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Neue Millionen für die großen Fische im deutschen Medien-Teich

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    Würde man in einem Land leben, in dem der Verstand regiert und Politiker auch mal was von Mathematik verstehen, dann würde man sich als Journalist freuen über solche Meldungen wie am Mittwoch, 3. Dezember, auf Spiegel Online: "Smartphone-Abgabe: Die Gema kassiert jetzt auch für Handys". Nicht nur die Gema kassiert dort, auch der traurige Verein von VG Wort, der derzeit gerade dadurch auffällt, dass er die Kleinen Verlage ausbluten will.

    Gemeint sind die Belletristikverlage, von denen VG Wort jetzt auch noch für die letzten Jahre Zahlungen abfordert, die nun nach neuester Rechtssprechung allein den Autoren zukommen sollen. Die Kurt Wolff Stiftung meldete sich dazu am Dienstag schon zu Wort.

    Es stimmt so Manches nicht in der Vergütung kreativer Leistungen in Deutschland. Und in der Organisation der sogenannten Verwertungsgesellschaften erst recht nicht. Denn die haben ein Grundproblem: Sie sind unfähig, das Geld zu verteilen. Die VG Wort vorneweg. Das System stimmt nicht. Und das hat sich mit dem Versuch dieses bürokratischen Monsters, auch in der Digitalen Welt Verwertungsrechte zu sichern, nicht verbessert. Im Gegenteil.

    Die L-IZ und ihre Autoren haben das Spiel durch. Und aufgegeben. Das geben wir gern zu.

    Denn wenn man keine kompetenten Ansprechpartner ans Telefon bekommt, die überhaupt wissen, was sie da tun oder auch nicht tun? Was bleibt da?

    Weiter sinnlose Zählpixel einbauen in alle Artikel, um dann in der Jahresendabrechnung von VG Wort mitgeteilt zu bekommen, dass die meisten Artikel dort überhaupt nicht gezählt wurden? Und wenn sie gezählt wurden, dann mit Zahlenwerten, als hätten nur drei Leute den Artikel geöffnet?

    Das ist ein Witz. Hat aber Methode. Und zwar eine, die VG Wort an keiner Stelle transparent erklären kann. Das einzige, was man nachträglich erfährt, ist die Mindestanzahl von Aufrufen, die ein Artikel haben muss, damit er überhaupt an einer Ausschüttung der bei Computer-, Drucker- und Kopiererkäufern eingesammelten Gelder teilnehmen darf. Dieser Wert steigt seit Jahren. Und jede Woche gibt es auf der L-IZ ungefähr ein Dutzend Artikel, die spielend in diesen Bereich kommen.

    Es nutzt nur nichts. Siehe oben.

    Nachprüfen kann man es nicht, selbst wenn man alle Zugriffe auf jeden einzelnen Artikel protokollieren würde. Denn es gibt kein Eichmaß, das abklärt, ob die Zahlen von VG Wort reell sind oder nur Murks.

    Was man weiß: Man sitzt nicht nur mit tausenden anderen Journalisten und Bloggern und Website-Betreibern im Boot (von denen sich einige richtig lautstark freuen, wenn sie mal 35 Euro aus einer Jahresausschüttung bekommen), sondern auch mit den ganz großen Tieren – den großen „News“-Portalen mit Millionen Nutzern genauso wie den großen Zeitungsportalen mit ebenso Millionen an Lesern. Das kann sich jeder ausrechnen, was da passiert: Sie puschen die Klickzahlen nach oben. Einige machen das mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Methoden, hämmern auf Reichweite und vermelden nur noch das, was Millionen Nutzer auch zum sofortigen Klicken bringt: Sex, Crime, Katzen, Promis, Terror, Blut und Zoff. Das, was derzeit praktisch fast alle Kanäle verstopft – auf PCs genauso wie auf Handys.

    Das Ergebnis?

    Diese großen Elefanten sorgen nicht nur für das ständige Ansteigen der „Ausschüttungsschwelle“, sie sorgen auch dafür, dass der größte Teil der eingesammelten Gelder zu ihnen fließen.

    Das Ergebnis: Portale, die unter diesem großen Gebrodel von News & Crime laufen, gehen leer aus. Journalisten, die sich richtig reinknieen und richtig harte Themen abarbeiten, bekommen: nichts.

    Selbst wenn sie die Diskussion in einer ganzen Stadt aufmischen wie Jenapolis in Jena oder die L-IZ in Leipzig. Das ist – auch aus Sicht der Bürokraten von VG Wort – keine Reichweite. Womit man natürlich das hübsche Ergebnis hat: Was wichtig und bezahlenswert ist in Deutschland, bestimmen Selbstversorger wie die Leute von VG Wort. Es gibt ja auch keinen gesetzlichen Druck, dass sie Rechenschaft ablegen müssen über das, was sie tun. Es ist der deutschen Politik, die ihnen den Zugriff auf Millionenabgaben sichert, herzlichst egal.

