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Die neue Ausgabe der „Leipziger Zeitung“: Die relevanten Themen jenseits der Fußballerhitzung

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    Da ist es wieder, das nette Deutschlandhütchen. Das ja nicht nur spätbegeisterte Fußballanhänger tragen, sondern bekanntlich auch echauffierte Demonstranten in Dresden. Schwarwel hat es in der Titelkarikatur der neuen „Leipziger Zeitung“ wieder einem feierfreudigen Kartoffelmännlein aufgesetzt, das hocherfreut ist, dass es wieder „relevante Themen“ gibt. Also Fußball und Hitze. Fußball gibt es als relevantes Thema tatsächlich in dieser Ausgabe.

    Denn darin steckt die vierseitige Ankündigung zum Max & Leo Bartfeld Pokal, der vom 2. bis 4. Juli mit Mannschaften aus Tschechien, Armenien, der Ukraine und natürlich Israel und Deutschland ausgetragen wird. Das ist das wohl schönste Fußballfest, das jedes Jahr in Leipzig stattfindet. Und am 3. Juli gibt es als großen Programmpunkt auch das internationale Freundschaftsspiel zwischen BSG Chemie und Betar Nordia Jerusalem im Alfred-Kunze-Park. So etwas nennt man wirklich gelebte Freundschaft.Und da ich hier quasi nachträglich (wie immer) das eigentliche Editorial für die LZ schreibe, die schon längst im Kiosk liegt, lenke ich den Blick jetzt noch etwas auf die anderen relevanten Themen, die in den kleinen Inhaltsangaben sonst völlig untergehen. Der Grund ist simpel: Es wird gearbeitet bis zur letzten Minute, diesmal auch noch konterkariert durch einen desolaten Livestream aus dem Stadtrat, wo wir uns doch jedes Mal bemühen, wenigstens einige Beschlüsse aus der Ratsversammlung auch noch mit ins Blatt zu bekommen.

    Stadtangestellte wissen nun einmal nicht, wie Journalisten wirklich arbeiten, wie viel Arbeit in manchmal ganz einfach daherkommenden Geschichten steckt. Denn wenn die Wahrheit auf der Straße läge, bräuchte es keine Journalist/-innen und keine Zeitungen. Dann würden sich die Leute einfach bücken und ihr Blumensträußchen Wahrheit mit nach Hause nehmen.
    Oder sich so eine Postille wie das „Compact“-Magazin kaufen, mit dessen jüngsten Kampagnen sich in der Titelgeschichte „Kläger und Richter“ diesmal Michael Freitag und René Loch beschäftigen.

    Antonia Weber stellt das ambitionierte Stadtteilprojekt „Perspectives“ vor, mit dem man Grünau auch einmal von einer anderen Seite kennenlernt.

    Die gesellschaftlichen Verwerfungen sind Antonias Hauptthema. In ihrem Beitrag „Wie konnte es so weit kommen?“ beschäftigt sie sich mit der Frage, warum es ausgerechnet in der künftigen Kulturhauptstadt Chemnitz so viele rechtsextreme Strukturen gibt. Das haben nämlich Soziologen inzwischen einmal genauer untersucht.

    Während Frank Willberg im Beitrag „Unser Lebensmitel Nr. 1 ist krank“ die Leipziger Probleme aufgreift, die schönen Fließgewässer sauber zu bekommen und entsprechend der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie wieder zu lebendigen Flüssen zu machen. Tatsächlich sind Weiße Elster, Pleiße und Parthe chemische Cocktails, in denen man auf keinen Fall baden sollte (was einige wirklich närrische Zeitgenossen trotzdem tun) und die dringend wieder zu Flüssen gemacht werden müssen, die wieder eigene Reinigungskräfte entfalten.

    Relevant ist auch die Frage, wie das unter Jürgen Zielinksi erfolgreiche Theater der Jungen Welt unter seiner neuen Intendantin Winnie Karnofka weitermacht. Antonia Weber hat sie zum Interview gebeten.

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ
    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ

    Und natürlich sind auch die Aktenbestände der Stasi-Unterlagenbehörde relevant, welchselbe ja in diesem Jahr aufgelöst wird. Aber die Bestände bleiben natürlich trotzdem vor Ort. Ein Thema, mit dem sich Lucas Böhme beschäftigt, denn der Wechsel in eine neue Trägerschaft bedeutet auch eine Fokuserweiterung mit dem Blick auf die Herrschaftsmechanismen in der DDR.

    Und relevant ist natürlich auch, wenn allein schon ein Buch von Sahra Wagenknecht genügt, um scheinbar unüberbrückbare Konflikte in der Linken aufklaffen zu lassen und ihren Parteirausschmiss auf die Tagesordnung zu bringen.

    Da schüttelt selbst Jens-Uwe Jopp nur den Kopf, der – anders als die meisten Wagenburgkämpfer – ihr Buch „Die Selbstgerechten“ tatsächlich gelesen hat und darin vor allem eins findet: berechtigten Diskussionsstoff für eine Linke, die sich in Identitätsschlachten verliert und für die Wähler/-innen immer weniger als eine Partei begriffen wird, die für die Belange der Mühseligen und Beladenen kämpft.

    Und während Tom Rodig über das seltsame Verlangen der Hohenzollern nach ihren einst enteigneten Schlössern schreibt, erzählt Jan Kaefer, warum eine Leipziger Judoka für die Republik Kongo an den Olympischen Spielen in Tokio teilnimmt. Womit wir wieder beim Sport sind und bei der Rolle, die Sport eigentlich spielen sollte in einer Welt, in der Nationalisten aller Fahnen gerade wieder ausprobieren, wie schön das ist, gegeneinander die Sanktionen und Tonarten zu verschärfen.

    Nicht nur außer Landes, sondern auch in hiesigen Gefilden. Denn dafür, dass die Union mit einem Wahlprogramm aus der Mottenkiste zur Bundestagswahl antritt, sind auch diverse Berater zuständig, die modernes Konservativsein wieder als puritanischen Katholizismus verstehen. Darüber macht sich im Blatt David Gray so seine Gedanken.

    Vieleicht ist das das Schwarz im Schwarz-Rot-Gold im Hütchen, vielleicht auch das Gold, weil die Herren Schwarzgekleideten ja artigste Sorge um die Reichtümer ihrer Parteispender haben.

    Erstaunlich, was so alles relevant ist, wenn man mal nicht über Fußball plaudert.

    Oder um mal einen zu zitieren, der vor 100 Jahren dabei war und sich heute genauso bestens verstanden fühlen würde: „Es ist begreiflich, dass Männer, die in Ehren grau geworden und im Austragstüberl des Lebens sitzen, auf die neue Zeit schimpfen und sich nach den schönen Tagen sehnen, wo man so bieder und geruhsam dahinwerkelte“, schrieb Hans Reimann im September 1920 „An die noch nicht gealterte Jugend“.

    „Aber Einsicht ist unbequem, und außerdem setzt sie einen ohne Befangenheit und logisch funktionierenden Denkapparat voraus. Weitaus bequemer ist es, zu lamentieren und andere für die Not verantwortlich zu machen.“

    Kommt einem doch irgendwie bekannt vor, nicht wahr?

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