Seit 100 Jahren endet das Gewandhausjahr mit der Aufführung von Beethovens Neunter. Zum Jahreswechsel 2019/2019 stand Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons nach einem Jahr Abstinenz wieder persönlich am Pult.

Im Jahre 1918 stand die Aufführung der Neunten im Zeichen von Kriegsniederlage, Novemberrevolution und einer ungewissen Zukunft. Das legendäre Spätkonzert, organisiert vom Arbeiter-Bildungs-Institut und als „Friedens- und Freiheitsfeier“ betitelt, begann unter Leitung von Arthur Nikisch um 23 Uhr in der Alberthalle. Der Schlusssatz mit dem bekannten Chor erklang erst nach Mitternacht.

So lange mussten die Konzertgänger am Samstag nicht wach bleiben. Um 20:04 Uhr setzte Andris Nelsons den Taktstock an. Um 21:14 Uhr erklang der letzte Ton. Mit gut 67 Minuten netto dauerte die Aufführung dieses Jahr gefühlte zehn Minuten länger als im Vorjahr unter Alan Gilbert, und noch deutlich länger als die Aufführungen unter Stabführung von Nelsons’ Amtsvorgänger. Der italienische Star-Maestro Riccardo Chailly pflegte Beethoven zum Leidwesen mancher im Stechschritt durch den Großen Saal zu jagen.

Bei Nelsons standen wie schon bei seinem Silvester-Debüt 2016 die Schönheit und der Glanz der Beethovenschen Töne im Mittelpunkt der Interpretation. Sanftmütigkeit statt Stakkato. Trotz gefühlter Längen im ersten und dritten Satz sprudelte die Aufführung vor Lebendigkeit und Lebensfreude. Die Chöre von Gewandhaus und MDR sangen die „Ode an die Freude“ ausdrucksstark und pathetisch. Ein Genuss.

Die Solisten bewegten sich ebenfalls auf hohem Niveau. Mit Lucy Crowe, Violeta Urmana und Klaus Florian Voigt hatte das Gewandhaus drei Hochkaräter aus dem internationalen Konzert- und Opernbetrieb eingeladen, die ihrem Ruf alle Ehre machten. Nur Bariton Luca Pisaroni fehlte es an Breite und Volumen, um sich von seinen Mitstreitern hörbar abzuheben.

Wer die Sinfonie zum Jahreswechsel 2019/2020 dirigieren wird, ist noch nicht bekannt. Fest steht dagegen, dass Andris Nelsons im kommenden Jahr das traditionelle Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker leiten wird.

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