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Ein berühmter Oberförster und der Ärger der Leipziger über Kahlschläge in der Nonne

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    Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz kann so manche Jahreszahl als frühes Gründungsdatum anführen. Die älteste führt ins Jahr 1896. Aber offizielles Gründungsjahr war 1908. So lange ist Umweltschutz in Sachsen tatsächlich Thema für engagierte Bürger. Und es ist ein Lernprozess. Denn der romantische Blick auf „intakte“ Natur reicht nicht. Man muss auch lernen, wie intakte Ökosysteme tatsächlich funktionieren. Und wie staatliche „Experten“ ticken.

    Es ist ein Lernprozess auf allen Seiten. Und oft merken auch die ehrenamtlich tätigen Naturschützer, wie schwer sich Verwaltungsbehörden beim Lernen tun.

    Ganz abgesehen davon, wie schwer sich auch manche Naturschutzorganisation tut, sich aus der achtungsvollen Gutgläubigkeit den Amtswaltern gegenüber zu lösen. Besonders wenn die Amtswalter Mitglied im Verein sind. Denn die schauen mit anderem Augen auf das ihnen anvertraute Gut und die Möglichkeit, es mit menschlichen Eingriffen zu bewahren.

    Ein wenig von dieser Ehrfurcht vor einem berühmten sächsischen Förster wird spürbar in einem Beitrag der „Grünen Hefte“ des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz aus dem Jahr 1915, den Hans-Jürgen Dietrich aus Karlsruhe gefunden und uns zugesandt hat. Im Februar und März 1914 muss es in Leipziger Tageszeitungen hoch hergegangen sein im Streit um die forstwirtschaftlichen Maßnahmen im Leipziger Auenwald.

    Ein Jahr später werden sie darüber ganz bestimmt nicht mehr berichtet haben, denn da steckte Deutschland ja bekanntlich im Krieg und tausende junge Leipziger waren an den Fronten oder auch schon tot. Übrigens auch ein Kronzeuge, den der Bericht im „Grünen Heft“ von 1915 noch zitiert: Oberforstmeister Friedrich Augst.

    Im Text kann man lesen, nachdem ein anderer Oberförster für den Verein eindringlich erklärt hatte, warum man den Wald „nicht sich selbst überlassen“ dürfe, sondern der städtische Forstverwaltung überlassen werden müsse, „die so viel Sorgfalt an den Tag gelegt und ästhetische Rücksichten walten läßt“: „Ich habe im Leipziger Stadtwald 1882 dienstlich zu tun gehabt und immer im Gedächtnis behalten, daß schon damals die Bewirtschaftung ganz überwiegend und mit ausgezeichnetem Verständnis nach Gesichtspunkten auf Erhaltung und Pflege der Waldschönheit erfolgte und daß finanzielle Rücksichten keine Rolle spielten.“

    Das "Grüne Heft" von 1915. Foto: Hans-Jürgen Dietrich
    Das „Grüne Heft“ von 1915. Foto: Hans-Jürgen Dietrich

    Worte, die man einordnen muss. Denn Friedrich Augst war nicht irgendwer. Der Beitrag erwähnt übrigens, dass er „inzwischen auf dem Felde der Ehre gefallen“ sei.

    Wer Friedrich Augst war, kann man im Sonderheft des Olbernhauer Amtsblatts von 2010 nachlesen. Augst war übrigens 1858 geboren, war also schon 56 Jahre alt, als er sich zum Kriegsdienst meldete – wie so viele andere Förster auch.

    Eine Gedenktafel an der Bastei erinnert an ihn, aus gutem Grund: „Seit 1989 können die Wanderer die bronzene Gedenktafel am ,Basteifelsen‘ im Dörfelgrund wieder sehen. Hier erinnert die Inschrift: Friedrich Augst Verwalter des Olbernhauer Revieres von 1894 bis 1911 an den Forstmann.“

    Auch der Nationalpark Sächsische Schweiz erwähnt Augst aus demselben Grund. Denn er gehört zu den Förstern, die in der Sächsischen Schweiz die alte Monokultur-Wirtschaft veränderten hin zu einer ökologischen Waldbewirtschaftung.

    Da ändert sich auch der Blick auf den Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der zwar als erster von einer nachhaltigen Forstbewirtschaftung schrieb. Nur hatte die Waldbewirtschaftung, die Carlowitz vorschlug, noch nichts mit einer wirklich nachhaltigen Waldbewirtschaftung zu tun.

