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Der Leipziger Wahlmarathon im Januar und Februar 1919

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    Als die Leipzigerinnen und Leipziger am 26. Januar 1919 zum ersten Mal in gleicher Wahl und unter Beteiligung der Frauen ihre Stadtverordnetenversammlung wählen konnten, wählten sie auch erstmals zehn Frauen ins Neue Rathaus. Das ist jetzt 100 Jahre her. Aber Leipzigs Statistikern war es wichtig, daran im neuen Quartalsbericht Nr. 4/2018 noch einmal deutlich zu erinnern.

    Es war ein regelrechter Wahlmarathon, der da am 19. Januar 1919 begann. Erst am 9. November 2018 hatte ja die kommissarische Regierung von Friedrich Ebert die Regierungsgeschäfte übernommen und gleich zwei Riesenaufgaben zu bewältigen, für die unsere heutigen Regierungen wahrscheinlich 20 Jahre brauchen würden, so sehr ist mittlerweile die Angst vorm Regieren zum Regierungsstandard geworden. Eine Angst, die sich gern hinter der offiziellen Abscheu vor allem Radikalen versteckt. Aber mit radikal meint man dabei oft auch die wichtigen Richtungsentscheidungen in der Politik, die immer wieder auftreten. Nur redet man dem Wähler gern ein, dass sich an seinen gewohnten Verhältnissen nichts ändern soll.

    Dabei ändern sich fortwährend sämtliche Rahmenbedingungen und Regierungen stehen immer wieder vor notwendigen radikalen Entscheidungen. Sei es etwa in der Verkehrs- oder der Energiepolitik.

    Was die Ebert-Regierung zu bewältigen hatte, war einmal der Versuch, den Krieg zu beenden und mit den Alliierten zu einem Friedensvertrag zu kommen. Als Deutschland im Januar 1919 wählte, steckte das Land im Grunde noch immer in einem unabgeschlossenen Kriegsprozess, die Seeblockade der Engländer schnitt das Land noch immer von den überseeischen Handelswegen ab, die Versorgungslage war katastrophal, ein Friedensvertrag noch in weiter Ferne, dafür kehrten die demobilisierten Truppen von der Front zurück. Das zweite Projekt war natürlich der Aufbau einer Republik mitsamt ihren demokratischen Volksvertretungen.

    Dazu wurde gleich am 19. Januar – gerade einmal mit zwei Monaten Vorlauf – die Nationalversammlung gewählt, die ja bekanntlich dann in Weimar tagte, weil die bewaffneten Unruhen eine Veranstaltung in Berlin nicht für ratsam erscheinen ließen. Am 26. Januar – also genau eine Woche später – durften die rund 430.000 wahlberechtigten Leipzigerinnen und Leipziger dann ihre Stadtverordnetenversammlung wählen.

    Vorher durften sie zwar auch schon das Stadtverordneten-Kollegium wählen. Außer die Frauen. Aber selbst bei den wahlberechtigten Männern gab es deutliche Diskriminierungen. Denn schon 1871 drohte in Leipzig zunehmend ein Erfolg der Sozialdemokraten, weshalb 1884 in Leipzig extra das Dreiklassen-Wahlrecht eingeführt wurde, das den Nationalliberalen und Konservativen in Leipzig bis 1918 die Mehrheit sicherte. Die kleine Klasse der Besitzenden und Reichen, die die Stadt im Grunde schon seit Jahrhunderten regierte, sicherte sich mit dem neuen Wahlrecht ein Drittel der Sitze.

    Ergänzt um die Klasse der Handeltreibenden, zu denen größtenteils ebenfalls Unternehmer, Händler, leitende Angestellte und Gastwirte zählten, hatten die Besitzenden eine Zwei-Drittel-Mehrheit sicher, während die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung sich in der dritten Klasse wiederfand. Da konnte die SPD selbst die Mehrheit bei den Wahlen erringen – es zahlte sich nicht in Mehrheiten im Kollegium aus.

    Das änderte sich wirklich erst 1919. Und zwar deutlich: Die beiden linken Parteien errangen zusammen die deutliche Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung. Die meisten Stimmen – 46,4 Prozent – errang die unabhängige Abspaltung der alten SPD, die USPD, genau jene Partei, die auch in Berlin die Revolution forciert hatte und vor deren Machtübernahme sich Friedrich Ebert fürchtete. Entstanden war die USPD noch während des Krieges, als immer mehr Reichstagsabgeordnete die Burgfriedenspolitik der alten SPD nicht mehr mittragen wollten. Leipzig entwickelte sich – neben Chemnitz – zu einem Schwerpunkt der USPD in Sachsen. Die 46,4 Prozent bedeuteten 33 Mandate von insgesamt 72 im neuen Stadtverordnetenkollegium.

    Die Mehrheits-SPD (MSPD) kam auf 8,5 Prozent bzw. 6 Mandate. Die restlichen Mandate entfielen auf bürgerliche Parteien, davon 17 (22,8 Prozent) auf die Deutsche Demokratische Partei (DDP), deren bekanntester Vertreter auf Reichsebene Gustav Stresemann war.

    Aber eine Woche später durften die Leipzigerinnen und Leipziger noch einmal wählen, denn da durften sie zum ersten Mal die Sächsische Volkskammer wählen, in die Leipzig damals (bei einer Bevölkerungszahl von 604.000) 24 Abgeordnete entsenden durfte.

    Da USPD und MSPD sachsenweit auf zusammen fast 57 Prozent der Stimmen kamen, kommentierten die stockkonservativen Leipziger Neuesten Nachrichten, nun sei „das Wort vom ‚roten Sachsen‘ bittere Wahrheit geworden.“

    Ein Zitat, das sich Thomas Höpel, der den Beitrag für den Statistischen Quartalsbericht geschrieben hat, nicht entgehen lassen wollte. Genauso wenig wie – in Anbetracht der tatsächlichen politischen Spielräume von USPD und MSPD – den Kommentar: „Von einer sozialistischen Mehrheit merkte man daher nicht viel.“

    Und von Frauen-Power zumeist auch nicht. Zwar hatten die Leipziger Parteien unter 112 Wahlvorschlägen zur Volkskammer-Wahl auch zwölf Frauen nominiert. Aber nur eine einzige Frau war auf der Liste so gut platziert, dass sie dann auch in die Volkskammer gewählt wurde: die USPD-Abgeordnete Anna Geyer, Journalistin und Ehefrau des LVZ-Redakteurs Curt Geyer. Aber ihr Gastspiel in der Volkskammer währte nur bis 1920.

    Für Peter Dütthorn, den amtierenden Leiter des Amtes für Statistik und Wahlen, ist aus heutiger Sicht sogar erstaunlich, dass damals jeder Wähler Einsicht in die Wählerlisten nehmen konnte, etwas, was heute nur noch einem streng begrenzten Kreis von Personen möglich ist. Aber das hat auch damit zu tun, dass es solche Wahlbenachrichtigungen wie heute noch nicht gab, die Wahlmodalitäten wurden über Aushänge und Bekanntmachungen in den Zeitungen öffentlich gemacht. Und viele Soldaten kehrten ja gerade erst von der Front zurück. Die jetzt endlich zum Wählen Berechtigten hatten also gute Gründe, sich im Wählerverzeichnis zu vergewissern, ob sie auch drinstanden und an den drei folgenreichen Wahlen teilnehmen durften.

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