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Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 4): Verrohte politische Sitten, ein Tafelvorgänger und im Stadtrat rappelts mal wieder

Von Marko Hofmann & Michael Freitag

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Ausgabe 42Die Frühjahrsmesse steht an in Leipzig. Umtriebiges Gewimmel gibt es bereits im Vorfeld, es werden einerseits dringend noch Fachkräfte gesucht, andererseits stehen die Bedürftigen am heutigen MDR-Gelände Schlange um ein Stück Fleisch. Im Rathaus wird gestritten was das Zeug hält und so mancher verliert dabei seine guten Sitten und die Fakten aus dem Auge. Und eine sachsenweite Weltberühmtheit dichtet in der Neuen Leipziger Zeitung. Nein, nein. Wir sind immer noch im Jahr 1927 in der aufstrebenden Messemetropole Leipzig.

    Das Städtische Arbeitsamt teilt unterdessen im Vorfeld der Leipziger Frühjahrsmesse 1927 wenig Erfreuliches mit: „Die große Arbeitslosigkeit erfordert drin­gend, tunlichst alle Messaushilfsarbeiten nur Arbeitslosen oder Bedürftigen zu übertragen. […] Bei der schlechten Arbeitsmarktlage kön­nen zum Plakatträgerumzuge nur Arbeitslose und Bedürftige als Träger zugelassen werden. Alle Träger müssen daher mit einem besonde­ren Ausweis des Öffentlichen Arbeitsnachwei­ses versehen sein.“

    Also noch schnell zu einigen Stellenanzei­gen dieser Zeit, was wird denn außerdem gesucht? „Sauberer und anständiger 13-jähr. Schuljunge, geweckt und fleißig, für die Nach­mittagsstunden sofort gesucht, Georg Schnorr, Katharinenstraße 17.“ Was mit der Anzeige wirklich gemeint ist, lässt sich heute kaum noch entschlüsseln. Doch in heutigen Ohren klingt es nicht gut oder wer würde da seinen Sprössling ernsthaft hinsenden?

    Die Sanssouci -Festsäle suchen derweil für die Messezeit „eine Mamsell“. Ob es sich hierbei zum Beispiel um das „Etablissement Sanssouci“ in der bis heute sogenannten Elsterstraße oder der „Salon Sanssouci“ in der Neuschönefelder Otto-Runki-Straße handelt, ist heute leider nicht mehr prüfbar. Nicht grundlos ist die ein­ladende, ins deutsche übersetzte Bezeichnung „Ohne Sorge“ auch durch das weltbekannte Potsdamer Rokokoschloss des alten Fritz beliebt. Es gibt also mehrere sorglose Häuser in Leipzig, oft genug werden schon 1927 auch andere Dienstleistungen vermittelt.

    Auch für die „Hausierer“ ist das Leben in der Drückerkolonne kein Leichtes, denn ein erpresserisches System regiert die Branche der Haustürverkäufe. Schon am ersten Tag ist manch einer entmutigt und will die zum Verkauf überlassenen Waren wieder an den Generalvertreter loswerden. „Aber das ist nicht einfach. Die kleine Kaution, die für den Reisenden zum Leben nötig ist, wird eisern festgehalten und zum wenigsten der Absatz des ersten Warenpostens verlangt. Damit muß sich der Bedauernswerte tagelang quälen.“, so die NLZ zur Praxis, wie 1927 Waren auf den Markt gedrückt werden, die man eher nicht braucht.

    Doch der eine oder andere akklimatisiert sich doch und bleibt dabei – denn das Anstehen im Schlachthaus ist auch nicht eben schön. In Berlin arbeiten im November 1926 300.000 Menschen als Hausierer und gehen klingelnd von Tür zu Tür. Das ist damals jeder Zehnte. Auch in Leipzig ist die Zahl sehr hoch und natürlich gibt es in dieser Branche nicht nur „ehrenwerte“ Reisende. Die NLZ: „Oft genug wird das Hausieren nur als Nebenbewerb betrieben um das ‚Klingelfahren‘ oder ‚Aus­baldowern‘ von Einbruchsgelegenheiten zu maskieren.“

    Und das wirft wiederum die Frage auf, ob man überhaupt auf jedes Türklingeln reagieren sollte. Oder eben irgendwelche E-Mails zu öffnen, in denen etwas von guten Verdienst­möglichkeiten steht.

