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Framing, Rechtspopulisten und Journalismus: „Es gibt keinen Masterplan“

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    Gern gibt sich die AfD als bürgerlich-konservative Volkspartei, die sich um den „abgehängten Osten“ kümmert. Wie machen die Rechtspopulisten ihre Bilder medial salonfähig? Wir sprachen mit der HTWK-Absolventin Sonja Heyen, die sich in ihrer kürzlich als Buch publizierten, nicht-repräsentativen Masterarbeit mit dieser Frage auseinandergesetzt hat – und Schlüsse zieht, wie professioneller Journalismus mit der Partei umgehen soll. Die 26-Jährige hat zuletzt Medienmanagement studiert und hält sich aktuell bis Ende März für einen Freiwilligendienst in Rijeka (Kroatien) auf.

    Frau Heyen, was hat Sie motiviert, sich dieses Themas anzunehmen?Ich interessiere mich für politische und gesellschaftliche Zusammenhänge, etwas problematischere Themen auch, wenn man so möchte. Da ist die AfD natürlich eine Herausforderung. Meine Inspiration für die Fragestellung war, dass der Umgang mit der AfD in jedwedem Bereich, vor allem im medialen, ein heißes Eisen ist.

    Sie sprechen in Ihrer Arbeit viel vom Framing. Was bedeutet der Begriff?

    Frames sind gewisse Deutungsrahmen. Bestimmte davon werden beim Framing hervorgehoben, während andere in den Hintergrund rücken. Entsprechend hat das meist auch eine strategische Absicht. Grundsätzlich können wir nicht alles wahrnehmen und auch die Medien nicht alles darstellen. Es gibt auch eine Notwendigkeit, Dinge hervorzuheben. Aber weil es vor allem im politischen Bereich angewandt wird, hat es diesen strategischen Aspekt.

    Wie gut ist das Phänomen erforscht?

    Da ist Entman (Robert M. Entman, US-Wissenschaftler, Anm. d. Red.) eine gute Ausgangslage, weil Framing nicht klar definiert ist. Einige Disziplinen gehen rein, Psychologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft. Aber bei Entman gibt es vier Grundannahmen, wie Frames aufgebaut sind: Dass wir mehrere Aspekte haben, wovon einer betont wird, der sollte zu einer logischen Argumentationskette führen und dann gibt es den Wettstreit. Das ist die Grundlage.

    Und dann sagt Entman, wir haben vier Elemente in jedem Frame, mindestens zwei sollten vorkommen: Wir haben ein Problem, jemand ist dafür verantwortlich, das Problem wird bewertet und es gibt irgendeine Lösung. Auf der Basis kann man Forschung betreiben.

    Frames entstehen bei jeder verbalen Kommunikation. Wann sind sie problematisch?

    Das ist schwierig. Kommunikation ist ja keine gerade Linie. Selbst wenn ein strategischer Kommunikator eine manipulative Intention hat, heißt das nicht immer, dass sie ankommt und in Handlungen umgesetzt wird. Aber grundsätzlich ist eine manipulative Absicht bedenklich. In der Politik gibt es nun mal strategische Kommunikation, auch in der Demokratie. Aber beim Framing läuft es über die Presse.

    Da kann man schon eher mit Kritik ansetzen. Dass die Presse strategisch ist, sollte in einer Demokratie nicht so sein. Zumindest ist das nicht Aufgabe der Medien. Das wäre ein Knackpunkt.

    Von der AfD gibt es Zitate, man sei eine „bürgerlich-konservative Partei“ oder die „Partei des gesunden Menschenverstandes“ – da erscheint Framing als Form der Inszenierung.

    Absolut. Deswegen bin ich in meiner Arbeit auch stark auf Populismus eingegangen. Dieser ist eine Inszenierung, eine Mobilisierungsstrategie, und daher stark mit Framing verbunden. Framing ist ja nichts anderes als eine Sichtweise, die vermittelt werden soll.

    Was kann man gegen manipulatives Framing tun?

