zum Verlagsstart bringt frankly Autoren aus den Bereichen Sachbuch, Lyrik und Belletristik mit, darunter Constanze Wilken, Jacqueline Roussety, Diana Feuerbach, Thomas Kunst, Claudius Nießen und Kirsten Döbler.

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“Neuer Absatzrekord bei Hörbüchern: Das gesprochene Wort liegt weiter hoch im Kurs – auf immer mehr Kanälen”.

Für mich erfreulich zu hören bzw. zu lesen, denn im April 2015 soll mein Buch “Finanzrevisor Pfiffig aus der DDR” als Hörbuch erscheinen. Ich bin selbst darauf sehr gespannt. Ich gehe davon aus, dass sie als Leser der L-IZ darüber rechtzeitig in angemessener Form informiert werden. Lassen sie sich überraschen.

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