Der Prozess um den mutmaßlichen Mord an einem Geschäftsmann im Jahr 2014 kommt in Bewegung. Seit Donnerstag bricht der Kronzeuge am Landgericht sein Schweigen – doch die Verhandlung am Freitag endete anders als geplant.

Er habe sich noch nichts dabei gedacht, als der Angeklagte ihn am Mittag des 22. September 2014 anrief und zu sich in die Firma beorderte, erzählte Hasan M. (45) vor der 3. Strafkammer des Leipziger Landgerichts. Doch wenig später war ein Geschäftsmann tot und wurde, glaubt man seiner Aussage, auf einem Firmengelände an der Dessauer Straße verscharrt.

Hasan M., geboren in Bosnien, wandte sich zwei Jahre nach dem Geschehen an die Polizei und packte aus. Heute lebt er im Zeugenschutzprogramm des LKA Sachsen, wird auch im Prozess permanent von Zivilbeamten bewacht. Nach seinen Angaben gab der nun angeklagte Hüseyin D. (49) am fraglichen Tag einen Mordbefehl gegen seinen Rivalen Mehmet I. (42). Beide hätten sich zuvor um 8.000 Euro gestritten.

„Dann hat er keinen Mucks mehr gemacht“

Daraufhin habe der heute 23-Jährige Ismail Ö., der sich aktuell in der Türkei aufhalten soll, den Mann im Firmengebäude des Angeklagten erwürgt. Das Opfer habe eine Plastiktüte über dem Kopf gehabt, wehrlos auf dem Boden gelegen, während Ismail Ö. ihm Hals und Nase zudrückte, zwischendurch immer wieder mit der Faust auf ihn einschlug.

„Dann hat er keinen Mucks mehr gemacht“, sagte Hasan M. der Kammer. Er selbst sowie der Angeklagte hätten dabeigestanden. Danach kam der Körper von Mehmet I. in ein Fass, wurde zwei Tage später in ein ausgehobenes Loch auf dem Areal Dessauer Straße geworfen. Erst über drei Jahre später schlugen Leichenspürhunde vor Ort an.

Viele Detailfragen sind bisher offen. Sicher scheint: Der mutmaßliche Mord-Anstifter und seine Umgebung bewegten sich offenbar alle in einer diffusen Schattenwelt aus Schiebereien und Wirtschaftskriminalität. Hasan M., der den Angeklagten so massiv belastet, kannte ihn seit etwa 2007, erledigte immer wieder Fliesen- und Bauarbeiten für ihn.

Angst vor dem Angeklagten?

Doch das Verhältnis beider Männer schien für Hasan M. immer mehr in Angst umzuschlagen. Damit erklärte er auch die Widersprüche in seiner Version des Geschehens. So soll Hüseyin D. ihn am Tattag mit dem Auftrag, einen Strick zu kaufen, zum Baumarkt geschickt und auf halbem Weg zurückgerufen haben, erinnerte sich der Kronzeuge. Warum ihm das nicht seltsam vorkam, zumal er doch kurz zuvor den heftigen Streit des Angeklagten mit dem gefesselten Opfer mitbekommen habe, fragte der Vorsitzende Richter Norbert Göbel nach.

„Ich wusste nicht, wo hinten und vorne ist“, gab Hasan M. zurück. „Ich war fix und fertig mit meinen Nerven.“ Zudem habe er bei Befehlsverweigerung um sein eigenes Leben gefürchtet: „Ich weiß, wie er tickt. Ich kenne ihn“, so Hasan M. mit Blick auf seinen einstigen Sozius.

Das zweiköpfige Verteidigerteam von Hüseyin D. versuchte indes, die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen in Zweifel zu ziehen. Die Verhaftung ihres Mandanten basiere nur auf der mündlichen Aussage von Hasan M., obwohl er und andere Personen ein Interesse daran hätten, dem Angeklagten zu schaden, empörte sich Rechtsanwältin Ines Kilian. Dabei hätte man sonst nichts in der Hand, nicht einmal belastendes DNA-Material.

Die Vernehmung am Freitag wurde dann aber unerwartet abgebrochen: Hasan M. erlitt während der Mittagspause offenbar einen Kreislaufkollaps, der Rettungsdienst musste hinzugezogen werden. Nach kurzer Zeit stand die Verhandlungsunfähigkeit des 45-Jährigen fest.

Der Prozess wird fortgesetzt, Termine sind derzeit bis Herbst reserviert.

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