Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 2): Fake News, Streit um Augustusplatzbebauung und Wohnungsnot im Jahr 1927

LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus Ausgabe 41Während sich heute die Sorgen im globalen Heptagon Russland, USA, Großbritannien, Deutschland, China und Indien abspielen, ist Reichsaußenminister Gustav Stresemann Anfang 1927 besorgt um die englisch-russischen Beziehungen. Aufgrund der Krise zwischen beiden Staa­ten soll sogar noch mal der „Völkerbund“ zusammentreten – unter Stresemann, der damals sogar den Vorsitz führt. Die Beunruhigung sei aber laut eines diplomatischen Korrespondenten des „Daily Telegraph“, der immerhin damals in der NLZ schreibt, unrichtig gewesen. Fake-News-Alarm!

Denn, so der Redak­teur, konkret sei nicht zutreffend, „daß Großbritannien Polen eine Anleihe von 10 Millionen Pfund Sterling versprochen habe, wofür Polen englisches, statt wie bisher, französisches Kriegsmaterial kaufen werde.“ Und 2. „da Großbritannien, das Polen als Sturmbock gegen Rußland zu gebrauchen wünsche, versprochen habe, keine Revision der deutsch-polnischen Grenzen während einer Periode von 15-25 Jahren zuzulassen.“

Aber Polen will offenbar Kriegsmaterial kaufen, soviel scheint doch festzustehen. Und die Schutzmacht Großbritannien ist der Garant für stabile deutsch-polnische Grenzen, bis Gleiwitz zumindest.

Und weiter geht es mit Nachrichten die man damals noch nicht Fake-News nannte und dennoch wurde schon dementiert, was das Zeug hielt – auch via Neue Leipziger Zeitung. Der „Jungdeutsche Orden“ lässt dabei folgendes verbreiten: „Trotz der sofortigen Widerlegung läuft noch immer die unrichtige Nachricht durch die Presse, daß der Jungdeutsche Orden sich einer neuen föderalistischen Partei oder Gruppe anschließen wolle. Wir erklären nochmals ausdrücklich, dass diese Nachricht falsch ist. Wir haben mit dem föderalistischen Reichsbund nichts zu tun, ebenso wenig haben Führer des Jungdeutschen Ordens dem föderalistischen Reichsbund irgend­welche Unterstützung zugesagt.“

Drei Jahre später wird sich der „Jungdeut­sche Orden“ (JO), ein Sprössling aus den zahlrei­chen Freikorps nach 1918, mit der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) zusammenschließen. Er war zeitweise die größte national-liberale Organisation in der Weimarer Republik, die keine Partei war. Allerdings werden die Linksliberalen den Zusammenschluss DDP und JO daraufhin in Scharen verlassen.

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Der Alltag im März 1927 in Leipzig hin­gegen erinnert längst an heutige Zeiten, ein Fahrrad wird laut NLZ in der Dresdner Straße gestohlen und auch das ewig junge Duell zwischen Radfahrer und Auto findet am Lindenauer Markt statt: „Der junge Mann wurde vom Rade geschleudert und überfahren. Seine Verletzungen waren glücklicherweise leichter Natur.“

Fahrräder und Autos sind allerdings nicht die einzigen Straßennutzer, doch wie heute ist immer der Schwächste der Gelackmei­erte. „Ein schwerer Verkehrsunfall ereig­nete sich am Montagnachmittag gegen 5 Uhr in der Brandenburger Straße. Nahe dem Industriepalast, stießen ein Automobil und ein Aschefuhrwerk zusammen. Ein Pferd des Gespanns wurde getötet. Im Augenblick des Zusammenstoßes kam ein junges Mäd­chen auf dem Rad angefahren. Es wurde in Mitleidenschaft gezogen, umgerissen und am Kopf verletzt.“

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Die Leipziger Frühjahrsmesse 1927 steht an in Leipzig und nach den Erkenntnissen bei der Herbstmesse 1926 gibt es bei der Unterbrin­gung der Gäste einiges zu verbessern. Oder besser bei deren Überwachung und Registratur.