    Genauso wie bei der Rundfunkabgabe.

    Natürlich wird VG Wort auch eine transparente Erfassung der Ausspielungen auf Smartphones nicht auf die Reihe bekommen. Die Gema vielleicht noch eher – aber auch dort bekommen in der Regel die gerade nach oben gepuschten Chart-Songs den Löwenanteil, hinter denen sowieso schon große Vermarktungsfirmen stecken. Die Millionäre unter den Musikanten bekommen die Kohle, nicht die vielen kleinen Bands, die wirklich noch extravagant und unverwechselbar sind.

    Natürlich ist das kein Thema für eine Politikergeneration, für die das Internet noch „Neuland“ ist und die glauben, hier würde alles von den Heinzelmännchen einfach kostenlos produziert.

    Es wird bestimmt noch zwei Generationen dauern, bis sich herumgesprochen hat, dass Copy & Paste das ist, womit man im Internet Kohle macht, nicht die Schaffung eigener Inhalte. Die wird nicht honoriert, weil die großen Zampanos seit 1983 nur eines gelernt haben: Quote ist wichtig, nicht Qualität.

    Deswegen ist das Fernsehen im Land so miserabel geworden. Und das Internet da, wo die großen Verwerter ihr Geld „ausschütten“, ebenfalls. Denn dort wird nur eines honoriert: Die Hatz nach schneller Quote.

    Deswegen ist die Nachricht auf „Spiegel Online“ leider gar keine Nachricht, die den Inhaltemachern in Deutschland irgendetwas nützt.

    Der Hilferuf der Kurt Wolff Stiftung zum Nachlesen:

    Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene

    Presseerklärung zum EuGH-Verfahren und zu den Rückforderungen von VG Wort und VG Bild-Kunst:

    Horrorszenario statt Adventsüberraschung. Im November schockierte der Europäischen Gerichtshof mit seiner Entscheidung, das von VG Wort und VG Bild-Kunst ausgeschüttete und aus Bibliothekstantiemen und Kopierabgaben stammende Geld künftig nicht mehr wie bisher zwischen Autorinnen/Autoren und Verlagen zu teilen, sondern in voller Höhe den Autorinnen/Autoren zukommen zu lassen. Und das gilt nicht nur für alle künftigen Einnahmen, sondern rückwirkend seit 2012. Heute trafen bereits die ersten Rückforderungsschreiben der Verwertungsgesellschaften bei den Verlagen ein.

    Was bedeutet das Urteil für die unabhängigen Verlage?

    Die Ausschüttungen der VG Wort und VG Bild-Kunst stellten stets eine verlässliche Einnahme bei der Programmkalkulation dar, ohne die es für viele kleinere unabhängige Verlage kaum möglich war, den ökonomischen Überlebenskampf erfolgreich zu bestreiten. Wenn diese Gelder wegfallen, leidet darunter die Programmvielfalt: vor allem besonders aufwändige, ungewöhnliche und riskante Buchprojekte, die zumeist von kleineren unabhängigen Verlagen unternommen werden, müssen gestrichen, Autorenhonorare gekürzt werden.

    Die Auswirkungen der Rückforderungen von VG Wort und VG Bild-Kunst sind jedoch noch viel gravierender. Sie entsprechen bei einigen Verlagen einem durchschnittlichen Jahresumsatz, bilden eine existentielle Bedrohung und stellen deren Fortbestand massiv in Frage.

    Hinter dem Urteil steht jedoch auch eine völlige Missachtung dessen, was von Verlagen geleistet wird. Wir unabhängigen Verlage initiieren und entwickeln Buchprojekte für und mit den Autorinnen und Autoren, lektorieren Manuskripte sorgfältig – je nach Bearbeitungsgrad bis zur Miturheberschaft – und gestalten sie liebevoll, damit aus einem Manuskript ein Buch werden kann, ganz abgesehen von der Verbreitung desselben im Buchhandel wie in der Presse. Die Vorstellung, dass Verlage einfach nur fertige, von Urhebern perfekt verfasste Texte drucken, entspricht keinesfalls dem Engagement und Enthusiasmus dessen, was unabhängige Verlage für ihre Autorinnen und Autoren leisten.

    Sollte das EuGH-Urteil unwidersprochen bleiben, ist die Vielfalt der Verlags- und Literaturszene und die Existenz kleinerer unabhängiger Verlage in Deutschland stark bedroht.

    Britta Jürgs, Leif Greinus, Jörg Sundermeier (Vorstand Kurt Wolff Stiftung)

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