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Das Unterwasser-Panorama „Great Barrier Reef“ ist ab heute im Panometer Leipzig zu sehen

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    Yadegar Asisi hat sein nächstes Projekt vollendet, ein echtes Wunschprojekt, das er seit drei Jahren reifen ließ. Damals flog er extra fünf Wochen nach Australien, um sich vom leidenschaftlichen Taucher und Dokumentarfilmer Ben Cropp die Schönheit des Great Barrier Reef zeigen zu lassen. Und was anfangs die reine künstlerische Neugier war, hat sich jetzt zu einem neuen, gewaltigen Panoramabild entwickelt.

    Ab heute ist es im Panometer in der Richard-Lehmann-Straße zu sehen. 32 Meter hoch ist das Panorama. So tief geht es auch hinab. Oder hinauf, wenn man auf die Plattform klettert und da oben wieder den Rausch der Bilder auf sich wirken lässt. Oder den Rausch des Bildes, denn Asisi hat seine Taucheindrücke vom Great Barrier Reef, diesem gigantischen Korallenriff vor der australischen Küste, natürlich wieder versucht, in ein gewaltiges Bild zu bannen. Was diesmal nicht einfacher war, betont der Panorama-Künstler, der 2003 in Leipzig sein ambitioniertes Panorama-Wiedergeburts-Programm startete. Damals mit dem gigantischen Everest-Panorama. Ein wagemutiger Beginn, für den Leipzig zwar ein guter Ort war und das ehemalige Gasometer im Leipziger Süden eine ideale Hülle – aber viel Unterstützung etwa seitens der Stadt gab es nicht. Die Sache hätte schief gehen können. Das bebt noch heute nach, wenn sich Asisi an die Anfänge erinnert.

    Er konnte gar nicht so sicher sein, dass die alte Kunstform des Panoramas, nachdem sie praktisch mit dem 19. Jahrhundert ein Ende gefunden hatte, im 21. Jahrhundert wieder Besucher anlocken würde. Auch 2003 stöhnten Medien und Talkshowgäste über Reizüberflutung, Informationsfluten und unbewältigbare Datenmengen. Das Internet hatte längst neue Maßstäbe gesetzt für völlig neue Nachrichtenwelten, im Kino war 3D im Kommen, die TV-Bildschirme wurden flacher und immer größer und die Mobiltelefone entwickelten sich gerade zu kleinen Bildmaschinen.

    Wer brauchte da noch gewaltige Panoramabilder? Schon gar, wenn die sich nicht bewegten, wenn keine „Action“ darin war? Denn im Unterschied zum 19. Jahrhundert, als zumeist Schlachtengemälde die Panorama-Szenerie beherrschten, hat Yadegar Asisi von Anfang an auf das ruhige Bild gesetzt. Auch wenn er es von Anfang an immer mit Detailversessenheit konstruiert hat. Um die majestätische Landschaft unterm Mount Everest einzufangen, ist er selbst ins Basislager aufgebrochen. Um den Urwald am Amazonas inszenieren zu können, ist er extra zum Amazonas gereist. Immer ist er gleichzeitig Künstler und Forscher, auch wenn er es in Pressekonferenzen dann abstreitet, dass er gar nicht vorhabe, einer echten Meeresbiologin wie Dr. Moshira Hassan die Arbeit abzunehmen.

    Aber wie klingt das, wenn Yadegar Asisi das damit begründet, dass sein Leben dazu viel zu kurz sei?

    Natürlich steckt ein Forscher in ihm. So hat er auch die großen historischen Panoramen zum zerstörten Dresden von 1945, zur Berliner Mauer und zu Leipzig 1813 angepackt. Das waren die letzten „emotionalen“ Projekte, die er gemacht hat. Er hat eine Mission. Und die betreibt er mit wissenschaftlicher Akribie. Bis zu 50.000 Fotos, Zeichnungen, Skizzen und Malarbeiten fließen zusammen, wenn er am Computer mit der modernsten verfügbaren Bildsoftware die gewaltigen Panoramabilder entwickelt, detailgenau. Er ist ein Beobachter, der das Beobachten als Profession betrachtet. Und er tut es so professionell, dass auch die Wissenschaftler begeistert sind. Und er benutzt die modernsten verfügbaren Kameras. Ein Technikfreak ist er auch noch.

