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Leipziger Kulturszene: Die Zündkerzenwerkstatt stirbt

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    Im März dieses Jahres wogte eine kleine Welle durch das Zuckerberg‘sche Internetimperium. Impuls war ein Vorgang, der in Leipzig seit Jahren stattfindet: die Verdrängung von freien Kulturräume im Leipziger Stadtgebiet. Der Leipziger Osten sorgt wieder für Gesprächsstoff. Nachdem vor einigen Jahren für die Subkulturkneipe „Four Rooms“ das Aus kam, steht nun die Zündkerzenwerkstatt vorm Auszug aus ihrem Domizil in der Dresdner Straße in Höhe der ehemaligen Grünen Schänke.

    Grund für die Schließung dieses kulturellen Ortes ist der Plan des neuen Eigentümers, an diesem beschaulichen Ort Wohnungen zu bauen. Seit 2012 verschreibt sich eine Gruppe von kreativen Köpfen der Kunst, Kultur und dem Handwerk.

    In zwei Hinterhäusern und Gartengrundstücken fanden bis zur Pandemie regelmäßig Veranstaltungen wie Flohmärkte, Lesungen, Konzerte und andere Zusammenkünfte statt. Ein Tischler hatte hier seine Werkstatt, ebenso Maler, Grafiker, ein Fahrradbauer und ein Holzbildhauer besaßen an dieser Stelle ihre kreativen Entfaltungsmöglichkeiten.

    Für den Herbst steht der Abriss der hinteren Gebäude und Gärten an, die die derzeitigen Mieter von einer Vormieterin übernommen hatten. Dieser Ort besitzt, neben einer Schlibbe zwischen Kippenberger und Dresdner Straße, einen großen Baumbestand und ist eng mit der Geschichte des Stadtteils Reudnitz verbunden. Der Kahlschlag eines grünen Platzes ist vorprogrammiert.

    „Dieses Kleinod verschwindet!“, steht seit März auf der Webseite der Ateliergemeinschaft, „sang- und klanglos, leise….“

    Tatsächlich können Stadtverwaltung bzw. Politik nicht viel unternehmen, außer den Mietern der Zündkerzenwerkstatt bei der Suche nach neuen Objekten zu helfen. In die Privatinteressen des Neubesitzers kann bzw. will man nicht hineinreden. Die Betreiber fühlen sich angesichts der jäh einsetzenden Entwicklung wütend, müde und machtlos. Denn jedwedes alternative Angebot ist derzeit für die Kreativen entweder nicht bezahlbar oder liegt in einem Gewerbegebiet außerhalb von regelmäßigem Publikumsverkehr.

    Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90 / Die Grünen im Leipziger Stadtrat und Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss, ist mit dem Problem vertraut. Seit Jahren setzt eine Verdrängung solcher kulturellen Orte in den Stadtteilen ein. Grund: wirtschaftliches Interesse von Privateigentümern. Dazu äußert er, dass er und andere Politiker in Fällen wie der Zündkerzenwerkstatt nicht mehr eingreifen können, ebenso der Stadtverwaltung die Hände gebunden sind.

    „Man hätte mit den jetzigen Mietern schon früh ins Gespräch kommen müssen, um zu prüfen, ob über einen Bebauungsplan die kulturelle Nutzung im Gebiet festgeschrieben werden kann“, gibt er gegenüber der LZ zu Protokoll. „Es fehlt ein Frühwarnsystem, das ein rechtzeitiges Eingreifen in diesen Fällen ermöglicht.“

    Bevölkerungswachstum und Immobilienspekulation führen zu den Verdrängungen von kulturellen Kleinprojekten in den Quartieren, die erst ein Stadtviertel urban machen. So werden ganze Bevölkerungsgruppen, meist wirtschaftlich benachteiligte Menschen, nicht nur als Wohnende, sondern auch als Arbeitende an die Ränder gedrängt. Verloren geht dabei eine Mischung von Wohnen, Freizeit und Gewerbe, die eigentlich erklärtes Ziel der Leipzig-Charta ist.

