Ein kleiner Exkurs durch jüdische Sportgeschichte (3): Das Hakenkreuz hält Einzug in Leipzig + Video

Für alle LeserVergleicht man die Zeit ab 1933 mit den Zuständen in der Weimarer Republik, sprechen viele heute noch von den sogenannten „Goldenen 20ern“. Für die jüdischen Sportvereine des Landes sind es in jedem Fall die Jahre, in denen sie an allen regulären Ligen teilnehmen und ihr Vereinsleben weitgehend störungsfrei leben können. Sie sind damit vollständig in das damalige Sportwesen integriert, wenn sie auch intern noch gespalten auftreten.

Während der mit bis zu 55.000 Mitgliedern starke „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ (RjF) eher dem deutschen Nationalismus zugeneigt ist und durch die Betonung des gemeinsamen Kampfes im ersten Weltkrieg ver­sucht, dem aufkommenden Antisemitismus entgegenzuwirken, kann die Makkabi-Bewegung bis 1933 rund 8.000 Menschen in Deutschland unter ihrem Sportverband und dem Traum eines neuen, eige­nen Staates Israel vereinen.

Dennoch zeigen sich bereits vor und mit dem Erstarken der NSDAP gegen Ende der 20er Jahre die antisemitischen Tendenzen in Österreich und Deutschland immer deutli­cher. Beispielhaft dafür steht der Beschluss des Dachver­bandes der Deutschen Burschenschaften, bereits ab 1920 nur noch Menschen „frei von jüdischem oder farbigem Bluteinschlag“ aufzunehmen und die Gründung des para­militärischen „Stahlhelm“-Verbundes im Jahr 1924. Letzterer geradezu ein nationalistisch-rassistischer Gegenentwurf zum Gedanken der Integrati­onsbemühungen des RjF in die deutsche Gesellschaft.

Im I. Weltkrieg zogen viele Juden auf deutscher Seite in den Krieg. Foto: Repro der "Neuesten Leipziger Nachrichten" zum Kriegsbeginn 1914, Stadtarchiv Leipzig

Im I. Weltkrieg zogen viele Juden auf deutscher Seite in den Krieg. Foto: Repro der „Neuesten Leipziger Nachrichten“ zum Kriegsbeginn 1914, Stadtarchiv Leipzig

In den Stahlhelm-Orga­nisationen ist den jüdischen Mitbürgern jede Beteiligung verwehrt, heute gilt der reaktionäre Verbund als die heimliche Reserve der Wehrmacht und Mittel einer Wiederbewaffnung Deutschlands im Vorfeld des zweiten Weltkrieges.

Auch viele Turnvereine schließen sich in dieser Zeit mehr und mehr der völ­kischen Rassenideologie an und verankern noch vor dem Jahr 1933 freiwillig sogenannte „Arierparagraphen“ in ihren Satzungen. Die Ausgrenzung der deutschen Juden verläuft demnach schleichend bereits in den 20er Jah­ren und verschärft sich mit der Machtübernahme der Nati­onalsozialisten am 30. Januar 1933. Sportvereine wie Bar Kochba Leipzig dürfen daher bereits in dieser Zeit als zunehmend bedrohte Inseln eines freien jüdischen Lebens in Deutschland betrach­tet werden.

Noch wird der Verein nicht direkt atta­ckiert, doch in der Zeit von 1933 bis 1938 werden die Repressalien schlimmer.

So werden nun alle Aktivitäten jüdischer Vereine poli­zeilich überwacht, Hebräisch wird als Sprache untersagt und seit 1934 muss auch Bar Kochba Leipzig alle Ver­anstaltungen 48 Stunden vorher anmelden. Bald darauf folgt ein Verbot für das öffentliche Tragen einheitlicher Sportkleidung außerhalb von Sportveranstaltungen. Zeit­dokumente belegen neben den staatlichen Einschränkun­gen bereits bis 1935 auch den alltäglichen Antisemitismus in der Leipziger Bevölkerung. Beschwerden über „Veranstal­tungen von Juden“ häufen sich, Denunziationen werden all­täglich, gern tarnt man den Hass noch mit Lärmbeschwerden.

Oder, wie im Falle Bar Kochbas, scheint man bereits den Anblick meiden zu wollen. Der Bau der Sichtschutzmauer am Sportgelände Delitzscher Straße geht auf die Interventionen benachbarter Kleingärtner zurück, welche sich nun auf einmal von den Sportaktivitäten vermeintlich gestört fühlen.

Zynismus der Geschichte: Nachdem im Jahr 2013 Reste der „Judenmauer“ von Vertretern der „Initiative 1903“ und dem Vorstand vom Tüpfelhausen e.V. entdeckt werden, kommt es am 1. März 2016 zur Zerstörung der letzten Teile einer Erinnerung. Im Zuge nicht genehmigter Erdarbeiten graben Bauerarbei­ter die Mauerreste um und zerstören neben dem Baumbestand, welcher aus der Gründungszeit Bar Kochbas stammt, somit die letzten öffentlich sichtbaren Zeichen des jüdischen Sportvereins in Leipzig. Der Fall geht zeitgleich durch die Me­dien, was den Verlust nicht mehr verhindern kann, da sich die Behörden erst über den Urheber der Bauarbeiten unwissend, dann zu langsam zeigen, um dem Treiben Einhalt zu gebieten.

Die letzten Reste auf dem ehemaligen Sportplatz von Bar Kochba, die "Judenmauer" nach der Zerstörung. Foto: Privat

Die letzten Reste auf dem ehemaligen Sportplatz von Bar Kochba, die „Judenmauer“ nach der Zerstörung. Foto: Privat

Im Jahr 1934 herrscht dennoch verhaltener Optimismus bei Bar Kochba, man hofft auf eine eigene Regelung für den jüdischen Sport in Deutschland. Mit der 1934 erlassenen Richtlinie „Für den Sportbetrieb von Juden und Nichtariern“ wird durch Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten tatsächlich ein Reichsausschuss jüdischer Sportverbände gegründet. Neben dem negativen Effekt der weiteren Absonderung des jüdischen Sports führt diese Zwangsvereinigung zu einer Schlichtung zwischen den zionistischen Makkabi-Vereinen wie Bar Kochba und dem „Reichsbund jüdischer Front­soldaten“ (RjF).

Dass es ab da noch schlimmer kommen soll, kann man auch in Leipzig nur ahnen …. (Mehr im abschließenden Teil 4 am 10. November)

Vielen Dank für die inhaltliche Unterstützung und Freigabe des Textes/der Bilder an den Verein Tüpfelhausen e.V.. Informationen zum jährlichen Fußball-Begegnungsfest finden sich unter www.fussballbegegnungsfest2016.de

Zeitreise Artikelserien auf der L-IZ.de

www.l-iz.de/artikelserien/oestlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/westlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/leipzig-1914

Leipzig 1935 (Video) – Youtube Karl Hoeffkes

Video aus dem Fundus (bei Youtube)
www.karlhoeffkes.de

In eigener Sache: Für freien Journalismus aus und in Leipzig suchen wir Freikäufer

https://www.l-iz.de/bildung/medien/2016/11/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

* Video *Bar KochbaZeitreiseNovemberpogrome
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