    Es war bestenfalls das erste zarte Pflänzchen – und führte trotzdem bis weit ins 19. Jahrhundert hinein auch in der Sächsischen Schweiz zu einer Forstwirtschaft, die wir heute bestenfalls als Plantagenwirtschaft mit Nadelbaummonokulturen bezeichnen würden.

    Auf der Homepage des Nationalparks heißt es dazu: „Zu Beginn bis Mitte des 19. Jh. werden unter der Leitung von Heinrich Cotta, Vertreter der Nachhaltigkeitsbewegung nach v. Carlowitz, vollständige und moderne Vermessungen und Einrichtungen des Sächsischen Staatswaldes vorgenommen. Demnach kommt es 1815/16 zur Neuordnung der Forstverwaltung in Sachsen, mit Bildung von Forstbezirken und Revieren. Zudem erfolgt die Einführung des schlagweisen Altersklassenwaldes, der sich bald zu einer Kahlschlagswirtschaft entwickelt.“

    Das heißt: Als Augst Förster wurde, galt der flächenmäßige Kahlschlag in sächsischen Wäldern als Normalmaß für nachhaltige Waldverjüngung. Im Olbernhauer Amtsblatt wird dieses Umdenken, das mit einigen wenigen sächsischen Förstern um Augst begann, weiter so ausgeführt: „In einer Zeit, wo die Kahlschlags- und Reinbestandswirtschaft in voller Blüte stand, vertrat er stets den Standpunkt, dass alle waldbaulichen Schritte auf Dauer nur dann erfolgreich sind, wenn sie im Einklang mit den Naturgesetzen erfolgen.

    Der natürliche Wald ist seit jeher ein gemischter Wald gewesen. Mit sehr deutlichen Worten beklagt er die Monotonie des Fichtenwaldes. Am liebsten hätte er seine Hände über die noch vorhandenen Buchenwälder gehalten. Forstwirtschaftlich gilt es als eine hohe Kunst, die Buchenwälder natürlich zu verjüngen.“

    Und das „Amtsblatt“ erwähnt auch, dass Augst als einer der Ersten registrierte, welche Schäden die Industrie im Wald anrichtete: „Es ist überliefert, dass er sich um die Anlage schöner Wanderwege verdient gemacht hat. Bemerkenswert ist, dass er bereits 1913 an den Fichten im Elbsandsteingebirge Rauchschäden feststellte und der Industrie die Schuld dafür gab.“

    Der Beitrag zum Leipziger Auwald im "Grünen Heft" von 1915. Foto: Hans-Jürgen Dietrich
    Der Beitrag zum Leipziger Auwald im „Grünen Heft“ von 1915. Foto: Hans-Jürgen Dietrich

    Aber Augst konnte der Landesverein Sächsischer Heimatschutz ja nicht mehr fragen. Sie befragten dafür einen anderen Förster, den vormaligen Colditzer Forstmeister Hermann Timaeus, der wie Augst nicht nur Mitglied im Heimatverein war, sondern auch im Deutschen Forstverein. Das darf man nicht übersehen, dass man es auch beim Heimatverein zuallererst mit der Sichtweise von Förstern auf den richtigen Umgang mit dem Wald zu tun hat.

    Und dass die Methoden, die Timaeus beim Besuch der so heiß umstrittenen Leipziger Waldstücke angewendet sieht, damals eine echte forstliche Errungenschaft waren: In Leipzig wurde eben nicht mehr flächenweise abgeholzt, sondern zur Eichenverjüngung wurden Femel in den Wald geschlagen. So wie heute – nur dass der Aufschrei ganz ähnlich ist wie 1914.

    Die Argumente, die Timaeus anführt, kommen einem doch sehr vertraut vor. Denn schon damals zogen die Leipziger Förster die Eichen, die sie pflanzen wollten, in einer eigenen Baumschule nach. Und dann brauchen diese Platz und Licht, um wachsen zu können – so zitiert Timaeus die damalige Stadtverwaltung.

    Und so erklärt er es auch selbst: „Man muß eben Flächen kahlschlagen, wenn man einen kräftigen Nachwuchs heranziehen will. Das gilt nicht nur für die Eiche … (…) Weiter ist die Beschaffenheit der Neuanpflanzungen mehrfach getadelt worden. Sie werden als ,jammervolle Stöckchen in der Dicke von Peitschenhieben‘ bezeichnet, als ,Krüppel, aus denen höchstens einmal ein Gestrüpp, aber niemals ein Wald werden kann‘.“

    Er lobt die Sachkundigkeit der Leipziger Förster und endet mit der Beruhigungspille für die Leser der „Grünen Hefte“: „Aus dem allen geht jedenfalls hervor, daß die Sorgen der Leipziger Bürgerschaft um das Schicksal ihrer Wälder unbegründet sind, und daß sie volles Vertrauen zu den Maßnahmen der städtischen Forstverwaltung haben darf.“

    Timaeus hat auch genau erklärt, welche Leipziger Waldstücke er in Augenschein genommen hat: die Nonne, den Beipert und die Probstei.

