Knitterfreies Märchen-Spiel in einer Belcanto-Oper

Mit „La Cenerentola“ hat die Oper Leipzig ein Weihnachtsmärchen und ein Geschenk vorweggenommen. Am Buchmesse-Samstag zeigte Leipzigs Opernbühne ein Bücherregal, so groß wie das Portal. Plötzlich fällt ein Buch heraus. Und das Spiel nimmt seinen Lauf. Ein Spiel, von dem in Büchern erzählt wird. Vor 380 Jahren hat man die erste Ausgabe des „Aschenputtel“-Stoffes in Neapel gedruckt.

In Anlehnung an den Märchenerzähler Charles Perrault schufen dann der 25-jährige Komponist Giacomo Rossini und der Libretti Jacopo Ferretti, immerhin Zeitgenossen der Brüder Grimm, ihre Oper, und sie brauchten keine übernatürlichen Kräfte und keine quälenden Prüfungen. Nicht einmal den verlorenen Schuh und den wiedergefundenen passenden Fuß. Und die Tauben sitzen ja sowieso seit 1960 auf dem Dach der Oper Leipzig und rühren sich nicht von der Stelle. Aber Cenerentola findet ihren Weg auch so, denn Regisseurin Lindy Hume schreibt im Programmheft: „Sie ist keck, willensstark, liebenswürdig und mit Sicherheit kein Opfer.“

„Wenn ich nur wüsste, weshalb mir das Herz so schlägt.“

Wenn ein Märchen auf dem Spielplan steht, scheinen die Vorurteile des Publikums zu fallen. Ach was, kennt man ja. Wie genau, ist jetzt egal. Was man mit alten Mären anstellen kann, spielt hier auch keine Rolle, da donnern anderswo Gewehrsalven, über die das Publikum vorab schriftlich informiert wird. In der Oper „La Cenerentola“ sind die Fragen von Reichtum und Macht geklärt, Neid und Missgunst ebenso. Und es gibt, ja, die Macht der Liebe. Vielleicht sind die Regisseure eben anderswo großzügiger und es muss nicht Konzeptionsdampf über die Bühne wabern, denn die Inszenierung aus dem Jahr 2013 in Brisbane ist als Koproduktion der Opera Queensland und der New Zealand Opera entstanden. Märchen globalisieren.

Regisseurin Lindy Hume, Australierin und Chefin der Queensland-Oper, hat mehr als 50 Inszenierungen weltweit, von „Fledermaus“ in Houston, bis „Mathäus-Passion“ in Perth und „Radamisto“ in Halle/Saale geschaffen. Was die Regisseurin in „La Cenerentola“ auf die Bühne gebracht hat, ist ein Seitenblick mit vielen Facetten sowie die Kunst von Bühnen- und Kostümbildner Dan Potra, in Bukarest geboren, in Sydney lebend, und der Damen und Herren in der Schneiderei, die ballenweise Stoff um die Taillen vorzugsweise der Sängerinnen geschwungen haben.

„Vor dieser Kunst und Schönheit muss man einfach niederknien.“

Knitterfrei sind die Kostüme der Protagonisten, wie nagelneu, was sie ja vermutlich auch sind, sie zeigen keine Gebrauchsspuren. Ein Blick in die Märchenwelt ist an sich schön.

Keine Buchmesse-Dekoration, aber am Buchmesse-Samstag war Premiere. (Mathias Hausmann), Alidoro (Sejong Chang), Don Ramiro (Matteo Macchioni) & Herrenchor_Oper. Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Keine Buchmesse-Dekoration, aber am Buchmesse-Samstag war Premiere. Dandini (Mathias Hausmann), Alidoro (Sejong Chang), Don Ramiro (Matteo Macchioni) & Herrenchor_Oper. Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Rot und Grün sind die Kleider der Stiefschwestern, unter dem roten trägt man grüne Strümpfe und Purpur-Unterhose. Angelina/La Cenerentola in Grau, wie schön und hell man nur ein Grau machen kann. Sie wird dann in Schwarz funkeln und in Weiß in den Arm des Prinzen gleiten.