    Und am Ende?

    Der Leipziger Bürgerbund beklagt zu wenig Platz für die Toten im Norden von Leipzig. Bis zu 1.000 Menschen sterben pro Jahr im St. Georg Krankenhaus. Die Gottesacker der Gohliser Kirchgemeinden sind voll, der Eutritzscher Friedhof soll wegfallen und auch in Möckern ist kein Platz mehr. „Die Zunahme der Bevölkerung im Norden unserer Stadt wird mit der fortschreitenden Bebauung immer stärker und es darf deswegen nicht versäumt werden, rechtzeitig für eine neue große und moderne Friedhofsanlage im Norden der Stadt zu sorgen, zumal eine solche Anlage einige Jahre zu ihrer Entstehung bedarf“, lautet die Forderung.

    Bis heute lassen sich die Leipziger eher im Süden und Südosten der Stadt begraben. Gestorben wird immer, aber den Leipziger zieht’s offenbar spätestens dann in den Süden und Südosten der Stadt. Hier finden sich die größten und schönsten Grabanlagen bis heute.

    Doch bevor das Ende kommt, ist hektische Betriebsamkeit angesagt. So scheint es eine Randnotiz in der NLZ, doch auch damals ist der Zugverkehr eine feste Größe: „Eine Zugfahrt von Köln nach Leipzig über Hagen, Hildesheim, Magdeburg und Berlin dauert im Jahr 1927 geschlagene 7 Stunden und 55 Minu­ten.“ Wer nun denkt, ja, dieses Bummelzeitalter eben, der irrt jedoch. Auch heute schafft die Deutsche Bahn die gleiche Strecke lediglich rund 30 Minuten schneller – aber wer fährt schon über Berlin, wenn er nach Leipzig will? Direkt schafft es die Bahn in 4:47 Stunden auf einer Strecke, die nun direkt verbindet.

    Im Leipziger Rathaus rappelt’s mal wieder

    Das Stadtparlament widmet sich am Mittwoch wie (in Teil 1 aus dem Jahr 1927) erwartet der Ausgestaltung des Augustusplatzes, laut NLZ „eines der interessantesten Bauprobleme der letzten zwei Jahre“. Doch statt über die Bebau­ung zu diskutieren, geht es laut NLZ-Bericht hoch her und eine regelrechte Schlammschlacht um Traufhöhen entwickelt sich. Wer den Pro­zess rings um das einst von Unister geplante und nie gebaute Gebäude an der Goethestraße verfolgt hat, ahnt, wie verbissen solche Dis­kussionen um Gebäudehöhen schon damals geführt wurden. Und wie oft dabei gelogen wird, weil es um ganz andere Fragen geht.

    Zankapfel ist also nicht nur das Kroch-Hoch­haus, wenn der SPD-Abgeordnete Beyer schimpft: „Die Höhe der Bauten am Augus­tusplatz steht in keinem Verhältnis zur Größe des Platzes. Weiter entsprechen die jetzt vorhandenen Gebäude zum Teil nicht den Ansprüchen, die an die Architektur eines in hervorragender Lage befindlichen Großstadt­platzes zu stellen sind.“

    Professor Herz von den Demokraten meint: „Die Ratsvorlage ist grundsätzlich als erster Versuch auf weite Sicht zu planen zu begrüßen. Kein Leipziger Platz stellt sich als geschlosse­nes Baubild dar, weil früher der Bauwillkür keine Schranken gesetzt waren. Wir sind der Meinung, daß in Leipzig vieles geändert werden muss.“

    Und Stadtbaurat Ritter kündigte schon mal an, dass es (erstmals) ein grundlegendes Bebauungsgesetz für den Bereich geben wird – eines, an dem später auch „Unister“ angeblich scheitern wird. Eine generelle Festlegung, wie Gebäude auf den jeweiligen Ort bezogen sein dürfen: „Das Ortgesetz ist unbedingt notwendig, da bereits ein Plan für ein Hochhaus vorliegt“, so Ritter. Nämlich der zum Kroch-Hochhaus und es seien „weitere zu erwarten“, so Ritter.

