Fast auf den Tag genau sechs Jahre liegt der schockierende Vorfall zurück, es geht unter anderem um versuchten Mord: In einem eskalierenden Konflikt um die Vormachtstellung im Drogengeschäft sollen mehrere Männer im April 2020 eine Wohnung in Leipzig-Sellerhausen gestürmt und einen Kontrahenten ins Visier genommen haben. Dabei kamen eine Schusswaffe und eine Machete zum Einsatz. Seit Mittwoch, dem 1. April, wird drei mutmaßlich Beteiligten zum dritten Mal der Prozess am Landgericht gemacht.

Dieser Vorfall nahm beinahe einen tödlichen Ausgang: Am frühen Abend des 2. April 2020 waren Schüsse durch eine Dachgeschosswohnung in der Leipziger Sybelstraße gepeitscht. Das damals 19 Jahre alte Opfer erlitt nach Gerichtsangaben einen Bauchdurchschuss und lebensgefährliche Verletzungen im Bereich von Magen, Leber und Gallenblase, konnte aber offenbar dennoch zunächst über das Dach fliehen, überlebte den Angriff knapp.

Laut Anklage ging es um eine Machtdemonstration

Nach Ansicht der Anklagebehörde habe es sich bei dem brutalen Vorfall um eine Machtdemonstration gehandelt, mit der man die unliebsame Konkurrenz vom Betäubungsmittelverkauf im Bereich der Eisenbahnstraße habe fernhalten wollen.

In Ausführung eines gemeinsamen Tatplans sollen die drei jetzt Angeklagten gemeinsam mit mehr als einem Dutzend weiterer Männer in die Wohnung vorgedrungen sein, wobei die Staatsanwaltschaft Saif F. (30) für den Schützen hält. Achref G. (31) soll außerdem einen weiteren Mann (28) in der Wohnung mit einer Machete erheblich verletzt haben. Mindestens zwölf weitere Personen werden laut Landgericht gesondert verfolgt.

Ein polizeiliches Großaufgebot hatte damals nach den Tätern gesucht und schnell Verdächtige gefasst.

Prozess scheiterte bereits zweimal

Unter Coronabedingungen war im April 2021 die Hauptverhandlung gegen vier der mutmaßlichen Angreifer gestartet, der Prozess platzte aber im Herbst aufgrund der Schwerhörigkeit einer Schöffin, die dem Prozess nicht mehr zu folgen vermochte. Anfang 2022 brachte eine Erkrankung das Verfahren erneut zu Fall. Haftbefehle mussten sogar aufgehoben werden, weil die überlange Dauer der juristischen Aufarbeitung mit der Unschuldsvermutung und dem Beschleunigungsgebot nicht mehr in Einklang zu bringen war.

Nun hofft die Leipziger Justiz, dass eine erneute Panne ausbleibt. Die 3. Strafkammer hat für die drei Angeklagten 14 Fortsetzungstermine bis 3. September eingeplant. Neben Saif F. (30) und Wael A. (26) muss sich Mohammed Y. (40) verantworten – Letztgenannter soll in den Tatplan eingeweiht gewesen sein und Beihilfe geleistet haben, indem er in einem bereitstehenden Fluchtwagen auf die Komplizen wartete.

Sitzt rechtskräftig in Haft: Verfahren gegen einen mutmaßlichen Täter eingestellt

Einer von ihnen war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Achref G. (31), der am Mittwoch im Landgericht fehlte: Der Mann sitzt rechtskräftig zwölf Jahre Haft ab, weil er nach gerichtlicher Feststellung einen Mordauftrag erteilt und dafür einen Schützen losgeschickt hatte. Dieser Vorfall hatte sich Anfang 2023 in der Juliusstraße zugetragen, das Zielobjekt, ein 36-Jähriger, wehrte sich im Treppenhaus heftig gegen den Angreifer und überlebte. Der Drahtzieher des Mordversuchs und sein anvisiertes Opfer sollen damals in einem persönlichen Konflikt gestanden haben.

Da das jetzt zu erwartende Strafmaß im Vergleich zu den zwölf Jahren Freiheitsentzug nicht mehr entscheidend ins Gewicht falle, wurde das aktuelle Verfahren gegen Achref G. laut Justizangaben eingestellt.

Am Mittwoch fand dann unmittelbar nach Verlesung der Anklage durch Staatsanwalt Dennis Michalski ein Rechtsgespräch statt. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Strafen im Fall einer Verurteilung wegen der von den Angeklagten nicht zu verantwortenden Verfahrensdauer mild ausfallen könnten.

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