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Romantik in Bildern: Warum Caspar David Friedrich für die klassische Moderne wegweisend war

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    Wer dieser frühherbstlichen und sonnigen Tage am Haupteingang des Museums der bildenden Künste vorbeigeht, wird ein großes Plakat über dem Eingang hängen sehen. Fast schon ikonisch erheben sich die charakteristischen Schiffssegel von wohl einem seiner bekanntesten Gemälde, „Lebensstufen“ genannt. Caspar David Friedrich kennt wahrscheinlich jeder. In Leipzig v. a. dieses Gemälde, weil es zum Herzstück der dortigen Sammlungen gehört.

    Nach mehreren pandemiebedingten Verzögerungen findet in Leipzig endlich die Ausstellung statt, die 2020 im Museum Kunstpalast Düsseldorf im Kern bereits gezeigt wurde. In Leipzig gelingt Dr. Jan Nicolaisen und seinem Team der Kniff, neue Akzente in der Betrachtung des wohl erst seit einhundert Jahren als Romantikstar bekannten Caspar David Friedrich zu setzen.

    Wer immer noch denkt, der Mann sei wegen seiner Gegenlichtbilder manisch-depressiv gewesen, könnte mit der am 9. Oktober startenden Megaschau aus rund 120 Exponaten eines Besseren belehrt werden. Die Ausstellung „Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantik“ zeigt einen neuen und unverstellten Blick auf den Maler und seine malenden Zeitgenossen, der sich wirklich lohnt.

    Der Leidensweg der Selbstverwirklichung

    Man kann schon vom Glauben abfallen, wenn man seinen eigenen Bruder beim Eislaufen aus dem Greifswalder Bodden retten muss und dieser beim Rettungsversuch ertrinkt. Genau das widerfuhr Caspar David Friedrich und schien ihn in seinem folgenden Lebensweg beeinflusst zu haben. Diese eindringliche Erfahrung in seiner Kindheit dürfte wohl eine Rolle von vielen gespielt haben, warum Caspar David Friedrichs Malerei sich derart kontrastiert vom damaligen Zeitgeist abhob.

    Zunächst als Zeichner u.a. von dem damaligen Kunstkritiker und Schriftsteller Johann Wolfgang von Goethe gefördert, fiel Friedrich in dessen Ungnade, weil er eine Wolkenstudie für ihn nicht anfertigen wollte. Goethe schien nachtragend gewesen sein und „beehrte“ Friedrichs malerische Entwicklungen mit gedruckten Schmähungen. Wie ein roter Faden zieht sich die ablehnende Kritik durch C.D. Friedrichs Leben.

    Die Kritik beeinflusste ihn als Künstler nicht, schien er wie zum Trotz seinen malerischen Weg zu gehen, wenn er auch steinig war. Doch der klamme Geldbeutel schien doch an ihm zu nagen. Lediglich zu einer Honorarprofessur hat es gereicht. Ein zufriedenstellendes Auskommen konnte er mit seiner Kunst zu Lebzeiten nicht erzielen.

    Erst in den letzten Lebensjahren bis nach seinem Tod gewann er einige Sammler für sich; u. a. Zar Alexander I. und der Kaufmann Maximilian Speck von Sternburg, der in den 1830ern begann, das von ihm erworbene Rittergut in Lützschena bei Leipzig auszubauen. Auch der umtriebige Leipziger Händler Speck unterhielt mit der russischen Zarenfamilie einen regen Kontakt.

    Wolf-Dietrich Speck von Sternburg im Pressegespräch. Foto: Daniel Thalheim 2021

    Friedrichs Nachlass ging in den Besitz seines Malerfreundes Johann Christian Clausen Dahl über, der wiederum den Nachlass an seinen Sohn vererbte, bis ein norwegischer Forscher Friedrichs Werk wiederentdeckte und der Öffentlichkeit 1906 vorstellte.

    Friedrichs Werk zwischen Naturerlebnis und Politik

    „Ideal wird, was Natur einst war.“ Mit diesem Aphorismus beschreibt der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin, um was es den Intellektuellen und Künstlern um 1810 bis 1820 ging: die Natur als wahrhaftiger Impulsgeber von Schönheit und Ästhetik.

    Sieht man von der zeitgenössischen Kritik ab, die Friedrichs Schaffen zu seinen Lebzeiten umfing, entwickelte sich seine Malerei als wichtiger Einflussgeber für die klassische Moderne in Europa und in den USA. Sah sich Friedrich im frühen 19. Jahrhundert einer ablehnenden Haltung gegenüber, seine Malerei sei zu dunkel, nicht erzählerisch genug und religiös zu überhöht, wandelte sich knapp einhundert Jahre später die Einschätzung seinem Werk gegenüber.

    War man sich anfangs einig, Friedrichs Phantasiekirchenbilder und Naturaltare seien nichts anderes religiös motivierter Kitsch, geht die heutige Forschung von Friedrichs kommentierendem spitzen Pinsel aus, den er u.a. gegen die in Dresden ansässige nazarenische Strömung richtete und so eine Gegenposition zu ihrem katholischen Verständnis in der Auswahl ihrer Sujets einnahm.

    Das lichtdurchflutete Italien und die Gegend um Rom, die viele Kollegen aus München und Düsseldorf immer wieder aufsuchten, um als Maler sich erfolgreich durchzuschlagen, war nicht Friedrichs Ding. Stattdessen ließ er sich von den Bergen böhmischer Felsmassive, Norwegens Fjorde und die Ostseeküste inspirieren.