    Dabei war vor 150 Jahren der Stadtraum – nicht nur in Leipzig – anders gedacht worden. Laden- und Geschäftsstraßen gelten noch in Wien als schick. Die Verschränkung von Arbeitsraum und Wohnkultur gehört dort ebenso noch zum guten Ton; Handwerksbetriebe, Künstler, Gewerbetreibende bildeten seit dem 19. Jahrhundert ein soziales Gefüge, in dem auf kurzen Wegen die Arbeit sozusagen auf der Straße zu finden war. Ein Umstand, den die Leipziger noch bis 1990 kannten, in Wien in den Bezirken 6 und 7 noch existiert. Nicht umsonst war bis zur Pandemie Wien auf Platz Eins der lebenswertesten Städte in Europa.

    In Leipzig setzte eine andere Entwicklung ein. Die Ausrichtung des gesellschaftlichen Miteinanders auf das Auto ließ die alten Strukturen eingehen. Einkaufsmeilen konzentrieren sich auf Supermärkte. Die Arbeit ist in Logistikzentren am Rand der Stadt geparkt.

    Sandra Wehlisch, eine der Mieter/-innen der Zündkerzenwerkstatt, ist diese Entwicklung durchaus bewusst. „Man gewinnt den Eindruck … dass Handwerk- und Künstler besser in Gewerbegebieten aufgehoben sind“, sagt sie und meint, dass diese Entwicklung Leipzig nicht unbedingt von einer guten Seite dastehen lässt.

    Eine letzte Hoffnung haben die Kulturschaffenden in der Zündkerzenwerkstatt doch noch. Bis Ende Oktober dürfen sie noch bleiben. Aber diese Frist scheint am Galgen zu hängen, den Kreativen Zeit zu geben, sich was Neues zu suchen. Ein Mieter besitzt jedoch noch einen Mietvertrag, der bis Ende Dezember 2021 läuft. Bis dahin dürfte theoretisch nichts abgerissen werden. „Ansonsten kann auch die Stadt uns nicht helfen“, äußert Wehlisch hilfesuchend, „sie vermittelt unsere Anschreiben und Schreiben der Stadt an diverse Hauseigentümer. Die reagieren entweder gar nicht oder sagen ab, … aber wir hatten auch schon Besichtigungstermine.“

    Die Mieter der Zündkerzenwerkstatt rühren die Werbetrommel für einige Veranstaltungen im Juli. So wird die „Zündkerze“ am 4. Juli im Rahmen der Reudnitzer Hinterhofflohmärkte geöffnet sein. Während des gesamten Juli dient der Ort an mehreren Terminen als Station bei einer Audiowalk-Performance in Zusammenarbeit mit dem Mühlstraße 14 e. V.

    Auf diese Weise können Menschen die Werkstätten und Gärten besuchen, zuschauen wie eine künstlerische Gruppe vorm Atelierhaus steht, über den Neubau informiert und den kommenden Abriss im Zuge der Stadterneuerung feiert, während eine andere Gruppe in den Ateliers über die Arbeit der Menschen und den Ort als Kunst- und Kulturraum Auskunft gibt. Für die jetzigen Betreiber ein Abschied auf Raten.

    Ein Kurzinterview mit den Mitgliedern der Zündkerzenwerkstatt

    Erzählt doch bitte etwas zur Vorgeschichte. Wann habt ihr das erste Mal gespürt, dass es für euch keine Zukunft in der Zündkerzenwerkstatt gibt?

    Im September/Oktober letzten Jahres haben wir die Information erhalten, dass das Grundstück verkauft wurde. Klar war uns dabei, dass bei einem Verkauf dann auch das Gebäude abgerissen werden würde. Diese Information kam allerdings nicht direkt vom Vermieter, sondern wir haben es tatsächlich erst mitbekommen, als Vermesser bei uns auf dem Hof standen. Daraufhin haben wir den Vermieter kontaktiert, der sich mit Informationen zunächst sehr zurückhielt.

    Vor 2-3 Jahren hatten wir ihm bereits eindeutig unser Kaufinteresse signalisiert und mit ihm über den Kauf des Grundstücks gesprochen … wir waren auch bereits über mögliche Kaufsummen im Gespräch. Er hielt uns zunächst hin, mit der Option, dass wir noch bis 2022 den Spekulationszeitraum abwarten müssten und dann in Verhandlungen treten könnten.

