Heute Nacht erstmals im MDR-Programm zu sehen: 1989 – Ein flimmerndes Geschichtsbuch

Für alle LeserIn der Doppelvorpremiere am sächsischen Buß- und Bettag warten im jeweils gut gefüllten Kinosaal des Leipziger Werk II die Zuschauer zwischen 7 und 77 gespannt auf den Film aus dem Hause „Glücklicher Montag“. 29 Jahre nach der politischen Wende von 1989 erscheint der neue Film von den Leipziger Trickfilmmachern um Schwarwel und Sandra Strauß: „1989 – Lieder unserer Heimat: Trickfilme von Schwarwel zwischen Diktatur und Demokratie, Schießbefehl, Mangelwirtschaft und Friedlicher Revolution“.
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Es ist kein glatter, durchgestylter Film. Er wird anecken. Die 12 Episoden erzählen einzelne Geschichten aus einem Staat, der sich anschickte, der bessere der beiden Deutschländer gewesen zu sein. Und genau hier setzt Schwarwel mit seinem Zeichenstift an. Was im Hintergrund zweieinhalb Jahre recherchiert, animiert, getextet, komponiert und eingesungen wurde, zeichnet ein düsteres Bild vom ehemaligen Arbeit- und Bauernstaat.

Die friedliche Idylle, die so manchem in Erinnerung geblieben ist, weil es doch so sehnsuchtsvoll angesichts aktueller Probleme erscheint, wird in jeder Episode durch flimmernde Geschichten-Bilder zerstört. Betont verstörend wirken dazu die Lieder, die dem Film seinen Namen geben. Man glaubt, mitsingen zu können „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht …“, doch die Texte sind verfremdet.

Die Liedtexte karikieren das saubere Bild aus unseren Erinnerungen. Wer sich erinnern kann, ist überrascht von der Wirkung, die jede einzelne Episode hinterlässt: Die Alltagshatz alleinerziehender Mütter und Mangelwirtschaft. Plattenbau und Punkmusik. Spitzelstaat und Spitzensportlerdoping. Schießbefehl und rollende Panzer in China. Schutz im Schoß der Kirche und Aufstehen zur friedlichen Revolution. Alles endet mit dem Fall der Mauer und dem Bloßstellen einlullender Lippenbekenntnisse.

Alles nur Geschichte? Wohl kaum. Da fliegen Lied- und Bildzitate mit Bezug auf die Gegenwart ein. Das macht jede Minute auch zur Mahnung gegen das Vergessen. Denn Bespitzelung und Haft, Schießbefehl und Grenzregime, Leichenberge vom Platz des Himmlischen Friedens und Polizeiketten sind Bilder, die die jüngeren Zuschauer an das aktuelle Zeitgeschehen erinnern. Nur sind diese Filmsequenzen schockierender, weil wir uns an das fotorealistische Blut in den multimedialen News auf allen Kanälen schon gewöhnt haben.

Das ist dann auch eine der großen Stärken des Episodenfilms: die Bilder. Sie weichen so grob ab von den Hochglanzprospekten und 4K-Filmen auf den Flachbildschirmen und Tablets. Die klassische, handgemachte 2D-Animation ist es, die fern unserer neuen digitalen Sehgewohnheiten unsere Aufmerksamkeit auf das inhaltliche des Films lenkt. Im Hintergrund wurde jedoch auf dem aktuellsten technischen Niveau produziert.

So vermischen sich im gesamten Projekt Funny-Trickfilm, Cartoon, politische Karikatur, Illustration, Comic, Graphic Novel, Collage, Scherenschnitt und Silhouetten-Animation, Graffiti-Optik und Stop-Motion, Anima-DOK, semirealistisch und realistisch gestalteten Charakteren und Handlungsorten vor 3D-gerenderten Räumen. Das sind die technischen Details, die den Film als Ganzes lebendig wirken lässt.