„Während der letzten Herbstmesse wurden von Meßinteressenten Klagen darüber geführt, daß es selbst mit Hilfe des Poli­zeipräsidiums nicht möglich gewesen sei, die hiesigen Wohnungen auswärtiger, zur Messe hier weilender Geschäftsfreunde zu ermitteln. Der Grund lag größtenteils darin, daß die hiesigen Wohnungsgeber die Meß­fremden viel zu spät, oft gar nicht angemeldet hatten, oder daß die Meßzettel so undeutlich geschrieben waren, daß sie nicht entziffert werden konnten. Hierdurch entstanden den Nachtragenden oft empfindliche Zeit- und Geldverluste. Um derartige Mißhelligkeiten möglichst zu vermeiden, werden die hiesigen Wohnungsgeber nochmals auf ihre Pflicht aufmerksam gemacht, die bei ihnen woh­nenden Meßfremden möglichst sofort, spä­testens aber innerhalb 24 Stunden polizeilich anzumelden.“

Und so mahnt die NLZ: „Die Wohnungs­geber werden darauf aufmerksam gemacht, daß nur sie, nicht aber die Meßfremden zur rechtzeitigen Anmeldung verpflichtet sind, und daß bei unterlassener rechtzeitiger Anmeldung Bestrafung eintritt. Die Beher­bergungssteuer ist weggefallen.“

Na siehe da. Und nun will sie Leipzig wie­der einführen, allerdings getarnt unter dem Namen „Gästetaxe“.

Der Ratssaal im Neuen Rathaus um 1920. Bild: Pro Leipzig Verlag

Der Ratssaal im Neuen Rathaus um 1920. Bild: Pro Leipzig Verlag

Nachdem der Stadtrat es im Jahr 1926 offenbar gleich zweimal verschob, über die Ausgestaltung des Augustusplatzes zu spre­chen, soll es am Mittwoch, den 2. März so weit sein. Schon seit 1925 sind die Pläne des Baumeisters und Bankiers Kroch bekannt, der an der Stelle der Theaterpas­sage ein Hochhaus errichten will. Es wird gelingen, doch Bedenkenträger waren auch damals schnell gefunden. Das Hochhaus würde das „Bild des Augustusplatzes beein­trächtigen“, steht zu lesen.

Der damalige bis heute für Leipzig stilprä­gende Leipziger Stadtbaurat Hubert Ritter traf sich und verhandelte mit Kroch und letztlich einigte man sich auf die Ausschrei­bung eines Wettbewerbs zur Ausgestaltung des Augustusplatzes. Offenbar ein nie aus der Mode kommender Schachzug, was den Firmen bei Gesprächs-Sackgassen der Arbeitskreis, ist den Architekten und Bau­herren der Wettbewerb.

Denn in der NLZ heißt es: „Dieser Wettbe­werb, dessen Kosten zum überwiegenden Teile das Bankhaus Kroch trug, konnte angesichts der Umstände, die ihn herbeiführten, nur den Zweck haben zu zeigen, inwieweit sich die Ausgestaltung des Platzes, gleichviel in welcher Form, mit der Erbauung eines Turmhauses an der erwähnten Stelle vereinbaren ließe.“

Dumm nur, dass es zahlreiche Wettbe­werbs-Teilnehmer gab, die die missverständ­lich formulierte Ausschreibung auch prompt missverstehen. „Sie betrachteten den Augus­tusplatz einfach als Baugelände. Darin mußten sie bestärkt werden, weil in dem Wettbewerb noch von der Anordnung ‚etwaiger Läden‘ die Rede war, und Läden doch in der Regel nur in Häusern eingebaut werden.“ Aber so war es nicht gemeint. Im Februar 1926 musste sich Stadtbaurat Ritter rechtfertigen, was denn nun eigentlich das Ziel dieses Wettbewerbs sei.

Er dürfte sich in einer ähnlichen Situation befun­den haben, wie der von Oberbürgermeister Burkhard Jung nach dem misslungenen Wett­streit um das „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ heutiger Tage.

Ritter jedenfalls retourniert geschickt: „Unter städtebaulicher Ausgestaltung versteht man die Durchbildung der Platzwände und der Platzfläche.“ Offenbar jedoch kommt diese Anmerkung zu spät und „zweitens suchen die meisten Architekten sicherlich ihre Auf­gaben auf einem anderen Gebiete als dem der Durchbildung von Platzflächen.“ Folgerichtig erreichten die Stadtverwaltung fast aus­nahmslos Entwürfe, die eine Bebauung des Platzes vorsehen.