    Eine Option schienen wir aber nicht wirklich gewesen zu sein. Letztendlich hat er uns vor vollendete Tatsachen gestellt. Wir hatten keinerlei Chance mehr zu reagieren.

    Was hättet ihr euch vom Eigentümer gewünscht?

    Zunächst einmal hätten wir uns eine klare Kommunikation und eine eindeutige Aussage gewünscht, darüber was er vorhat, was für Perspektiven es gibt und allgemein, einfach in den Prozess und Entscheidungen eingebunden zu sein, um vielleicht eine gemeinsame Lösung zu finden. Wir hatten bisher einen guten Kontakt und waren wirklich überrumpelt, dass er uns „trotz unserer Vorverhandlungen und unserem eindeutig signalisiertem Interesse“ übergangen hat.

    Hat es städtische Ansprechpartner bzw. Politiker gegeben, wohin ihr euch mit eurem Anliegen bzw. mit euren Interessen hättet wenden können?

    Sobald die Tatsache feststand, dass das Gebäude abgerissen werden sollte, haben wir natürlich reagiert und uns mit der Bitte um Unterstützung der Angelegenheit an die Stadt gewandt. Da wir nicht nur Ateliergemeinschaft sind, sondern auch Kunst, Handwerk und Kultur vereinen, haben wir viele Briefe an verschiedene Ämter/Institutionen geschickt. Uns war es wichtig auch auf die Vernichtung von Stadtgrün aufmerksam zu machen, da mit dem Abriss auch das Fällen von mehreren Bäumen einhergeht und eben einer kleinen grünen Gartenoase und Vogelparadies.

    Also haben wir vom Oberbürgermeister, über die Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke, dem Kulturamt, der Handwerkskammer, dem Amt für Wirtschaftsförderung, dem Amt für Wohnungsbau und Stadterneuerung, IHK, Ökolöwe, Dezernat Stadtentwicklung & Bau, Quartiersmanagement Leipziger Osten, Grünes Quartier in Reudnitz viele Briefe geschrieben und verschickt. Es haben sich auch tatsächlich einige zurückgemeldet, aber letztendlich ist uns bewusst, wie machtlos die Stadt eigentlich ist.

    Das was wir zu hören bekommen, ist letztendlich immer dasselbe: Wir wollen Euch helfen, aber können es nicht. Wir wollen solche Orte erhalten, aber können es nicht. Wir möchten Euch Alternativstandorte bieten, aber können es nicht. Wir haben auch Rückmeldungen von Politikern, die uns freuen und uns Ihre Unterstützung anbieten, weil Sie auf die Sache aufmerksam geworden sind. Was uns natürlich freut, aber wir sind auch ziemlich desillusioniert.

    Gerade wenn wir so etwas lesen, wie den aktuellen Bericht in der Ahoi, ein Interview mit dem Leiter des AWS zum Thema Stadtentwicklung, der auch Bezug auf uns nimmt. Dort heißt es, dass unser Hilferuf Sie erreicht hat, aber wir werden als Amputationsschmerz deklariert, Verdrängung als Teil einer normalen Stadtentwicklung. Ein Prozess, der einfach so hingenommen wird seitens der Stadt. Ja, es sind normale Prozesse, aber Gentrifizierung gibt es nicht erst seit gestern. Es wiederholt sich doch in vielen Städten seit langer Zeit und trotzdem schaut man immer noch machtlos zu.

    Man gewinnt den Eindruck, dass Handwerk und Kunst gerne an den Stadtrand und Gewerbegebiete verwiesen wird und Kultur am besten gleich mit. Gerne würden wir Pioniere sein für brachliegende Gebiete (um die Wortwahl im Artikel aufzugreifen), aber wir sprechen aus Erfahrung, „wir leben bereits an diesen Orten“ und auch hier gibt es kaum noch Raum, denn hier suchen wir bereits. Ja, Stadterneuerung fordert vielleicht seinen Tribut, aber zunächst sollten die Strukturen in den Ämtern austariert werden.