Und noch etwas fasziniert an der technischen Umsetzung: Autor Schwarwel ist der Betrachter. Augenscheinlich im ersten Moment ja. Jedoch verschiebt sich in jeder Episode der Beobachtungshorizont vom Autor weg zum Publikum. Durch den Perspektivwechsel wird man selbst zum Beobachter und dringt so mit ins Geschehen auf der Leinwand ein.

Schwarwel und Sandra Strauß sowie dem ganzen Team ist es gelungen, ein Geschichtsbuch auf die Leinwand zu projizieren. Der wichtige „Trickfilm“ startet in einer Zeit, wo sich viele Menschen wieder an die Vergangenheit erinnern. Zwischen der Sehnsucht nach der Zeit, wo früher alles besser war und den heutigen Ängsten um den Erhalt von Frieden, dem eigenen Arbeitsplatz … setzt das Projekt „1989 – Lieder unserer Heimat“ zwölf Zeichen gegen das Hinnehmen von Zuständen und menschlichem Fehlverhalten.

Mit dieser Aufarbeitung von Unrecht, das unter dem Führungsanspruch einer Einheitspartei von Demütigungen, über Haft bis hin zu Mauertoten reichte, setzt Schwarwel seine sehr persönliche und in weiten Teilen autobiografische Reihe zur Geschichtsbewältigung fort. Wie schon in den Trickfilmen „1989 – Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer“ (2014), „Leipzig von oben“ (2016) und „Schweinevogel – Es lebe der Fortschritt!“ (2009/2012) des Trickfilmstudios Glücklicher Montag (Produktion) und Schwarwel (Drehbuch und Regie) bleibt er mit seinem neuen Film gestalterisch und dramaturgisch auf der gleichen Linie.

Es bildet sich so ein filmisches Fresco über die verfehlte Geschichte der DDR bis zu ihrem logischen Untergang. Dabei verlieren die Filmemacher bei aller Düsterheit der Lieder und Bilder nie den Blick auf die Hoffnung. Es gibt ein gutes Ende, wenn man sich dessen bewusst ist.

Somit kann der neue Film aus den Trickfilmstudios „Glücklicher Montag“ unter der Regie von Schwarwel, der von der MDM – Mitteldeutsche Medienförderung und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wurde, zu einem erfolgreichen Lehrstück für den faden Gesichtsunterricht an den Schulen werden.

Es ist ein Film für Museen und Gedenkstätten, die sich nicht nur mit dem Erbe der Politkader der SED befassen, sondern auch Mahnstätten für die Menschlichkeit sind. Es ist ein Projekt, das zur Diskussion zwischen Alt und Jung anregen kann, um durch selbstbewusstes Handeln und Engagement zur Festigung der Demokratie beizutragen. Somit ist „1989 – Lieder unserer Heimat“ ein Gruppenerlebnis.

Die Gruppe der Zuschauer am Buß- und Bettag in Leipzig klatsch anfangs betroffen und dann begeistert. Standing Ovation für das Team um Schwarwel und Sandra Strauß, um Zeichner und Promimusiker, um Sandwichschmierer, Kaffeekocher und Pizzabesteller, um Techniker und Produzenten. „Kino ist der Ort, wo die Filme starten“, meinte Claas Danielsen, Geschäftsführer der Mitteldeutschen Medienförderung bei MDR KULTUR Spezial am 28. November 2018. Und es war ein gelungener Start von „1989 – Lieder unserer Heimat: Trickfilme von Schwarwel zwischen Diktatur und Demokratie, Schießbefehl, Mangelwirtschaft und Friedlicher Revolution“.

Die MDR-Kurzfilmnacht startet um 0:15 Uhr. „1989 – Lieder unserer Heimat“ ist um 1:45 Uhr zu sehen.

Jetzt soll eine Trickfilmserie zu Schießbefehl, Mangelwirtschaft und Friedlicher Revolution finanziert werden

SchwarwelTrickfilm
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