Die Farbenpracht der Bücher kurz vorm Zeitalter des Buchdrucks in Leipzig

Da bahnt sich etwas an, nämlich noch eine Ausstellung, die den Leipzigern im 1.000. Jahr der Ersterwähnung einen Einblick gibt in ein Stück Stadtgeschichte - in diesem Fall farbenprächtig und ein richtiger Hingucker. Denn die Universitätsbibliothek zeigt ab Freitag ein paar Schätze aus ihrem mittelalterlichen Handschriftenbestand.

Vom 11. Dezember 2015 bis 20. März 2016 zeigt die Universitätsbibliothek (UB) Leipzig die Ausstellung „Blätterleuchten: Mitteleuropäische Buchmalerei des 15. Jahrhunderts in Leipziger Handschriften“. Präsentiert werden reich illuminierte Handschriften, darunter auch eine Reihe von Werken, die der Forschung bislang unbekannt waren. Mit über 3.000 Handschriften aus dem Mittelalter besitzt die UB eine der bedeutendsten Sammlungen dieser Art in Deutschland.

Das 15. Jahrhundert hat es durchaus in sich. Es war – auch wenn es die Zeitgenossen noch nicht wussten – der „Vorabend der Reformation“, wie auch im Katalog zu einer Ausstellung zu lesen, die 2014 im Stadtgeschichtlichen Museum zu sehen war: „Umsonst ist der Tod“.  Damals durchaus kritisch diskutiert, denn parallel sorgte der Millionenzuschuss der Stadt Leipzig zum Katholikentag politisch für Furore. „Werden die jetzt auch noch fromm?“, war so ein latenter Unterton in der Kritik der Ausstellung, die für sich durchaus ihre Verdienste hatte, denn wenn man sich schon so intensiv mit der Stadtgeschichte beschäftigt, dann muss man auch ihre Geistesgeschichte wahrnehmen.

Und eine der Wurzeln der Lutherischen Reformation war ja die gelebte Frömmigkeit. Im 15. Jahrhundert ein Thema, das die Menschen vielfältig beschäftigte, denn dass es da eine Kluft zwischen der Botschaft der Bibel und der Prachtentfaltung der kirchlichen Instanzen gab, das war offenkundig. Die Stadt Leipzig gab immer neue Verordnungen heraus, um die Prahlerei und die Verschwendungssucht der Bürger zu zügeln. Prediger wie der auch in Leipzig wirksam gewordene Capistrano fanden nicht nur Zulauf, sie erreichten tatsächlich das Gewissen der Bürger und regten zum Nachdenken über das Seelenheil an und die Frage: Wie bekommt man es? Indem man sich Ablass verschaffte, pilgerte und Altäre stiftete? Oder indem man sein Leben nach anderen Maßstäben ausrichtete?

Und dass die Kirche reif war für die Reform, hatte ja anfangs des 15. Jahrhunderts schon Jan Hus sehr deutlich gemacht – eine Botschaft, die man in der römischen Hierarchie gar nicht hören wollte. Mit fatalen Folgen für Hus.

Was aber am Grunddilemma nichts änderte, das im 15. Jahrhundert noch durch eine andere Entwicklung verstärkt wurde: Ein zunehmend reicheres und selbstbewusstes Bürgertum widmete sich der Buchkultur, man las nicht nur, sondern bestellte sich auch Bücher zu Repräsentationszwecken. Nach wie vor vornehmlich Bücher religiösen Inhalts. Aber wer diese (zumeist noch auf Latein verfassten) Bücher sammelte und las, der war schon lange reif für die Gedanken, die Dr. Martin Luther dann Anfang des 16. Jahrhunderts an die Kirchentür hämmern sollte.

Es bahnte sich was an. Und wie das aussah, das zeigen eindrucksvolle Bücher aus dieser Zeit, in der der Buchdruck zwangsläufig auf der Tagesordnung stand. So lange nur reiche Klöster teure Handschriften verfertigten und sammelten, war der Druck nicht da, Bücher in großen Mengen und bezahlbaren Preisen herzustellen. Doch als Gutenberg & Kollegen zur beweglichen Letter griffen, war die Zeit längst reif. Und einige Schönheiten der prächtigen Buchmalerei retteten sich auch ins neue Zeitalter.

Die Ausstellung in der Universitätsbibliothek beleuchtet nun freilich – wie 2014 die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum – die Zeit davor, als die gemalte Bücherpracht schon hindeutete auf eine sich wandelnde Rolle des Buches.

Konrad von Halberstadt, Concordantiae Bibliae, Leipzig, wohl 1466: Die Leipziger "Concordantiae"-Handschrift entstand um 1466 und wurde in der Leipziger "Pfauenwerkstatt" ausgemalt. Foto: UB Leipzig

Konrad von Halberstadt, Concordantiae Bibliae, Leipzig, wohl 1466: Die Leipziger „Concordantiae“-Handschrift entstand um 1466 und wurde in der Leipziger „Pfauenwerkstatt“ ausgemalt. Foto: UB Leipzig

Im 15. Jahrhundert wurden mehr Bücher geschrieben und illuminiert als jemals zuvor. Sie waren für Geistliche, Gelehrte und weltliche Eliten nicht nur von praktischem Nutzen, sondern dienten als Statussymbol, insbesondere wenn die Handschriften mit gemaltem Buchschmuck versehen waren. Dennoch ist die Buchmalerei des 15. Jahrhunderts bislang nur in Ansätzen erforscht und aufgearbeitet.

Die Leipziger Ausstellung präsentiert – zusammen mit neun weiteren, parallel stattfindenden Ausstellungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – eine Fülle völlig neuer Zeugnisse der Buchillumination dieser Zeit. Koordiniert wurde das internationale Ausstellungsprojekt von Prof. Jeffrey Hamburger (Harvard University) und Dr. Christoph Mackert vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig.

Im Mittelpunkt der Ausstellung in der Bibliotheca Albertina, deren Design von Studierenden des Instituts für Kunstpädagogik der Universität Leipzig entwickelt wurde, steht der Siegeszug eines von Prag ausgehenden Dekorationsstils im deutschsprachigen Gebiet, der durch Schmuckinitialen und Blattornamente in leuchtenden Farben besticht und die Blätter zum Leuchten bringt. Zu sehen sind 19 buchkünstlerisch besonders hochwertig ausgestattete Handschriften aus dem Leipziger Bestand mittelalterlicher Handschriften. Sie entstanden unter anderem in Prager Buchmalerwerkstätten, der „Leipziger Pfauenwerkstatt“ oder der sogenannten „Elsässischen Werkstatt von 1418“.

Die Ausstellung ist eine einmalige Gelegenheit, den Formen- und Ideenreichtum der Künstler des Spätmittelalters kennenzulernen. Begleitend erscheint ein reich bebilderter Katalog, der in der Bibliotheca Albertina erhältlich ist. Die Ausstellung ist vom 11. Dezember 2015 bis 20. März 2016 täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

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