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Das künstlerische Spiel mit den Abgründen der Manipulation

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    Der Frühjahrsrundgang der Spinnerei-Galerien kommt. Und so mancher Kunstliebhaber holt jetzt seinen Sparstrumpf heraus und schaut, ob er sich in diesem Frühjahr wieder etwas Spektakuläres leisten kann. Wer sich warmlaufen möchte, kann schon am Samstag, 22. April, in die Galerie Reiter spazieren. Die eröffnet die Sebastian-Neeb-Ausstellung „You won’t believe what happens next – Manipulation durch Entertainment II“.

    Schon der Titel zeigt: Hier geht es um unsere Gegenwart. Die viele Mitmenschen schon gar nicht mehr real erleben, sondern als Reality-Show, manipuliert durch Inszenierungen und Fernsehtrivialisierungen. Sie können zwischen real und irreal nicht mehr unterscheiden, nicht mehr zwischen wahr und falsch.

    Sie nehmen das Fake für die Wirklichkeit und glauben tatsächlich daran, dass man Wahrheiten aushandeln oder wechseln kann wie die Strümpfe.

    Jede Menge Stoff für einen Künstler, der sich damit beschäftigt, wie leicht Betrachter manipuliert und verführt werden können. Das kommt bei Sebastian Neeb ganz spielerisch rüber. Ernst gemeint ist es doch.

    Oder mit den Worten der einladenden Galerie: „Das Nächste ist immer schon greifbar. So ist die Schau keine Prophetie, es ist eine Momentaufnahme: nüchtern beobachtet und augenzwinkernd analysiert. Sie fasst Sebastian Neebs Können auf aktuell hohem Stand zusammen und stellt Malerei, Objekt und Skulptur nebeneinander und intelligent miteinander kombiniert vor.“

    Auf den ersten Blick auffällig ist die gleichermaßen nahezu perfekt beherrschte Technik im Umgang mit dem Material: Holz, Keramik, Metall, Stein, Farbe – Neeb kann auf verschiedenste Grundstoffe und Verarbeitungstechniken zugreifen, um seine Ideen zu vergegenständlichen.

    Seine Neugier und Gestaltungslust, vor allem die Freude am Machen überträgt sich und wird zum klugen Vergnügen beim Betrachten, man verweilt gern vor diesen Werken und lässt Gedanken und Sinne frei.

    Die Schau erzählt von Verführung, Versprechen und Verlockung, von Verbot, Verleumdung und Verfehlung – in der medialen wie alltäglichen Kommunikation. Umzingelt von offensichtlichen wie diffizilen Steuerungs- und Kontrollinstanzen unserer Bedürfnisse sind wir längst zu schwach, um fact and fake zu unterscheiden.

    Die nackten Tatsachen sind verhüllt und kostümiert und so sind sie kaum mehr eindeutig zu erkennen inmitten ihrer Maskeraden. Es bleibt nur, zu sondieren was passt; was man hören, sehen, wissen will, welcher Autorität man am liebsten folgt. Und da liegen köstliche Instrumente bereit: Trophäen zeigen uns schnell das Beste, das Wahre und das Gute. Doch die Empfehlungen von heute sind morgen fake news – fake slogans – fake happiness.

    Neeb stellt diese Trophäen in Büsten-Manier der alten Meister vor. Seine Keramik-Köpfe sind keine Charaktere, oder gar Personen, sie referieren menschliche Eigenschaften, indem aus ihnen etwa der Tand trivialer Argumente quillt. Gesichtslos thronen die verehrten Verkünder auf doppelten, teils dreifachen Sockeln aus Edelhölzern, Granit, Marmor, Lack und modernen Plattenwerkstoffen, sind obendrein drehbar installiert und mit Erhabenheit überzogen.

    Sebastian Neeb: Form A wearing the nose of a contemporary writer vs form B wearing the nose of a contemporary artist. Foto: Galerie Reiter
    Sebastian Neeb: Form A wearing the nose of a contemporary writer vs form B wearing the nose of a contemporary artist. Foto: Galerie Reiter

    Die Trophäen bezeugen Nonsens-Leistungen, deren scheinbare Relevanz dem Betrachter nicht zuletzt durch die überbordende Verwendung von Gold suggeriert wird. Doch der Goldüberzug ist hauchdünn, er simuliert nur eine Kostbarkeit, die man nicht mehr infrage stellt.

    Auch die anderen Werkgruppen der Schau balancieren die beiden Neeb Spezifiken gut aus: Die künstlerische und handwerkliche Ernsthaftigkeit und die Spur Humor als opening tool, das Neeb so einzigartig beherrscht und den komplexen Werken die Zuwendung erleichtert, ohne reiner Spaß zu sein.

    Die Holzwurst zieht sich leitmotivisch durch die Schau. Ein geniales Symbol für ein modernes goldenes Kalb, an dem sich auf allegorische Weise Stimulierung und Demagogie entlarven.

    Die Projektion neuzeitlicher Begehrlichkeit auf den Luxus abstrakter Sättigung ist kaum anschaulicher zu erreichen. Holzwurst und goldene Trophäe – Entertainment und Manipulation. Es braucht keine ausschweifenden psychologischen Erklärmodelle, die die leichtfertige Verführbarkeit beweisen. Es braucht künstlerisches und handwerkliches Können und den Mut zur intelligenten, trickreichen Reduktion und zu kurzen, klaren Gedanken.“

    Die Schau ist übrigens der zweite Teil des Projekts „Manipulation durch Entertainment“. In der vorangegangenen Präsentation „The problem with the wooden wurst“, die der Berliner Künstler in der maerzgalerie Berlin 2015 zeigte, hatte Neeb bereits den Zusammenhang von Verblendung und Erkenntnis angelegt, der aus der Konfrontation mit den Objekten erwächst. In der aktuellen Schau erweitert Neeb den künstlerischen Wirkungsbereich und verstärkt die Konfrontation.

    Sebastian Neebs Ausstellung „You won’t believe what happens next – Manipulation durch Entertainment II“ wird am Samstag, 22. April, in der Galerie Reiter in der Spinnerei eröffnet. Miterleben kann man das von 16 bis 20 Uhr.

    An diesem Tag eröffnen alle SpinnereiGalerien neue Ausstellungen.

    Gezeigt wird die Neeb-Ausstellung vom 22. April bis zum 6. August.

    Frühjahrsrundgang der SpinnereiGalerien ist am Samstag 29. April, von 11 bis 18 Uhr, und am Sonntag, 30. April, von 11 – 16 Uhr.

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