    Das Wichtigste ist, sich dessen bewusst zu sein. Journalisten und Rezipienten sollten kritisch denken. Generell ist es so, dass es bei AfD und politischem Framing keine einfache Lösung gibt. Es gibt keinen Masterplan. Man muss von Fall zu Fall hinterfragen. Die gute Nachricht ist, dass es ein Handwerkszeug auf journalistischer Seite gibt. Zum Beispiel ist die Trennung von Meinung und Nachricht sehr wichtig. Und auch auf rechtlicher Ebene hat sich viel getan.

    Wenn man überlegt: Wie kann man die AfD bezeichnen? Ist sie rechtsextrem?, dann kann man auf Stellen wie den Verfassungsschutz Bezug nehmen. Rechtliche Grundlagen, um rote Linien zu ziehen, gibt es auch.

    In Ihrer Masterarbeit haben Sie anhand des Zeitraums um die Landtagswahlen 2019 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg untersucht, wie die AfD ihr Framing in die Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bringt. Wie schafft sie es?

    Die AfD hat in ihrer Kommunikationsstrategie ja grundsätzlich den Punkt Provokation und Verharmlosung: Erst provokative Statements zu platzieren, dies dann als harmlos darzustellen und so den akzeptablen Sprachraum, aber auch den politischen Raum zu erweitern. In meinem Fallbeispiel haben sie sehr in die Medien getragen, wie die AfD politisch einzuordnen ist.

    Sie haben es geschafft, dass die Presse die eigene strategische Sicht stark widerspiegelt. Und obwohl es Gegendarstellungen gab, es ein umkämpftes Thema war, hilft es der AfD, wenn es aufgegriffen wird. Wenn ich etwas wiederhole, verfestigt es sich in den Köpfen. Und wenn es Anne Will wiederholt oder Wiebke Binder, hat es eine andere Legitimität, als wenn es etwa Jörg Meuthen sagt.

    Wiebke Binder hatte eine mögliche CDU-AfD-Koalition am Abend der sächsischen Landtagswahl im MDR als „bürgerlich“ bezeichnet, eine ZDF-Moderatorin die Legende von Andreas Kalbitz kolportiert, er habe „mal in die rechte Szene reingeschaut.“

    Genau. Auf sprachlicher Ebene kann man gut feststellen, wie diese Deutungsrahmen übergehen, ob man will oder nicht. Es hat nichts damit zu tun, ob sich Wiebke Binder kritisch mit dem Thema beschäftigt. Wenn man es zehnmal hört, ist es menschlich, dass es dann auch einen Effekt zeigt.

    Man will ja keinem leichtfertig was unterstellen. Der MDR hatte sich auch für diese Aussage während einer Live-Sendung entschuldigt.

    Das war auch nur ein Beispiel, aber das illustriert es eben gut.

    Ein Befund Ihrer Arbeit war, dass die Moderation der untersuchten Talkshows – auch wenn es Abweichungen zwischen ARD und ZDF gab – im Schnitt 49 % der AfD-Frames direkt übernahm. 22 % wurden kritisch eingeordnet und bei 29 % eine Abgrenzung entgegengesetzt. Hat Sie das überrascht?

    Meine Professorin hatte anfangs zu mir gesagt: Das Thema ist sehr spannend, aber Sie werden wahrscheinlich keine großen Tendenzen feststellen können. Man möchte natürlich schon etwas herausziehen aus so einer Arbeit. Aber nein, ich habe nicht damit gerechnet, dass die Zahlen so interessant werden.

    Sie haben sich dann die Rezeption der Talkshows in den Online-Ausgaben von Spiegel, Focus und „Bild“ angeschaut, um ein breites Spektrum nach politischer Ausrichtung und Zielgruppe zu haben. Wie sah es da aus?

    Die neue „Leipziger Zeitung (LZ)“, VÖ 29.01.2021

    Hier war Focus Online am ausgeglichensten. Bei Spiegel Online wurde oft der Themenfokus auf die politische Einordnung der AfD übernommen, zu 85 %. Das ist mehr, als die AfD selbst und die Journalisten in den Talkshows diesen Fokus gesetzt hatten, auch weil der Spiegel politisches Leitmedium ist. Aber schwierig insofern, als es eben das war, was die AfD beabsichtigt.