    Scheinbar dieselben Schauplätze wie heute.

    Aber Augst hat in seiner Wortmeldung schon etwas angemerkt, was damals gerade erst begann, den Förstern Sorgen zu machen: „Das Sinken des Grundwasserspiegels und damit die Zopftrocknis alter Bäume ist eine im Flachlande allgemein zu beobachtende bedauerliche Erscheinung.“

    Der Grundwasserspiegel im Leipziger Süden sank aber damals schon, weil für den Kohlebergbau massiv Wasser abgepumpt wurde. Damals floss auch noch die Rödel durch diese drei Waldgebiete, die erst 1926/1927 verfüllt wurde. Seit 1866 kanalisierte auch das Pleißeflutbett die zuvor noch frei mäandernde Pleiße.

    1928 wurde es mit dem Verbindungsstück zur Weißen Elster zum Elsterflutbett. Gleichzeitig wurden diese neuen Kunstgewässer eingedeicht, sodass Nonne, Beipert und Probstei seitdem von ihren natürlichen Flussverbindungen und den zuvor regelmäßigen (Frühjahrs-)Hochwassern abgeschnitten sind.

    Die gesunkenen Grundwasserspiegel machen sich im nördlichen Auenwald durch die tiefen Einschnitte von Nahle und Neuer Luppe noch viel stärker bemerkbar.

    Die Förster haben also längst mit Problemen zu kämpfen, die es so im Jahr 1915 noch nicht gab.

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    2 KOMMENTARE

    1. „In einem Zeitungsartikel vom 25. Februar 1914: ‚Der Ruin der Leipziger Wälder‘, beschreibt Professor Dr. H. Meyer ‚das Grauen‘ das ihn bei der Waldverwüstung und der ‚unheilbaren Wunden‘, welche dem Walde geschlagen wurden, ergriffen habe. Indem er der Forstverwaltung jeden ‚Sinn für ästhetischen und ethischen Bedürfnisse der Waldfreunde‘ abspricht, fordert er, ‚die nächste Umgebung gänzlich von der Forstverwaltung loszulösen und sie der städtischen Gartenverwaltung zu unterstellen‘. Man braucht nur in der Gegenwart die Leipziger Auewaldungen zu durchwandern, um die Haltlosigkeit der Meyerschen Vorwürfe feststellen zu können. Nichtsdestoweniger fand Meyer in der Presse lebhaften Beifall, der letztlich in der Forderung gipfelte, ‚den Wald doch einfach sich selbst zu überlassen‘, ehe er ‚durch die moderne Forstwirtschaft zugrunde gerichtet‘ werde. Dem Meyerschen Artikel begegnete P.-H. Zacharias mit einer sachlichen Erklärung im Leipziger Tageblatt vom 5. März 1914: ‚Die Erhaltung der Leipziger Wälder‘, in welcher er die Ursachen der Rückgängigkeit der Alteichen mit der Erreichung der natürlichen Altersgrenze und Veränderungen des Wasserhaushaltes (infolge der Flußregulierungen und Beseitigungen von Altwässern) erklärt. Da dieser Vorgang nicht aufzuhalten sei, müsse die gegenwärtige Generation ihre Pflicht darin sehen, ‚durch möglichst umgehende Aufforstung Ersatz zu schaffen‘. Hierbei gebühre der Eiche als Lieblingsbaum des deutschen Volkes wegen ihrer Lebensdauer und ihres Nutzholzwertes der Vorrang. Als Lichtholzart aber benötige sie hierzu freien Stand.“

