Die Gemäldeserie „Paintings from the Cold (2021–fortlaufend)“ ist die Begeg­nung mit einer untergegangenen Bildwelt. ORWO­-Schwarzweiß­-Filme und HO­-Einschlagpapier sind für diejenigen, die in der sozialistischen DDR einst Filme für ihre Kameras benötigten oder „Waren des täglichen Bedarfs“ einkauften, sofort in den Gemälden von Oskar Schmidt identifizierbar – als Teil ihrer ehemaligen Lebensrealität.

Betrachter/-innen, in deren Leben diese Dinge nicht vorkamen, wie wohl aktuell in Oskar Schmidts Ausstellung zum Kunstpreis der Böttcherstraße in der Kunsthalle Bremen, wird das intuitive Verständnis dieser Ikonografie der damaligen Lebenswelt bis zu einem gewissen Maß unzugänglich bleiben.

Oskar Schmidt, 1977 in Erlabrunn, DDR, geboren, versammelt in sei­ner Gemäldeserie persönliche Erinnerungen an Kindheit und Herkunft in Form von Panthenol­-Spraydosen, domal­-Glasreiniger oder Reclams Uni­versal Bibliothek­-Ausgaben. Auch zwei schwarzweiße Masken sind Teil der Gemäldeserie – klassisches Sinnbild des Doppelgesichts, das sich DDR­-Bürger/-innen im Offiziellen und im Privaten aneignen mussten.

Um sich mit dem untergegangenen Staat auseinanderzusetzen, wendet sich Schmidt erstmals seit seinem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) wieder der Malerei zu. Wobei sein künst­lerisches Hauptmedium, die Fotografie, auch in diesem Prozess eine wich­tige Rolle spielt.

So zeichnet er ausgehend von Fotografien, auf denen die Gegenstände als Stillleben angeordnet sind, eine Skizze auf die grundierte Holztafel, um aufbauend darauf eine klassische Stilllebenmalerei vom rea­len Gegenstand zu praktizieren. Durch die aufwendige Schichtung von Eitempera­ und Öl­-Lasuren erlangen die Gemälde ihre einzigartig leuch­tende Oberfläche und charakteristische Tiefe.

Diese Maltechnik begründet ihre Tradition auf Otto Dix, bevor Gene­rationen von Maler/-innen der Leipziger Schule sie in den 1970er Jahren aufgriffen und weiterentwickelten. Für die Rekapitulation dieser Technik hat Schmidt während seiner Arbeit an „Paintings from the Cold“ regelmäßig die bekannte DDR­-Malerin Gudrun Brüne besucht – die transgeneratio­nale Weitergabe einer mittlerweile seltenen Maltradition.

Die Thematisierung von Erfahrungen und Erinnerungen an die DDR sowie deren Aufarbeitung in der wiedervereinigten Bundesrepublik ist stets zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, dem Persönlichen und dem Politischen hin- und hergerissen. Die Beschäftigung Schmidts mit den Überbleibseln seiner vergangenen Lebenswelt ist in höchstem Maße persönlich; jedoch münden die Gemälde in ihren einzelnen Bestand­teilen unweigerlich in den politischen Diskurs, sind sie doch der Polarisie­rung verschiedenster Ost-­West­-Debatten ausgesetzt.

Zu erkennen ist die Auseinandersetzung mit der Tradition der DDR­ Malerei neben der Technik auch im Stil. Schmidts Gemälde könnten auch als Anti­-Pop Art verstanden werden, referieren sie doch stilistisch auf den Sozialistischen Realismus, erheben zugleich aber die Konsumgüter des So­zialismus zu asketischen Ikonen. Die werden zu Antagonisten des kapitalis­tischen Erkennungszeichens schlechthin: Andy Warhols Campbell’s­-Dose.

Besonders in dem Gemälde „IMI/ATA/FEWA“ wird die politische Dimension der Gemälde deutlich – ein direktes Bildzitat eines gleichna­migen Gemäldes des DDR­-Malers Ulrich Hachulla aus dem Wendejahr 1990. Was ist nun der Unterschied zwischen den beiden Gemälden?

Es sind die 32 Jahre, die zwischen ihnen liegen, und die Schmidts Version um sozio­politische, historische und ökonomische Dimensionen erweitern, die durch Debatten über die Geringschätzung von in der DDR entstan­denen Kunst und die schwindende Dominanz westlicher Kunstnarrative zwangsläufig in die Betrachtung seines Gemäldes von 2022 einfließen.

Schmidts Bilder werden zum Gradmesser der gesellschaftlichen Entwick­lung seit 1990, die auch die ungleiche Aufmerksamkeitsökonomie westli­cher Kunstzentren im Gegensatz zu deren „Peripherie“ in den Blick nimmt. Somit kann die Serie Paintings from the Cold als ein Blick zurück und nach vorn verstanden werden, indem sie stilistisch wie inhaltlich das Vergangene und doch nicht Abgeschlossene in die zeitgenössische Malerei transferiert.

Text von Marlene Militz

Der Künstler: Oskar Schmidt, geboren 1977 in Erlabrunn, DDR, lebt und arbeitet in Berlin. Er ist derzeit für den Kunstpreis der Böttcherstraße in der Kunsthalle Bremen nominiert. Schmidt studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB). Seine Werke wurden in unterschiedlichen Einzelausstellungen gezeigt, wie in der Galerie Tobias Naehring, Berlin (2020); Grisebach, Berlin (2019); Konrad-Adenauer-Stiftung, Berlin (2018); Museum Gunzenhauser, Chemnitz (2017) und Fotomuseum Winterthur (2016).

Schmidt nahm an zahlreichen Gruppenausstellungen teil, u. a. in der Kunsthalle Bremen (2022); Weserburg Museum für moderne Kunst (2021/22); Sharjah Art Foundation, VAE (2021); Museum of Contemporary Art, Zagreb (2020); Kunstmuseum Moritzburg Halle (2018); Daimler Contemporary, Berlin (2018); Staatliche Kunstsammlungen Dresden (2018); Pivô, São Paulo (2018); National Gallery of Kosovo, Pristina (2017); C/O Berlin (2017) und Center for Creative Photography, Tucson/Arizona (2015).

Eröffnet wird die Ausstellung Oskar Schmidt „Paintings from the Cold“ am Samstag, 17. September, von 11 bis 19 Uhr und am Sonntag, 18. September, von 11 bis 16 Uhr zum Herbstrundgang der SpinnereiGalerien in der Galerie Tobias Naehring in der Baumwollspinnerei. Zu sehen sind die Bilder von Oskar Schmidt dort vom 17. September bis zum 29. Oktober.

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