    Wenn man es auf die Frage herunterbricht: Wer hat es am besten gemacht?, dann war es Focus Online, weil da die Berichterstattung am ausgewogensten war. „Bild“ hatte die meisten Übernahmen. Spannend fand ich, dass die formalen Daten eine Differenzierung nahegelegt hätten, denn es waren viele Meldungen und Berichte dabei, also an sich referierende Formate.

    Ein klarer Kontrast. Aber wie soll die Presse handeln? Anne Will sagte mal, dass sie als Journalistin nicht die Aufgabe habe, die AfD zu bekämpfen.

    Würde ich unterschreiben. Die AfD ist demokratisch legitimiert, größte Oppositionspartei im Bundestag und sie ist in allen Landtagen. Man darf sie nicht ausgrenzen. Am Anfang war die Schere zwischen großer Empörung und der No Platform – Strategie. Beides ist falsch. Letzteres zerstört den demokratischen Dialog, das ist keine Lösung, eher ein Aussitzen. Und es treibt die Polarisierung voran, die für mich die derzeit größte Herausforderung für die Medien ist. Corona macht es nicht besser.

    Wenn Gauland oder Höcke nicht mehr in Talkshows eingeladen werden, kann man fragen, ob das zielführend ist. Ja, es ist zum Teil gefährlich, was erzählt wird. Aber wenn man Dialog als oberstes Prinzip sieht, sollte man versuchen, mit jedem zu reden, wenn es angebracht ist. Und das ist der Knackpunkt im Journalismus, sich gut zu überlegen, mit wem man über was redet.

    Gauland und Höcke hatten Grenzen überschritten. Einer hatte die NS-Zeit als „Vogelschiss“ bagatellisiert, der andere beim ZDF gedroht, wir wüssten nicht, was kommt und er werde „vielleicht mal eine interessante, politische Person in diesem Land.“

    Beruft man sich auf rechtlich belastbare Grenzen, stellt Höckes Drohung eventuell ein Argument dar. Bei Gauland könnte man sich auf den „Volksverhetzungsparagraphen“ berufen. Aber die Person lässt sich schwer von ihrer Funktion trennen, sie ist demokratisch gewählt. Und solange ihre Worte und Taten daran nichts ändern und sie auf rechtlichem Weg ihrer Ämter enthoben werden, muss man sie kritisieren und Standpunkte diskutieren, sie aber nicht vom Dialog ausschließen.

    Selbst wenn ein Ausschluss Einzelner begründet werden kann, schadet er meines Erachtens mehr als er nützt. Wenn man etwas verschweigt, verschwindet es ja nicht, sondern rutscht ins Netz, in Social Media und Gegenöffentlichkeiten, wo es sich, sich selbst überlassen, meist radikalisiert. Das beste Argument muss gewinnen, und das lässt sich nur im Dialog anbringen.

    Die Wahl, wer gehört wird und wer nicht, ist rechtlich bedingt und auch journalistisch begründbar, aber allein durch Überlegungen zu journalistischen Grundsätzen wie Relevanz und Objektivität – und hier vor allem Transparenz und Vielfalt.

    Also soll sich Journalismus jenseits von Ausgrenzung und naiver Offenheit wieder mehr auf sein klassisches Rüstzeug besinnen?

    Das wäre meine Position. Wie will man argumentieren, dass man die AfD anders behandelt? Es ist ein heißes Eisen. Letztlich kann man ihr nur mit Demokratie, deren Werten und Methodiken begegnen. Man muss aufpassen, dass man nicht ins Unrecht gerät mit dem, was man im Guten tun will.

    Die Grenzen dürfen nur auf bestehenden Regeln basieren. Ich finde, man sollte sich bemühen, Dinge zu verstehen, ein gewisses Verständnis für andere Positionen zu entwickeln, was nicht heißt, dass man einverstanden ist.

    Diese schmale, aber wichtige Trennung, darum geht es. Als Journalist sollte man sich als Mensch betrachten, der nicht perfekt ist, und das nach außen tragen. So kann man auf einer Ebene Verständnis schaffen, wo es Fehler gibt, aber auch den Wunsch, es gut zu machen. Nur dann haben wir den Austausch, der notwendig ist. Das ist, glaube ich, das Wichtigste.

    Framing, Rechtspopulisten und Journalismus: ,Es gibt keinen Masterplan‘“ erschien erstmals am 29. Januar 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 87 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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