José Fardilha, in Lissabon geboren, wirkt als Don Magnifico in karierten Hosen und überhaupt kunterbuntem Kostüm und rötlich-zotteliger-lichthauptiger Perücke, als hätte man dem Rollentyp und Fach ein Denkmal setzen wollen. (Mit Bezug postum zu Kammersänger Reiner Süß, einem gebürtigen Leipziger und Thomaner.)

„Im Spiel ist ein Jahrhundert wie eine Minute“

Hofschranzen und Zofen, alle männlich, eine mit Bart, brav choreographiert, bevölkern die Bühne, rollen auch mal Teppiche und Rasen aus.

Letztendlich erscheint Straßenvolk zur Beobachtung und Huldigung mit durchaus getragen und gedient erscheinender Garderobe, passend zu Stil und Zeit von „Don Magnificos Emporium“. Dieser Laden für Stoffe und Spielwaren und Allerlei mit aufklappbaren Schaufenstern ist ausgestattet wie ein Szenenbild beim Film. Seit Hinkel & Kutschbach am Neumarkt schloss, hat es einen solchen Laden in Leipzig nicht mehr gegeben. Ähnliche, übernommene Teile aus früheren anderen Ladenausstattungen zeigte noch Zsitvas Puppenklinik. Die stehen nun in Gelenau im Museum.

Blickt man übers „Don Magnificos“ Schaufenster nach oben, ist an der maroden Bude schon die Farbe verschwunden, der Putz abgebröckelt, Ziegelsteine fehlen, Zeiten gehen zu Ende. Doch da funzeln auch schon elektrische Lichterketten in den Schaufenstern…

Bei Hofe sind die Perspektiven andere. Geometrisch verschnittene Sträucher, grüner Rollrasen, weit hinten das Schloss. Wundersam gibt’s Donner und Regen, ohne dass Wasser fließen muss.

„Unschuld und Herzensgüte“

Rossini hat vor gut 200 Jahren offensichtlich alles perfekt kalkuliert, Kräfte der Akteure, Aufmerksamkeit des Publikums, wie Programmnummern sind die Szenen komponiert, drastisch instrumentiert mit Steigerungen an wechselnden Positionen. Nicht viel anders haben es spätere Musical-Komponisten gemacht, mit ganz anderer Technik. Als Cenerentola-Angelina ist Wallis Giunta der Star des Gesangs, wenn sie die Stimme sirenenartig anschwellen lässt.

Im Schlosspark ist das Sextett ein brillanter Ohrenschmaus, als wäre eine Erinnerung an 100 Jahre Dadaismus fällig. Aha, zu Zeiten Rossinis trug man also diesen Spaß in der Sänger Stimmen. Ohne Rücksicht auf eine eventuelle vierte Wand zum Publikum kommen die Sänger nach vorn an die Rampe, dann immer noch im Gestus der Rolle und nicht als Verteidiger ihrer Selbst.

Angelina / Cenerentola / Aschenputtel so edel in Grau, wie man in grau schön sein kann. Angelina (Wallis Giunta). Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Angelina / Cenerentola / Aschenputtel so edel in Grau, wie man in grau schön sein kann. Angelina (Wallis Giunta). Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Deutsche Übertitelung hilft dem italienischen Gesang zum Verständnis. (Zwischenzeilen stammen aus dem Libretto.)

Zur Premiere fiel es manchen Besuchern schwer oder misslang, vor ihrem Szenenapplaus die letzten Noten verklingen zu lassen. Pausen und Applaus scheinen mitkomponiert und ohne Dagegenzuhalten mitinszeniert zu sein, wobei der Applaus redlich verdient war. Und nach dem Finale gab es heftigen Applaus für die Akteure und das Inszenierungsteam und einen Korb Rosen, den sich eine der Stiefschwestern schnell zur Seite stellte.