    In seinem Werk stehen Kirchengebäude und Altäre im Dunst, Nebel, Verfall, im Gegenlicht, sind nicht zugänglich und erscheinen unerreichbar. Mit dieser Motivwahl wird seine religiöse Kritik deutlich, sucht aber auch einen spirituellen Zugang zur Natur.

    Noch im frühen 20. Jahrhundert als Hohelied auf die deutsche Gotik, die im wehmütigen Abglanz in seinen Gemälden widerklang, besungen, wandelt sich seit einigen Jahren der Blick auf sein Werk. Vielmehr wird in Friedrichs Schaffen die Naturerfahrung als seelisches Erlebnis beschrieben, das er jedem Betrachter subjektiv zukommen lassen will; eine moderne Haltung.

    Seine Zeitgenossen malten gefälligere Sujets, wenngleich sie auch hie rund da mal Friedrichs Motivik übernahmen. Sie erzählten jedoch in ihren Bildern Geschichten, wo betende Reisende, umherstreifende Schafhirten und Jäger sich tummelten, Schiffe an Klippen zerschellten, dickbäuchige Mönche im Kräutergarten innerlich „Hosianna“ zu rufen scheinen; alles hübsch im Theaterlicht bühnenartig wiedergegeben, mit einer verblüffenden malerischen Effektur in der Wiedergabe von tosender Brandung, rauschendem Laub und ruhig wirkenden Landschaften.

    Dass er auch nicht viel von den damaligen politischen Verhältnissen hielt, zeigt sich in einem Bild ganz deutlich: Ein französischer Kürrassier schreitet durch Schnee und blickt in einen Tannenwald. Wer sich in den Befreiungskriegen auskennt, weiß, dass anti-napoleonische Freischärler aus dem dichten Versteck des Waldes heraus agierten, um so kleine französische Trupps nebst Alliierte in Scharmützeln aufzureiben.

    Auch mit Preußen hatte er es nicht so gehabt. Als gebürtiger Greifswalder bekam er mit, als 1815 mit dem Wiener Kongress die alte Ordnung des Westfälischen Friedens inklusive der Zugehörigkeit des heutigen Mecklenburg-Vorpommerns zum Königreich Schweden zusammenbrach und Preußen im neu gegründeten Deutschen Bund tonangebend wurde.

    In seinem im Museum der bildenden Künste befindlichen und in der aktuellen Schau auch inszenierten Gemälde der „Lebensstufen“ wird die Sehnsucht nach Schweden deutlich. Ein Sehnsuchtsbild, das in einer Rückenansicht den alten Friedrich in einem mittelalterlichen Talar und Barretthut zeigt, die Kinder vor ihm fröhlich spielen und eines davon die schwedische Fahne im Wind wedelt.

    Eine Schau der Superlative

    Es ist nicht nur die schiere Zahl von ca. 120 ausgestellten Exponaten. Hinter der Ausstellung steht auch eine europaweite Kooperation, wenn es um wissenschaftlichen Austausch und Leihverkehr geht. Besucher übersehen gern den Aufwand, der für eine Ausstellung wie diese betrieben wird. Selbst wenn es um eine neu installierte Lichtanlage im Untergeschoss geht, wird gern das innere Licht ausgeknipst.

    Das MdbK erhofft sich nach der Flaute in der Pandemie mit der neuen Ausstellung zahlreiche Besucher. Foto: Daniel Thalheim 2021

    Handelt es sich zunächst um eine Kooperation zwischen dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf und dem Museum der bildenden Künste in Leipzig, offenbaren die etwa 60 Leihgaben aus Paris, Oslo, Wien, Hamburg, Berlin und Karlsruhe, wie gut vernetzt u.a. das Museum der bildenden Künste in Leipzig mit der internationalen Kunstwelt ist. Hinzu kommt das private Engagement von namhaften Stiftungen, ohne ihre Finanzspritzen so eine Ausstellung in diesem Umfang nicht möglich wäre.

    So entstand ein „deep cut“ einer Kunstströmung, die wir so schnell in so einer Form und in dieser Kontextualisierung nicht sehen werden. Allein die Fülle an verschiedenen künstlerisch anspruchsvollen Positionen des frühen 19. Jahrhunderts verdeutlicht, wie damalige Künstler ihre Abgrenzungen zu den aus der Französischen Aufklärung und Revolution geborenen Klassizismen suchten und auch fanden. Dazu werden auch Einblicke in die Entstehung der kunsthistorisch wichtigen Sammlung des MdbK gewährt und dass im frühen 19. Jahrhundert in Sachsen, insbesondere in Dresden und in Leipzig, die Sammlungstätigkeit auf Vertreter der Düsseldorfer Malerschule ausgeweitet war.

    Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe der Leipziger Zeitung (ET 29.10.2021) in einem Interview mit dem Kurator der Ausstellung, Dr. Jan Nicolaisen.

    Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Ausstellungskatalog. Die Schau wird von einem abwechslungsreichen Programm begleitet. Neben Führungen und Kuratorenführungen werden auch Gesprächsrunden angeboten, in denen Themen wie „Goethe als Kunstkritiker“, „C. D. Friedrich im Spannungsfeld von Geschmacksgeschichte und Kunstmarkt“, „Untersuchungen zur Maltechnik C. D. Friedrichs“ und „Wer ist romantischer? Dresden oder Düsseldorf? Und was ist mit Leipzig?“ erörtert werden.

    Caspar David Friedrich und die Düsseldorfer Romantiker
    Museum der bildenden Künste Leipzig
    09.10.2021 bis 09.01.2022

    www.mdbk.de

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