      „Trotz der jeder objektiven Kritik standhaltenden Handlungsweise der Stadtforstverwaltung brachte der sonst so verdienstvolle Sächsische Heimatschutz am 7. April 1914 bei der Stadt einen im Meyerschen Sinne gehaltenen Antrag ‚auf tunlichste Erhaltung der alten Eichenbestände‘ ein, den der Rat berechtigterweise mit den Bemerken ablehnte, die Beurteilung seitens des Heimatschutzes sei ‚bestenfalls aufgrund einer flüchtigen Betrachtung‘ erfolgt. Um weiteren Anschuldigungen aus dem Wege zu gehen, beabsichtigte die Stadt, erneut Gutachten forstlicher Kapazitäten einzuholen und sich schließlich auch an das wegen seiner Park- und Waldanlagen berühmten Bad Nauheim mit der Bitte um eine Stellungnahme zu wenden. Der inzwischen ausgebrochene erste Weltkrieg unterband dann alle Diskussionen dieser Art. Allerdings äußerten sich Oberforstmeister Augst, Bad Schandau und Forstmeister Thimaeus, Colditz, in den Mitteilungen des Landesvereines Sächsischer Heimatschutz, der damit sein vorschnelles Eingreifen in die Diskussionen um die Bewirtschaftung der Leipziger Stadtwaldungen korrigierte. In ihrer Stellungnahme bezeichneten Thimaeus und Augst die Angriffe gegen die Leipziger Stadtforstverwaltung als ungerechtfertigt. Den Kritikern sei zwar kein Vorwurf daraus zu machen, daß sie keine forstliche Fachkenntnis besäßen, immerhin hätten sich diejenigen, welche forstliche Maßnahmen öffentlich beurteilen wollten, vorher zumindest über die einfachsten Lebensbedingungen des Waldes zu unterrichten. Auch vom ästhetischen Standpunkt könne der Forstverwaltung nur bescheinigt werdem, daß sie sich um eine ‚feinempfundene‘ Wald- und Parkgestaltung bemühe. Die Sorge der Kritiker um das Schicksal der Stadtwaldungen sei daher unbegründet. Sie dürften volles Vertrauen in die Maßnahmen der städtischen Forstverwaltung hegen. Wie sich in der Folge zeigen wird, war dieses die städtische Forstwirtschaft so hemmende Problem jedoch nicht beseitigt, sondern trat wenige Jahre nach Kriegsende durch die Unbelehrbarkeit gewisser Kreise von ‚Naturfreunden‘ erneut auf die Tagesordnung. Diese sich über 50 Jahre hinziehenden Kämpfe bilden wohl das trübste Kapitel des jüngsten Abschnittes der städtischen Forstwirtschaftsgeschichte und stellten eine schwere Belastungsprobe für die Forstverwaltung dar.“

      „Trotz der Bemühungen von forstlicher Seite änderte sich der Hiebssatz in den folgenden Jahren nicht. Es waren im Gegenteil erneut erfolgreiche Bestrebungen der Stadtverordnetenversammlung im Gange, den Einschlag weiter zu senken. Am 10. Februar 1926 wurde mit Stimmenmehrheit ein Antrag der Abgeordneten E. Mendelsohn-Bartholdy angenommen, der nach Absprache mit der Forstverwaltung folgende Punkte zum Inhalt hatte:
      1) Einschränkung des Alteicheneinschlages auf 10-12 Stück im Jahr.
      2) Kürzung des jährlichen Holzeinschlages von 4 auf 3 fm/ha (=37,5 % des Normalzuwachses).
      3) Beschleunigte Rückführung der durch Pflanzung entstandenen Hochwaldbestände im Mittelwald.
      4) Bevorzugung der Eiche bei der Mittelwaldverjüngung, jedoch ohne Vernachlässigung der übrigen Edellaubhölzer.
      Der Antrag Mendelsohn-Bartholdy war vor allem durch die Unterstützung zustandegekommen, die ihm durch die Leipziger Prominenz, achtzehn Universitätsprofessoren, Juristen und andere namhafte Persönlichkeiten, unter ihnen Dr. F. Brockhaus und Thomaskantor K. Straube, zuteil geworden war.“

    2. Die damaligen Geschehnisse sind sehr komplex und erstreckten sich über ein halbes Jahrhundert. Sie sind in dieser Publikation nachzulesen:

      https://portal.dnb.de/opac.htm?method=showFullRecord&currentResultId=%22otfried%22+and+%22lange%22%26any&currentPosition=15

      Soweit ich das erfasse, ging es damals den Bürgern v.a. darum, das alte Eichen gefällt wurden – also das, was man heute Biotopbäume nennt. Nun, die wollte man eben behalten – was ökologisch ja auch sinnvoll war (Ökologie in der heutigen Form gab es damals jedoch noch nicht, die entwickelte sich ja erst).

      So gesehen haben Diskussionen um den Leipziger Auwald also eine sehr lange Tradition.

      Hier ein paar interessante Zitate, aus denen man ungefähr erahnen kann, wie es zu dem im obigen Artikel beschriebenen Beitrag im Heft des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz kam (siehe nächsten Kommentar wegen der Übersichtlichkeit).

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