Aus der Ferne wirkt es ein wenig als sei der Augustusplatz an diesem Freitag einfach nur voller Menschen. Es könnte eine Demo sein, vielleicht Fridays for Future? Aber dafür ist die Masse sehr rot-weiß angezogen. Bei genauerem Hinsehen wird klar, dass es sich hierbei auch nicht um Menschen handelt, sondern um Schaufensterpuppen. Genauer gesagt 111 Stück umwickelt mit rot-weißem Absperrband.

Das Corona-Mahnmal mit dem Titel „It is like it is” (dt.: Es ist wie es ist) stammt vom Kunststudenten Dennis Joseph Meseg. Der 41-Jährige studiert an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn Bildhauerei. Als die Universität als Präventionsmaßnahme zur Verbreitung des neuartigen Coronavirus schließen musste, sei das seine Art gewesen mit der Situation umzugehen, sagt Meseg am Telefon. Die Inspiration sei ihm beim Fahrradfahren gekommen als er Spielplätze gesehen hat die mit Flatterband abgesperrt waren.

„It is like it is“ soll das „Unfassbare fassbar“ machen, heißt es in der Beschreibung, die auf dem Platz für alle Schaulustigen nachlesbar ist. Weiter: „Schaufensterpuppen, zu Beginn des Jahres noch in den Auslagen der Geschäfte die überbordende Fülle lebensbejahender, bunter Kleidung präsentierend, stehen nun einförmig beieinander, nur noch unterscheidbar in ihrer Körpergröße und umgeben von einer Aura der Hoffnungslosigkeit.“

2020 hat bisher wenig mit dem Leben zu tun, wie wir es noch Anfang des Jahres kannten. Darauf soll die Installation aufmerksam machen. Unser Konsum hat sich geändert, aber auch das Verhältnis zur Kunst. „It is like it is“ soll für den „hohen Stellenwert der Kunst“ stehen. „Schon im Alltag wichtig und wertvoll, ist sie gerade jetzt ein kostbares Element im Überlebenskampf der Gesellschaft“, heißt es in der Beschreibung. Kunst verbinde, wo keine Verbindung mehr bestünde. Sie stärke unsere Zuversicht, weil sie sichtbar mache, was als gesichtsloser, düsterer Spuk durch unsere Gedanken geistern würde.

Ein Virus hat das Leben auf der ganzen Welt auf den Kopf gestellt. Vielleicht ist das der „gesichtslose Spuk“. Oder die Unsicherheiten die im Shutdown vor ein paar Monaten noch deutlicher waren, jetzt aber immer noch greifbar sind. Das rot-weiße Band stehe für die Einschränkungen und die Beschneidungen der Grundrechte, die im April und Mai noch den Alltag bestimmten.

Die Tour von Mesegs Figuren durch Deutschland dauert nun schon zwei Monate. Angefangen hat alles Ende April auf dem Campus der Alanus Hochschule. „Damals war die Beschneidung der Grundrechte sehr viel aktueller“, sagt Meseg. Nun würden ihm viele sagen, dass Corona doch vorbei sei. „Ich finde aber schon, dass es noch aktuell ist und das soll man auch anmahnen. Wir sollten das alles nicht direkt wieder vergessen und weitermachen als sei nichts gewesen.“ Vor allem die Errungenschaften, wie die Entschleunigung, die uns die Pandemie gebracht haben, sollten wir laut Meseg behalten.

Deshalb ist die Grundaussage der Installation auch Achtsamkeit. Die Krise habe gezeigt, wie sensibel die Gesellschaft sein kann. Nun soll die Installation zum Verweilen einladen. An den Infoständen sollen die Menschen ins Gespräch kommen und sich austauschen.

Denn noch ist die Pandemie nicht überstanden. Das merkt man, wenn man sich den letzten Halt der Reise der 111 Schaufensterpuppen anschaut: Rheda-Wiedenbrück im Landkreis Gütersloh in Nordrhein-Westfalen. Dort standen sie am 1. Juni vor der Tönnies-Fabrik. Im Fleischbetrieb ereignete sich ein Corona-Ausbruch mit über 1.000 positiv Infizierten, der den ganzen Landkreis zurück in die Ausgangssperre versetzte. Meseg wolle aber nicht mit dem Finger auf diese Ausbrüche zeigen, „die haben da genug zu tun“.

Davor machte „It is like it is“ unter anderem im Mai Halt in Berlin und im Juni in Köln und Frankfurt. Am 4. Juli ist die nächste Station Dresden. Auf dem Altmarkt kann man die Figuren von 10 bis 18 Uhr betrachten.

It is like it is: Ein Mahnmal zur Coronakrise vor dem Leipziger Gewandhaus

It is like it is: Ein Mahnmal zur Coronakrise vor dem Leipziger Gewandhaus

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