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Zeitreise in den Leipziger Westen (Teil 3): Leipzig will mehr Macht in Sachsen

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 38Das Jahr 1891 ist ein wichtiges in der Messestadt. Enorme Wachstumsraten bei der Bevölkerung durch Eingemeindungen, eine Verwaltung für immer mehr Menschen wird nötig und eine neue politische Kraft macht sich bemerkbar. Die SPD – jahrelang durch den eisernen Kanzler Bismarck mit „Sozialistengesetzen“ traktiert, blüht bei wachsenden Arbeiterzahlen auf. Doch Leipzig hat neben einem wachsenden Machtanspruch als größte Stadt Sachsens auch mit der wachsenden Kleinkriminalität zu kämpfen. Die Zeiten sind rau, geschenkt wird einem nichts.

    Leipzig will mehr. Durch die Verdopplung der Einwohnerzahl fordert die Kommune eine Erhöhung der Landtagsmitglieder von zurzeit drei auf dann fünf und vergleicht sich mit Dresden. Wie heute klar ist, beileibe nicht zum letzten Mal und mit immer gleichem Ausgang – Leipzig wächst einfach schneller als die Landeshauptstadt im schönen Elbtal. „Es ist hernach angezeigt, die Vertretung der letzteren um 2 Abgeordnete zu vermehren, mithin die Stadt Leipzig der Stadt Dresden, welche nach der Volkszählung von 1890 sogar noch wesentlich weniger, nämlich nur 275.085 Bewohner hat, gleichzustellen.“

    Aber wie soll das vonstatten gehen? Wer wissen will, warum in Deutschland bis heute die Zahl der Parlamentarier meist immer nur gewachsen und auch in Abschwungphasen selten gesunken sind, möge hier aufmerksam lesen. Denn „Seit eh und je versammeln sich im Landtag 35 sächsische Abgeordnete aus den Städten und 45 Abgeordnete vom Land, das ist in der Verfassung festgeschrieben“, so die Westend-Zeitung.

    Sollen anderen Städten Wahlkreise gestrichen werden? „Ohne Neuwahl nicht möglich.“ Sollen den Abgeordneten vom Land zwei Wahlkreise gestrichen werden? „Auch dieser Ausweg würde einmal ohne eine allgemeine Erneuerung der Kammer nicht ausführbar sein und sodann erheblichen Bedenken aus dem Grunde begegnen, weil in manchen Wahlkreisen des platten Landes ebenfalls eine ganz wesentliche Vermehrung der Einwohnerzahl stattgefunden hat, welche den Antrag auf Erhöhung der Zahl der Abgeordneten veranlassen könnte.“

    Und so wird ein dritter Weg vorgeschlagen, der zunächst als ausgeschlossen galt: „Die Zahl der Landestagsmandate soll erhöht werden. Wie das Land reagiert, ist zurzeit offen.“ Man ahnt es …

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    Während sich die wachsende Arbeiterschaft zunehmend in der SPD organisiert, wächst auch die Leipziger Universität. Sichtbar an den Abgangszahlen „An der Universität Leipzig haben im Sommersemester 1891 insgesamt 280 Promotionen stattgefunden, davon entfallen auf die theologische Fakultät 1 (honoris causa), die juristische 50, die medizinische 145 (darunter 1 honoris causa) und die philosophische 84 Promotionen.“

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    Verwurschteltes findet ebenfalls Platz in der Zeitung. Damals wie heute gilt: Unfälle, Kriminalität und Gewalt interessieren, mag die Meldung auch noch so klein sein. „Am Dienstag Vormittag geriet in der Weisenbahnstraße zu Sellerhausen ein Schänkwirt beim Wurstmachen durch eigene Unvorsichtigkeit mit der linken Hand in das Zahnrad der Wurstmaschine, wobei ihm das erste Glied des Mittelfingers abgerissen wurde.“ Über den Verbleib des Gliedes schweigt des Redakteurs Pietät.