    In der Folge kommt es zum Streit, da die SPD dem Baudezernenten vorwirft, dass er, der – wie aus Teil 1 der Zeitreise ins Jahr 1927 bekannt ist – eigentlich gegen den Bau des Hochhauses war, nun einen Entwurf mit 73 Meter hohen Türmen vorgelegt haben soll. Ritter streitet dies ab und erhält von Beyer die lapidare Antwort: „Die mir das erzählt haben, sind glaubhafter als Sie“. Danach tritt noch mal Ritter vor die versammelten Abgeordneten und ätzt. „Ich wiederhole hier im Plenum, daß ich gegen das von Beyer genannte Turmhauspro­jekt gewesen bin. Beyer hat es geschmackvoll gefunden, die Glaubwürdigkeit eines Rats­mitgliedes anzuzweifeln. Es befremdet mich, daß der Vorsitzende des Kollegiums hier nicht eingeschritten ist.“

    Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass der Stadtverordnetenvorsteher Dr. Hübler ebenfalls SPD-Mitglied ist und Ritter daher zu verstehen gibt, dass er „keinen Anlaß“ sah einzuschreiten, da Beyer ihn ja nicht beleidigt habe. „Das Recht einer solchen Meinungsäu­ßerung kann ich niemandem verwehren“.

    Schon damals also gibt es ein gewisses Pro­blem in der Unterscheidung von faktischen Falschbehauptungen und einer „Meinung“. Denn Recht behält bis heute der für die Bebauung Leipzigs wegweisende Stadtbaurat Ritter. Das Kroch-Hochhaus ist exakt 43,20 m hoch, also weit entfernt von den 73 Metern der glaubhaften Erzähler von einst.

    Bis heute der Augustusplatz, welcher 1927 nur knapp einer Umbenennung entging. Foto: L-IZ.de
    Bis heute der Augustusplatz, welcher 1927 nur knapp einer Umbenennung entging. Foto: L-IZ.de

    Warum der Augustusplatz nicht „Platz der Republik“ oder „Karl-Marx-Platz“ heißt

    Doch auch die großen Differenzen in der Weimarer Republik spiegeln sich im Leipziger Stadtrat wider. Schon damals für eine kraft­volle politische Debatte beliebt: das Namens­spiel bei Plätzen und Straßen. Denn die SPD beantragt im Rahmen der Debatte um den Augustusplatz, diesen in „Platz der Republik“ umzubenennen. Die NLZ dazu: „Das war zuviel für die KPD, die forderte, den Platz ‚Karl-Marx-Platz‘ zu taufen.“

    Die Begründung aus Sicht der Linken: „Wir haben für diese Republik keinen Pfennig übrig, denn diese Republik ist für die Arbeiter noch schlimmer als die alte Monarchie.“ Dennoch ist die KPD zu einem Spielchen bereit. Denn tatsächlich setzt sich der Vorschlag „Karl-Marx-Platz“ innerhalb der heute „OBM-Runde“ genann­ten Fraktionsversammlung zunächst durch. Der Antrag wird hier angenommen. Wie es jedoch rasch danach heißt, nur aufgrund eines „taktischen Fehlgriffes“ des Vorstehers Dr. Hübler (SPD). Der hatte nämlich zuerst über den SPD-Vorschlag abstimmen lassen und dann erst über die KPD-Idee. Obwohl die KPD zugesagt hatte, bei der Ablehnung des eigenen Vorschlags, danach die SPD zu unterstützen.