Im Zuschauerraum ist es heller als sonst, und man blicke unbedingt in der Pause in den Orchestergraben, und staune, wie wenige Musiker diese Klangpracht geistern lassen können. Zudem wurde der Boden des Orchestergrabens gut einen Meter angehoben, und die feine Akustik des großen Raumes spielt mit.

Bei der Inszenierung wurden auch szenische Details mitimportiert, wie die Festtagsdekoration mit britischen Flaggen. Man wollte im Zeitgeist auf der australischen Bühne alten englischen Adel in der Ölgemälde-Galerie zeigen sowie an die Hochzeit von Königin Victoria mit Prinz Albert erinnern, und damit auch den Geschmack des Publikums treffen. Im Leipzig von 2016 denkt man bei britischen Fahnen auf der Bühne sofort an „Brexit“!

Wenn man diesem Abend nachsagen will, ein bisschen verspielt, etwas altmodisch zu sein, dann ist das im besten, freundlichsten und erfreuten Sinne.

„Der Stolz zerfällt zu Staub, die Güte triumphiert“

In der Oper „La Cenerentola“ werden Tauben nicht unbedingt gebraucht, auch nicht der verlorene Schuh und keine drei Haselnüsse, die den DEFA-Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ über Generationen berühmt machten.
Wie noch immer Besucher zum Schloss Moritzburg strömen, davon erzählte bei einer Veranstaltung der Museumsdirektor Steffen Retzlaff. Und auch davon, dass man die Dauerausstellung zu Aschenbrödel und dem Film nunmehr ergänzt. Leute wollen die Originalschauplätze sehen, an denen sich das alles abspielte! Was sind schon Märchen…! Sogar „Heiraten wie Aschenbrödel“ ist ein Moritzburger Tourismusfaktor geworden.

„Märchen im Alltag“ war ein Montagabend überschrieben, bei dem trotz Demonstrationen und Kundgebungen in und um Leipzigs Stadtzentrum 50 Leute erschienen.

Herzensgüte triumphiert! Und wenn sie nicht gestorben sind... Don Ramiro (Matteo Macchioni), Dandini (Mathias Hausmann),Herrenchor, Tisbe (Sandra Janke), Clorinda (Magdalena Hinterdobler) & Don Magnifico (José Fardilha). Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Herzensgüte triumphiert! Und wenn sie nicht gestorben sind… Don Ramiro (Matteo Macchioni), Dandini (Mathias Hausmann), Herrenchor, Tisbe (Sandra Janke), Clorinda (Magdalena Hinterdobler) & Don Magnifico (José Fardilha). Foto: Oper Leipzig, Kirsten Nijhof

Bei der Reihe „Das rote Sofa“ wird ins edle Grau der Wandbespannung des Konzertfoyers ein nüchternes Podest gestellt, darauf Tisch, Hocker und eine verschnörkelte Couch, die dem Gast als Anklagebank erscheinen muss, zumal der Moderator in der anderen Sofaecke lümmelt. Studienleiter Ugo D’Orazio sprach über das Phänomen Belcanto am Beispiel von Rossinis Oper und als Höhepunkt arbeiteten sich der Moderator und eine systemische Familientherapeutin mit einigen Puppen durch die Konstellationen der Figuren des Märchens, wobei der Therapeutin weder die Grimm-Fassung noch die Opern-Version geläufig zu sein schien. So waren auch ihre Lösungen nur Varianten. Und zuweilen gehöre eben der auf die Couch, sagte sie, der das Problem, „Unser Kind ist kaputt, machen Sie es heile!“, gelöst haben wollte.

Nächste Vorstellungen: 28. März, 18:00 Uhr, 9. April, 19:00 Uhr, 3. Juni, 19:30 Uhr, 19. Juni, 15:00 Uhr.

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