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Freie Kindergartenplätze in Plagwitz: Die Leipziger Zeitreise geht weiter (5)

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    LeserclubIn Plagwitz sind Kindergartenplätze frei. Es waren eben doch andere Zeiten. Allerdings auch hinsichtlich der Kindersterblichkeit. Von 217 geborenen Kindern, sterben im Januar gleich 28 , die nicht den dritten Lebensmonat vollendet haben. Wer denkt da noch an Mehlwürmer, Theerschwefelseife gegen Sommersprossen oder die damals üblichen gigantischen Brotlaibe von bis zu acht Pfund.

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    Wir: Denn in der Lützener Straße 12, parterre, können Mehlwürmer abgeholt werden. Also auf!

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    Der Leutzscher Gemeindevorstand Uhlig macht bereits am 9. Januar die Besitzer von Hunden darauf aufmerksam, dass seit diesem Jahr eine Hundesteuer erhoben wird. „Aufgrund § 3 der Ausführungsverordnung zum Gesetz über die allgemeine Einführung der Hundesteuer werden die Besitzer von Hunden hierdurch aufgefordert, die am 10. Januar d. Jahres in ihrem Besitze befindlichen Hunde bis spätestens den 15. Januar dieses Jahres schriftlich im Gemeinde-Amt anzumelden. Die Steuerzeichen sind gegen Erlegung von 3 Mark pro Stück bis zum 31. Januar daselbst in Empfang zu nehmen.“ Hinterziehungen der Hundesteuer werden übrigens mit einer Geldstrafe von 9 Mark geahndet. In Lindenau muss man pro Hund 7,50 Mark bezahlen, in Plagwitz gar 10 Mark. Kleinzschocher legt die Hundesteuer Ende Januar auf 3,30 Mark fest.

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    In Plagwitz wird ein Kindergarten wiedereröffnet. Aber was sind das nur für ungewohnte Öffnungszeiten? „Einem geehrten Publikum von Plagwitz hierdurch die ergebene Mitteilung, dass der Kindergarten mit dem 1. Februar wieder eröffnet wird und zwar in meinem Etablissement unter der Leitung des Fräulein Minna Müller, welche ihren Kursus im Kindergärtnerinnen-Seminar von Fräulein Angelika Hartmann in Leipzig absolvierte und mir von letzterer Dame als Kindergärtnerin auf das Beste empfohlen wurde.“ Klingt schon mal gut. Aber Achtung: „Der Kindergarten ist geöffnet von früh 9 bis 12 Uhr und nachmittags von 2 bis 4 Uhr im Winter und bis 5 Uhr im Sommer-Halbjahre. Das monatliche Honorar beträgt für 1 Kind 3 Mark (also genauso viel wie die jährliche Hundesteuer/Erinnerung des Autors), für mehrere Kinder aus einer Familie tritt bedeutende Preis-Ermäßigung ein. Außerdem findet Mittwochs- und Sonnabends Nachmittag noch Extra-Unterricht in weiblichen Handarbeiten für ältere Mädchen statt. Anmeldungen werden zu jeder Zeit gern entgegengenommen im Restaurant „Zum Dampfschiff“, Kanalstraße 10. Um recht zahlreiche Beteiligung und Unterstützung bittend, zeichnet Hochachtungsvoll Clemens Zscherneck.“ Blieben zwei Fragen aus aktueller Sicht offen: Was haben die Kinder zwischen 12 und 2 gemacht und musste Zscherneck so sehr um ausreichende Belegung bangen, dass er die „Preis-Ermäßigungen“ deutlich hervorheben musste?

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    Situationsplan der Stadt Lindenau um 1890. Quelle: Stadtarchiv Leipzig
    Situationsplan der Stadt Lindenau um 1890. Quelle: Stadtarchiv Leipzig

    Am 9. Januar 1886 kann ein jeder detailliert nachlesen, wie die Reckstangen des 1849 gegründeten Allgemeinen Turnvereins Kleinzschocher im Jahre 1885 besucht waren. „An 97 Abenden turnten 592 Riegen mit 6704 Mann, pro Abend durchschnittlich 69 Mann (1884: 75 Mann). Freiübungen wurden ausgeführt in 47 Abenden von 2428 Mann, pro Abend also von 51 Mann (1884: 50 Mann).“ Den leichten Rückgang führt man auf die Turnhallensituation zurück. Immerhin: Freiherr von Tauchnitz, Cousin von Carl Christian Phillip Tauchnitz und damals im Schloss Kleinzschocher residierend, hat dem Turnverein den Turnplatz geschenkt. Zurzeit turnen 214 Mann mit, davon 41 Schüler.

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    In Lindenau sind im IV. Quartal 1885 217 Kinder geboren worden. Geordnet nach Staatsbürgerschaft in der damaligen politischen Situation ergibt sich folgende Liste: 115 Sachsen, 83 Preußen, 2 Altenburg, 4 Weimar, 3 Meiningen, 1 Koburg-Gotha, 1 Reuß. Jüngere Linie, 1 Hessen, 1 Schaumburg-Lippe, 1 Württemberg, 1 Baden, 4 Bayern. Außerdem verzeichnet der Ort im selben Zeitraum 92 Sterbefälle inklusive 5 Totgeburten. Insgesamt starben 28 Kinder unter einem Jahr in nur drei Monaten. 24 Kinder zwischen einem und fünf Jahren. Die Kindersterblichkeit ist in dieser Zeit offenbar noch höher, als man denkt. Als Todesursache werden angeführt: 12 Personen an Diphteritis und Croup (schottischer Name für Diphterie/Anm. des Autors), 4 an Magen-, Darmkatarrh, Brechdurchfall, 23 an Krämpfen, 1 an Masern, 7 an Lungenschwindsucht, 2 an Brustfellentzündung, 2 an Altersschwäche, 1 an Herzlähmung….

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    Sommersprossen? „Bergmann’s (sic!) Original-Theerschwefelseife“ kann vielleicht helfen? „Allein echtes, erstes und ältestes Fabrikat in Deutschland. Anerkannt von vorzüglicher Wirkung gegen alle Arten Hautunreinigkeiten, Sommersprossen, Frostbeulen, Finnen etc. vorrätig. Stück 50 Pf. Bei Jul. Wiesenhügel in Lindenau.

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    Und wer auf dem Weg ist, kann gleich noch ein Brot mitbringen. Carl Stirwocky in der Lützener Straße 13 hat feinstes Roggenbrot im Angebot – und zwar in Mengen, die man mittlerweile gar nicht mehr kennt, geschweige denn kauft: 4 Pfund 40 Pfennig, 6 Pfund 58 Pfennig, 8 Pfund 78 Pfennig“ Über die Rolle des Brots in der Lindenauer Ernährung dürfte hiermit genügend Aussage getroffen sein.

    Noch mehr Zeitreise in der Artikelserie Leipzig 1914

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