    Der damalige Ratssaal als Vollbild. 2017 soll der heutige erneuert werden. Bild: Stadtarchiv Leipzig
    Der damalige Ratssaal als Vollbild. 2017 soll der heutige erneuert werden. Bild: Stadtarchiv Leipzig

    Die fetten Jahre sind vorbei. Lindenau wächst nach mehreren Boomjahren infolge erstmal nicht mehr. „Wie uns mitgeteilt wird, kann es wohl als sicher bezeichnet werden, daß die Zunahme an Einwohnern in Lindenau in dem zu Ende gehenden Jahre weit hinter dem Wachstum der vorausgegangenen Jahre zurückgeblieben ist. Man will in erster Linie für diese Erscheinung mit Recht den Grund in der allgemein schlechten Geschäfts- und Gewerbslage finden.“ Was nicht zu finden ist, ist die detaillierte Auseinandersetzung mit flankierenden Fragen. Ob es zudem wohl auch die da gerade erst geplanten, also noch fehlenden Neubauten, steigende Mietzinsen, steigende Kriminalität im Quartier oder gar das Ausbleiben des schubversprechenden Kanalbaus ist, was das Wachstum in Lindenau dämpft, bleibt der Redakteur schuldig.

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    So ein Kaspertheater, aber eine Meldung wert. „Ein hiesiger 13-jähriger Schulknabe, der sich schon wiederholt verschiedene Unredlichkeiten hatte zu Schulden kommen lassen, sollte in einer Besserungsanstalt untergebracht werden.“ Aber schon damals sind Straftäter erfinderisch. „Derselbe mochte von dieser beabsichtigten Veränderung nicht sehr entzückt sein, er suchte nach weiter verübten Diebstählen vor 3 Wochen das Weite.“

    Wie weit, ist hingegen erstaunlich für die damalige Zeit. So fuhr er nicht nur nach Chemnitz, wie die Zeitung erfahren hat, sondern machte sich in einem ziemlichen Bogen bis Bamberg davon. „Jetzt wurde er in Bamberg mit einem Kaspertheater herumziehend aufgefunden, verhaftet und unter sicherem Geleit hierher transportiert. Seine Unterbringung in der betreffenden Anstalt dürfte nunmehr etwas beschleunigt werden.“ Ob diese damals eher aus Prügel, Nahrungsentzug und Strafen bestehende „Besserung“ geholfen hat, ist nicht mehr zu erfahren.

    Überhaupt scheint – geht man von der Menge der Meldungen zu kriminellen Straftaten dieser Zeit in der „Westend-Zeitung“ aus – das Leben ein einziges Betrügen, Stehlen und Sterben gewesen zu sein. Vielleicht eine Parallele für spätere Generationen, welche sich fragen könnten, warum auch heute in Leipzig so viele Meldungen bei sinkender Kriminalitätsbelastung veröffentlicht werden.

    Es funktioniert heute wie damals, wetten? Also hier noch ein Beispiel am Ende des dritten Teils des Ausfluges in den Leipziger Westen des Jahres 1891. Geschrieben wird von einem kleinen Betrüger, der sich im Glücksspiel mit seinen Gästen versuchte. „Der Restaurateur Erdmann Max H. hatte in der Zeit vom 20. September bis 8. November d. J. bei Gelegenheit der jeden Sonntag von ihm veranstalteten Konzerte jedem der Besucher zugleich mit dem Programm zum Preise von 25 Pf. ein mit einer Nummer versehenes Los ausgehändigt, die Nummern dann später eingesammelt und je drei davon ausgelost. Die Gewinner erhielten 15, 10 und 5 Mk. Am 6. Dezember wurden H. diese Auslosungen polizeilich verboten.“

    Den Grund kann man nur vermuten. Doch bereits damals galten Gesetze, welche das Glücksspiel regelten. Was den Restaurateur jedoch vom illegalen Gelderwerb nicht abbringen kann – er ändert einfach die Masche. „Er annoncierte nun, er werde jedem Konzertbesucher ein Kouvert mit Inhalt einhändigen, der sich in drei Fällen auf 15, 10 und 5 Mk. belaufen würde. Wie H. angibt, hatte er jedoch in keines der Kouverts das Geld hineingelegt; ferner führte er zu seiner Entlastung an, daß er zu dieser Lotterie-Einrichtung durch die Konkurrenz gezwungen war. Das Landgericht sah in dem Vornehmen des H. nicht 8 einzelne Fälle, sondern nur eine fortgesetzte Handlung und verurteilte ihn zu 50 Mk. Geldstrafe.“

    Da war das ganze Geld also wieder futsch. Um Geld geht es neben brennenden Schulen übrigens auch im nächsten Teil der Zeitreise. In Plagwitz müssen endlich neue Schulen gebaut werden, die Buchdrucker streiken und der Vorläufer der LVB teilt die monatlichen Beförderungszahlen mit.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Die Zeitreise in den Leipziger Westen (Teil 2): Ein Dezember im Jahr 1891

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