    Und so entspinnt sich eine politische Hakelei. „Da der Wunsch der Kommunisten unbe­rücksichtigt blieb, rächten sie sich und lehnten mit der gesamten Rechten die Umbenennung auf ‚Platz der Republik‘ ab. Darauf kam der KPD-Antrag zur Abstimmung. Die SPD war in der Zwickmühle; sie mußte zustimmen, denn das war sie ihrem großen Theoretiker Karl Marx schuldig.“, so die Neue Leipziger Zeitung. Überraschend eher hier, wie genau die Zeitungen damals Stadtpolitik verfolgten, dass sich die SPD noch Marx verpflichtet sah und wie es nun ausgeht.

    Weil der Rat dem Beschluss noch zustimmen musste, war er noch nicht rechtskräftig. Für die Ausgestaltung des Augustusplatzes und des Promenadenringes sollen zudem in einem „Ortsgesetz“ genaue Regelungen festgehalten werden. Fast also haben die Kommunisten ihr Ziel erreicht und fast wäre so aus dem Augustusplatz im Jahr 1927 der „Karl-Marx- Platz“ geworden. Doch Pustekuchen: Die Umbenennung des Augustusplatzes ist haltlos, weil „damit in die Zuständigkeit des Rates eingegriffen wird und weil es ferner den Interessen der Stadt Leipzig abträglich wäre und nicht verstanden würde, wenn der in der ganzen Welt bekannte Augustusplatz plötzlich umbenannt würde.“

    Die Hintertür ist also schon damals ein Bebauungsplan und die darin enthaltene generelle Regelung so mancher Verhältnisse.

    Apropos Verhältnisse

    5. März 1927: Die Leipziger Frühjahrsmesse beginnt mit 12.000 Einkäufern aus dem Aus­land und rund 10.000 Ausstellern. Ein Zustand, von dem selbst heutige Messen in Leipzig nur träumen können. Auch vom Reichspräsident Hindenburg gibt es zur Förderung der kapi­talistischen Verhältnisse ein Telegramm ans Leipziger „Meßamt“. „Zur Eröffnung der Frühjahrs-Messe entbiete ich Ihnen freund­liche Grüße und meine beste Wünschen für einen guten Erfolg der diesjährigen Messe. Möge sie im Zeichen eines wiedererstarken­den deutschen Wirtschaftslebens stehen und unserer Industrie und unserem Handel weitere Anregung und Belebung bringen., gez. v. Hindenburg.“

    Und die einzigartige Lene Voigt dichtet in der Neuen Leipziger Zeitung:

    „Meßbetrieb Vollbesetzte D-Zugs-Schlangen.
    Koffer. Liftboys. Auskunftsstangen.
    Lichtre­klame. Werbeschilder.
    Zettelregen. Gratisbilder

    Erste Frühjahrstoiletten.
    Hochfrequenz in Doppelbetten
    Petersstraße. Frauenbeine.
    Jazzbands. Stimmung. Süße Beine

    Bürgerstuben, nett zum Wohnen,
    Bergen Söhne fremder Zonen.
    Ausquartierte Ehegatten
    Ruhen sanft in Hängematten.“

    Hinweis d. Red.: Im Teil 3 der Serie „Die goldenen 20er in Leipzig“ in der LEIPZIGER ZEITUNG geht es ab 19. Mai 2017 um den angeblichen Diebstahl in Leipziger Straßenbahnen, ein legendäres Fußballspiel, geklaute Kartoffeln und das Eheleben im Jahre 1927.

    Im Leserbrief einer Ehefrau geht es in der NLZ um die Frage, ob es in Ordnung sei, dass ein Mann den Hausschlüssel einbehalten hat, weil sie sich mit Freundinnen am Abend trifft. Und im Kino laufen offenbar „schlüpfrige Filme“, während der Vorläufer von Red Bull Inserate schaltet.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Die „goldenen 20er“ in Leipzig (Teil 1): Verdammt lang her?

    https://www.l-iz.de/bildung/zeitreise/2017/03/Die-%e2%80%9egoldenen-20er%e2%80%9c-in-Leipzig-Teil-1-Verdammt-lang-her-172769

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