Mit Schreckanrufen vermeintlicher Kriminalbeamter oder Bankangestellter bei teils hochbetagten Menschen wurden offenbar ordentlich Konten gefüllt: Seit Mittwoch, dem 14. Januar 2026, stehen zwei mutmaßliche Mitglieder einer Betrügerbande vor dem Landgericht. Die Spur zu den Hinterleuten führt laut Ermittlern in die Türkei. Zum Prozessauftakt zeigten sich die Angeklagten über ihre Verteidigung weitgehend geständig.

Mal waren gefährliche Einbrecherbanden im Viertel unterwegs, mal das Konto gehackt oder der wertvolle Inhalt des Bankschließfachs in akuter Gefahr: Mit derlei fingierten Storys am Telefon nutzte offenbar eine Betrügerbande die Angst vornehmlich älterer Menschen deutschlandweit aus, um die Senioren um ihr Erspartes zu bringen.

Seit Mittwoch stehen zwei mutmaßliche Mitglieder der Gruppierung vor dem Leipziger Landgericht. Staatsanwältin Dr. Sibylle Zwanzger warf Hasan F. (25) und Esref B. (26) unter anderem banden- und gewerbsmäßigen Betrug sowie einige Versuche vor. Die Anklageschrift listet insgesamt 23 Tatkomplexe zwischen November 2024 und April 2025 auf.

Hinterleute sollen in der Türkei sitzen

Demnach hätten sich Hasan F. und Esref B. vor November 2024 mit Unbekannten zusammengetan, um sich durch Betrügereien eine Einnahmequelle zu verschaffen und einen „größtmöglichen Vermögensschaden“ bei den Opfern anzurichten. Dessen Folgen seien zumindest billigend in Kauf genommen worden.

Anrufer aus türkischen Callcentern, sogenannte „Keiler“, hätten die Geschädigten bedrängt, sich als Bankmitarbeiter oder Kripobeamte vorgestellt, die ihre Opfer unter Verweis auf eine angeblich dringliche Situation dazu brachten, Wertgegenstände und Erspartes bereitzulegen bzw. Überweisungen zu tätigen.

Geld und Wertobjekte wurden im „Erfolgsfall“, vermeintlich vorübergehend und zur Sicherheit, an Abholer vor der Haustür übergeben. Hasan F. und Esref B. sollen derlei Übergaben koordiniert, teils auch selbst durchgeführt und den Kontakt zu den in der Türkei verorteten Hinterleuten gehalten haben. Dorthin wurden laut Akten auch Geldtransfers eingefädelt.

94-Jähriger übergab seine Goldbarren an „Polizeibeamten“

Das älteste Opfer der perfiden Masche war nach Ermittlerkenntnis ein 94 Jahre alter Mann aus Kaiserslautern, der Anfang November 2024 Goldbarren im Gesamtwert von 75.000 Euro aus seinem Bankschließfach entnahm und einem angeblichen Mitarbeiter der Polizei aushändigte. In anderen Fällen gab es elektronische Überweisungen unter Verweis beispielsweise auf einen erfundenen Cyberangriff.

Anfang Januar 2025 wäre um ein Haar auch eine Leipzigerin (62) dem Betrug zum Opfer gefallen – doch die Übergabe der 3.600 Euro Bargeld kam damals nicht zustande, weil sie die Tür nicht öffnete. In einigen Fällen scheiterte der Plan, beispielsweise deshalb, weil bei Betroffenen rechtzeitig Misstrauen aufkam, sie nicht zu Hause waren, das Geldinstitut Verdacht schöpfte oder Beobachter der Bande Angst bekamen, als plötzlich eine Polizeistreife zu sehen war.

Dennoch: Den durch ungerechtfertigte Überweisungen sowie Übergaben von Bargeld, Edelmetallen, Münzsammlungen und Schmuck beziffert die Anklage bei Esref B. auf rund 198.000 Euro. Er soll für 14 Fälle verantwortlich sein, der Mitangeklagte für vier.

Angeklagte gestehen Vorwürfe großteils

Zu Prozessbeginn räumten die Verdächtigen mehrere Anklagepunkte ein, wenn auch mit Abstrichen: „Er wusste nicht immer, woher die Gelder stammen“, sagte Rechtsanwalt Thomas Steur über seinen türkischen Mandanten Hasan F., der sich in einer „eher untergeordneten Rolle“ sehe.

Dem Schweißer sei auch nicht klar gewesen, welche Täuschungsmanöver es im Detail gegenüber Opfern gab. Gleichwohl habe er Abholer begleitet oder sein Deutschlandticket an Komplizen bereitgestellt. Auch wusste er laut eigener Darstellung, dass er auf den „Lohn“ aus seiner Tätigkeit keinen Anspruch hatte. Das Geschehen bedauere er und werde sich entschuldigen, wolle sich aber über weitere Bandenmitglieder und dergleichen nicht äußern.

Auch Landsmann Esref B. legte über seine Verteidigerin Diane Kirschkowski ein Geständnis ab: Demzufolge sei der Bauarbeiter bei Übergaben mehrfach zugegen gewesen und habe sich einen kleinen „Lohn“ mit Komplizen geteilt. Der größte Beuteteil sei aber an Hinterleute gewandert.

Teils hochbetagte Opfer in ganz Deutschland

Für die Justiz bedeuten Verfahren dieser Art aufgrund ihrer Komplexität oft einen Kraftakt, sodass Geständnisse den Prozess wesentlich abkürzen, aber auch potenziell mildere Strafen mit sich bringen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass eine Zeugin bereits abbestellt werden muss, da sie über 80 Jahre alt und laut Attest ihres Arztes nicht reisefähig ist.

Bei einer Verurteilung dürften die Angeklagten nichtsdestotrotz mehrere Jahre im Strafvollzug verbringen. Die 5. Kammer hat bis 13. April noch acht Verhandlungstage geplant.

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