Eine Katastrophe einerseits, andererseits frotzelt der Redakteur: „Sie haben, wie der Stadtver­ordnetenvorsteher sagte, das eine Gute gehabt, daß sie uns zeigten, jede Bebauung werde zu einer Verschandelung des Augustusplatzes führen. Worauf allerdings entgegnet wurde, daß man, um zu diesem Ergebnis zu gelangen, keinen Wettbewerb nötig gehabt hätte.“

Das Ende vom Lied: Mit Architekt German Bestelmeyer setzte sich dennoch ein Wettbe­werbsteilnehmer unter knapp 70 Einreichun­gen durch und Stadtbaurat Ritter plante eifrig mit, wie so oft. Seine Gebäude im Stil der „Neuen Sachlichkeit“ finden sich neben dem Kroch-Hochhaus bis heute zum Beispiel beim Grassimuseum, des „Rundling“ in Lößnig und im Westbad wieder. Auf Ritters Gene­ralbebauungsplan für Leipzig fußen bis heute alle maßgeblichen Pläne der Messestadt und weitere Bauten, wie der heutige Kohlrabizirkus an den Tierkliniken.

Und da steht es heute - erbaut mitten in einer Wohnungsdebatte ähnlich der heutigen. Das Kroch Hochhaus am Augustusplatz. Foto: L-IZ.de

Und da steht es heute – erbaut mitten in einer Wohnungsdebatte ähnlich der heutigen. Das Kroch Hochhaus am Augustusplatz. Foto: L-IZ.de

Die Ablehnung der Platzbebauung erfolgt damals übrigens trotz großer Wohnungsnot in der Messestadt. Ja, hier sieht man Parallelen zum heutigen Leipzig, aber wir sind nach wie vor im Jahr 1927. Doch wo zu unserer Zeit gern darüber debattiert wird, ob es nun 100, 200 oder gar 300 dauerhaft Wohnungslose gibt, sehen die Zahlen vor 90 Jahren ganz anders aus.

Denn wie der Dezernent des Wohnungs­wesens laut NLZ kürzlich in öffentlicher Sitzung bekannte, haben 17.000 Personen keine eigene Wohnung. „Ist es da nicht eine sittliche Pflicht, diesen bedauernswerten Menschen durch Wohnbauten zu helfen statt Verschönerungsbauten aufführen zu wollen?“, klagt der Redakteur und legt direkt einen Evergreen der Stadtplanungs- und Bildungskritik nach.

„Müssen wir wirklich noch daran erinnern, daß die Leipziger Lehrer seit Jahren den Bau der dringend notwendigen Schulen fordern?“ Tatsächlich riecht es nach einem klaren Investitionsstau. Wo haben wir das nur schon mal gehört? Richtig, 90 Jahre später wird Leipzig in einer ähnlichen Schulbau-Lage stecken.

Doch hier läuft sich erst einmal der NLZ-Re­dakteur warm bis heiß: „Wie oft ist Klage führt worden, daß an den Schulen zu wenig Innenreparaturen ausgeführt werden. Es wird wohl geflickt, regnet es durch ein Dach hindurch; aber an die Instandsetzung der Schulzimmer, die seit zwanzig Jahren nicht vorgerichtet sind, denkt kaum jemand. Man übersieht es trotz aller Beschwerden, daß die Fenstervorhänge zerfasern, daß während der Unterrichtsstunden der brüchige Deckenputz den Kindern auf die Köpfe fällt. Der Rat hat dafür kein Geld.“

Einmal in Rage, schreibt sich unser Bericht­erstatter aus dem Jahre 1927 besser gleich den ganzen Frust von der Seele. Und holt zum Rundumschlag aus: „Er hat aber keins für die Verbesserung der Straßenbeleuchtung, die noch nicht den Ansprüchen der Großstadt – mit Ausnahme der Messezeit – genügt. Der Rat hat aber auch kein Geld zur Durchfüh­rung des längst angekündigten Bäderpro­grammes. Er hat offenbar nur Millionen für Museumsneubauten. Soll man endlich noch daran erinnern, daß fast alle Anstrengungen der Stadtverordneten vergeblich waren, den Rat von der Notwendigkeit zu überzeugen, den Kleinrentnern, Fürsorgeempfängern und Erwerbslosen über die geringe gesetzliche Unterstützung hinaus mit Naturalbeihilfen oder Sonderunterstützungen über die schwerste Zeit hinwegzuhelfen?“