    Wir haben festgestellt, dass die Vernetzung zwischen den Ämtern eine schleppende Angelegenheit bis gar nicht existent ist. Bauanträge werden am Schreibtisch genehmigt, ohne die Orte zu kennen. Es fehlt an einer Zwischeninstanz in den einzelnen Stadtteilen mit Kenntnis von den Gegebenheiten vor Ort. Bevor eine Genehmigung erteilt wird, sollte tatsächlich vor Ort geprüft werden. So könnte Stadtentwicklung auch mit An-/ Bewohnern funktionieren.

    Wir haben das Gefühl, dass nicht unsere Interessen vertreten werden. Es sind nun einmal größtenteils keine Bewohner der Stadt, die hier investieren, bauen und kaufen und wollen es auch nicht werden. Wir sollten uns tatsächlich fragen, welche Entwicklung um welchen Preis hier gerade stattfindet. Es scheint so als würden viele Orte der Stadt einfach unkontrolliert aufgekauft und zu Renditezwecken durchoptimiert werden, ohne darauf zu achten, was Leipzig eigentlich ausmacht und so viele Menschen anzieht.

    Abschließend vielleicht noch eine Bemerkung dazu, dass wir vom AWS mit der Ostwache zusammen gebracht wurden, wie es im Artikel heißt. Nun ja, da mussten wir tatsächlich schmunzeln, wenn „zusammenbringen“ bedeutet, dass man die Ostwache im Antwortschreiben einmalig erwähnt, dann war das tatsächlich so.

    Szene-Tipp: W*ORTE im Osten – Audiowalk-Performance

    Eine Schauspielgruppe geht in Leipzig mit ihrer Audiowalk-Performance auf individuelle und kollektive Spurensuche an verschiedenen Orten. Es sind Orte, die bald gehen. Orte, die gemeinschaftlich gestaltet wurden. Orte, die ohne Worte verschwinden. Schöne und raue Orte des Alltags, die sich nicht nur durch Musik und Poesie verwandeln.

    Die „W*ORTE im Osten – Audiowalk-Performance“ ist eine Aktion des Mühlstrasse 14 e.V. unter Mitwirkung von Amal Alsawah, Amjad Al Mikdad, Anna Hardock, Christin Eckl, Janik Grebe, Jens Kirschner, Mazen Al Ali, Mohammad Diab, Mohammad Khaitou, Nada Al Shawesh, Rabea Ismael u. Freunde, Sandra Wehlisch, Wael Alhamed und Yousef Ali.

    Idee und Konzept: Luise Schöpflin / Dramaturgische Begleitung: Thomas Bünten

    Termine: Do, 01.07. / Fr, 09.07. / Sa, 10.07. / Do, 29.07. / Achtung: individueller Startpunkt zw. 18:00 und 20:00 Uhr! | Nur mit Anmeldung! Die Teilnahme wird ab 10 Jahren empfohlen.

    TNB: 12,00 Euro / ermäßigt 10,00 Euro | Anmeldung unter: kontakt@muehlstrasse.de oder 0341/ 9 90 36 00

    Start- und Endpunkt: Lene-Voigt-Park am KULTURKIOSK (buntes Trafohäuschen an der Eilenburger Str./ Heinrichstr.)

    Die Audiowalk-Performance ist Teil des Projektes „Erzähl mir, Leipzig! Leipzig, hör zu!“.

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      1 KOMMENTAR

      1. Den schmalen Durchgang schreibt man mit hartem Doppel-beh: Schlippe. (Es gab mal sogar eine Bimmelhaltestelle, die so hieß, allerdings in der Ecke Großzschocher.)

        Ich habe schon anderswo geschrieben, dass man nicht das Grundgesetz ändern muss, um ein Minimum an Milieuschutz zu erhalten. Allein die Stichworte „B-Plan“ und „Frühwarnsystem“ zeigen mir, dass die Politiker sehr wohl etwas ausrichten können, aber schlicht kein Interesse an derlei kleinteiligen Strukturen haben. Das ist ihnen zu poplig und verkrautet, besonders, wenn die Ausstrahlung nur auf den Stadtteil begrenzt ist und auch so bleiben soll.

        Erst wenn es irgendwie touristisch wird und schön glatt geschniegelt aussieht – wie die Baumwollspinnerei (nach übrigens mehreren Anläufen aus einer gewissen Plagwitzer Kleinteiligkeit), gucken Ämter und Stadträte hin. Heuchler.

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