    Wie fängt man Asisis großes Riff-Panorama mit einem kleinen Smartphone ein? Foto: Ralf Julke
    Wie fängt man Asisis großes Riff-Panorama mit einem kleinen Smartphone ein? Foto: Ralf Julke

    Und das alle tut er mit der Mission des Künstlers, der die alte Panorama-Kunst des 19. Jahrhunderts als sein Metier für sich entdeckt hat und trotzdem noch etwas anderes will: die Besucher beschenken mit etwas, was es an der Kasse gar nicht zu kaufen gibt. Denn da kauft man ja ein Eintrittsbillett für das Panorama, bekommt eine eindrucksvolle Ausstellung, die auf das riesige Bild einstimmt, quasi noch extra dazu, auch wenn sie kompositorisch davorgeschaltet ist. Denn in den riesigen Panoramabildern wird ja nichts erzählt. Das Wissen muss man mit hinein nehmen. Etwa über die gewaltige Rolle, die die winzigen Polypen spielen, die die mächtigen Korallenriffe der Welt wachsen lasen. Und das Wissen um die Bedrohung der Riffe durch Umweltverschmutzung und Meereserwärmung. Der Klimawandel wird auch vor den Korallen nicht halt machen. Genauso wenig wie vor den Amazonas-Wäldern.

    Ein Aufklärer und Warner steckt auch in diesem leidenschaftlichen Panorama-Professor, der mit seinen gewaltigen Bildern auch das Erleben der bedrohten Schönheit möglich machen will. „Auch denen, die nicht tauchen“, sagt er. Doch gesehen haben müsse man es. Mit allen Sinnen. Das Wort Sinnlichkeit steht bei ihm gleich neben dem Wort Beobachten. „Was man nicht liebt, ist man auch nicht bereit zu retten.“

    Deswegen gibt er sich alle Mühe, seine Panorama-Welten so plastisch und greifbar zu machen, dass jeder Besuch zu einem sinnlichen Erlebnis wird. Dazu trägt auch im neuen Panorama „Great Barrier Reef“ die Hintergrundmusik von Erik Babak bei, der diesmal auch Geräusche der Unterwasserwelt mit eingebaut hat. „Ich bin dafür da, dass jedes Bild so klingt, wie Yadegar das sieht“, sagt er. Die Musik also als Teil der Inszenierung. Genauso wie der langsame Wechsel zwischen Tag und Nacht. Das alles kennen Besucher des Panometers auch aus den anderen Bildinszenierungen Yadegar Asisis.

    Das kann stören. Es kann aber auch helfen, nämlich bei dem, was Asisi tatsächlich schenkt: den Moment des Innehaltens, eine Stopptaste für die rasenden Bilder der Gegenwart. Denn man klettert nicht einfach nur auf den Besucherturm in der Rotunde, guckt sich einmal alles an, entdeckt die Haie, die Schildkröten und die glitzernden Fischschwärme und geht dann wieder. Durch den künstlichen Wechsel aus Nacht-und-Tag-Stimmung wird man zum Schauen ermuntert, zum Runterschalten und sich ganz auf das Bild konzentrieren.

    Und es funktioniert, staunt Asisi nun nach zwölf Jahren Arbeit. Die Menschen lassen sich auf seine Einladung ein und verbringen ihre Zeit einfach mit Schauen. Vielleicht noch mehr? – Asisi: „Die Naturthemen sind für mich Themen, um über unsere Rolle in dieser Welt nachzudenken.“

    Auch über die Gefährdung und die majestätische Schönheit unserer Welt. Und es ist wie bei „Everest“: Die komplexe Konstruktion seiner Unterwasserwelt vom Great Barrier Reef macht diese Welt auch für all jene erlebbar, die niemals in diese Welt hinabtauchen würden (schon wegen der Haie), die sie zumeist nur aus Filmen und Fotos kennen. Aber die, so Asisi, zeigen immer nur Details aus dieser faszinierenden Tiefe. Was auch daran liegt, dass man unter Wasser immer nur Ausschnitte sieht, nie diesen gigantisch großen Raum, wie ihn Asisi jetzt zeigt. In dem auch die Taucher winzig wirken, dafür die bunt besiedelten Wände der Riffe geradezu wie in Nahaufnahme. Ganz dicht dran und gleich wieder ganz weit weg. Als wäre man selber abgetaucht und hätte ein gewisses Problem damit, Distanzen und Größenverhältnisse richtig wahrzunehmen.

    Am heutigen Samstag, 3. Oktober, wird die Panoramaausstellung „Great Barrier Reef“ eröffnet und wird bis zum 18. September 2016 zu sehen sein.

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