Der Leipziger Marktplatz um 1920, fast alles schon so, wie heute. Nur Automobile und Pferdedroschken sind noch gemeinsam unterwegs. Bild: Pro Leipzig Verlag

Der Leipziger Marktplatz um 1920, fast alles schon so, wie heute. Nur Automobile und Pferdedroschken sind noch gemeinsam unterwegs. Bild: Pro Leipzig Verlag

Der Puls wird anschließend zwar etwas niedri­ger, doch vom Ruhepuls bleibt er noch weit ent­fernt. „Zu all diesen Plänen teil der Rat nur mit, daß er den Bau einer Stadthalle in Verbindung mit einem Stadion und einer Sporthalle auf dem Gelände der Lindenauer Wiesen durch­führen will. Die Finanznot Leipzigs, so klingt es vom Rathaus, verbiete die sofortige Ver­wirklichung der oben angedeuteten sozialen Pläne. Wie verträgt sich aber die wiederholte Betonung dieser ratsamtlichen Sparsamkeit mit dem Projekt des Augustusplatzes?“

Und so langsam schwillt die Halsschlagader wieder deutlich an, der Journalist zeigt sich schon damals als gekränkter Idealist: „Wohnungsfürsorge, Schulgesundheitspflege, Sozialpolitik – drei wichtige, wenn nicht die wichtigsten Punkte im kommunalen Aufga­benkreis – müssen mehr als bisher berück­sichtigt werden. Warum wir das noch einmal sagen? Weil in Leipzig noch immer Kräfte am Werk sind, die mit einer Handbewegung unbequeme sozialpolitische Probleme als ‚unwichtig‘ beiseite schieben, da ‚nach und nach‘ doch alles an die Reihe komme.“

Der Frust ist mit jedem Wort greifbar und er wird nicht kleiner. Genau genommen, nimmt er heutige Formen an, der bekannte Zwist zwischen Presse und Politik bricht los, bekannte Töne werden laut. Oder schlicht: Es war eben früher nicht alles besser – es war eher einfach nur früher und vieles gleich.

„Sie wollen es nicht hören, daß hunderttau­sende Menschen in Erregung kommen, wenn längst versprochene Reformen Jahr zu Jahr verschleppt werden. Wohnungssuchende, die seit fünf oder sechs Jahren auf eine Wohnung warten, können es einfach nicht verstehen, wenn man für einen Museumsneubau sechs bis sieben Millionen Mark ausgibt und dann nur knapp 1.000 Wohnungen pro Jahr erbaut. Diese Heimlosen würden es noch weniger begreifen, dass in der Zeit bitterster Woh­nungsnot vielleicht ebensoviele Millionen für die Ausgestaltung des Augustusplatzes geopfert werden sollen.“

Das Kroch-Hochhaus entstand dennoch.

Nichts ist es also mit den „Goldenen 20ern“ in Leipzig, die sowieso eher ein Phänomen Ber­lins sind. In der Messestadt geht es dagegen für Viele ums Überleben. Die Suche nach Arbeit treibt zahlreiche Menschen in die Hände von Gruppen, die heute Drückerkolonnen genannt werden. Sie sollen an den Wohnungstüren Pro­dukte verkaufen, die der Hausfrau den Gang in den Laden erspart. Dafür kaufen sie die Artikel bei ihrem „Generalvertreter“ ein, der sie mit einem „älteren Reisenden“ in drei, vier Häuser zum „anlernen“ schickt und dann geht es los. Mehrmals am Tag klingelt es daher damals an den Wohnungstüren.

Zehn bis 30 Prozent Provision erhalten die Verkäufer, das lockt natürlich. Es sind quasi die Vorgänger der Spam-Mails, die Verdienstmöglichkeiten von „5.000 Euro an einem Tag“ versprechen.

Das Problem ist laut Neuer Leipziger Zeitung nur: „Für die teuren Waren besteht so gut wie gar kein Interesse, und wer kauft, tut es mehr um des erbarmungswürdigen Reisenden wil­len, der dennoch mehr an den Schuhsohlen abläuft als er verdient.“

Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 1): Verdammt lang her?

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