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Gastmanns Kolumne: Eine Buchmesse-Verarbeitung

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    Nun ist sie schon seit einer Woche wieder Geschichte: die Leipziger Buchmesse. Besucherrekorde seien gebrochen worden, die Kassandratöne vom Untergang des Abendlandes mal wieder grundlos gewesen, jubelte die Presse euphorisiert, offensichtlich interessiere sich das Gros der Menschheit eben doch noch für Bücher.

    Schön wäre es. Aber wer behauptet, es ginge ausschließlich um Bücher in diesen vier Tagen  der Messe, der hat im Elfenbeinturm wohl lange nicht mehr aus dem Fenster geguckt.

    Bücher allein sind es eben nicht, die dort im Fokus der Hinwendung stehen. Spielen sie doch mindestens in einer Liga mit all den gratis verzehrten Keksen, dem süßem Speck und den Gummibärchen an Ständen, wo sich einschüchternd weise aussehende Verlagsvertreter mit Menschen aus ihrer Nähe verbinden wollen.

    Die Messe gewinnt auch nicht, wer nicht mindestens zwei Tragetaschen mit den Konterfeis von ARD-Fernsehmoderatoren oder Gerard Depardieu mit geklauten Kugelschreibern und Schlüsselbändern voll kriegt.

    Außerdem will die Pädophilenmesse unter dem Decknamen „Manga-Comic-Convention“ beguckt sein.

    Halbnackte Teenager in Strapsen und farbenfreudigen Perücken stehen schließlich nicht umsonst abwechselnd vor den Toiletten und vor kichernden Zeichnern aus Japan für ein Autogramm an. Sehen und gesehen werden, heißt auch hier die verzeihliche Devise. Der Mensch lebt eben nicht von der Majuskel allein.

    Es ist auch nichts daran zu tadeln, dass dies alles auch den Wochenendausflügler anzieht, im Schlepptau sogar  Papi, der Samstagmorgen-Auto-Lustwäscher, der sich an seinen Felgen nun sattgesehen hat. Außerdem ist schlechtes Wetter.

    Auch Cervelat-Prominenz auf der Abschussliste gibt sich gern die Klinke der Glashalle in die Hand, die Buchmesse gilt nicht nur in Fachkreisen als Dschungelcamp für Alphabetisierte.

    Christian Anders, dessen Zug nach Nirgendwo wohl gerade in Leipzig haltgemacht hat, schiebt sich durch die Gänge, wirft Frauen Blicke zu, während die Frisur tadellos sitzt. Peer Steinbrück schreitet an ein paar vespernden Burgfräulein-Mangas mit Margot-Honecker-Frisuren vorbei, nicht ohne diesen ein joviales „Na, schmeckt’s?“ zuzurufen. Was er nicht mehr hört, wird das schulterzuckende „Kanntest du den?“ der beiden Ministerinnen für Volksbildung sein. Das ist die Buchmesse eben auch.

    Wer ehrlich ist, wird auch zugeben, dass die gefühlt zwei Millionen Leseveranstaltungen von „Leipzig liest“ nicht stets zu 100 % innerlichem Minnesang anstiften.

    Wer sich jemals an einem solchen Wochenende hoffnungsvoll in die abendliche Leipziger Innenstadt begeben hat und in einen bestuhlten Verkaufsraum einer örtlichen Buchhandlung geraten ist, um dort ein kicherndes Autoren-Gespann aus Nordrhein-Westfalen vorzufinden, weiß vielleicht, was gemeint ist.  So war es auch mir einmal ergangen: Es war beste Tagesschauzeit, ich wusste eine erfreuliche Begleitung an der Seite, frühlingstrunken querte man die Straßen, man trug Gelassenheit im Gepäck. Der März-Abend zeigte sich naturgemäß noch etwas unterkühlt, unterwegs kreuzte etwas Jungvolk – das Leben im Griff, den Griff im Schritt und die Bierflasche in der Hand – unseren Weg.

    Was wir vorfanden, war ein Publikum auf Klappstühlen, das bereits arglos und freundlich den Begrüßungsworten eines schwer schwäbelnden Verlags-Fredis vom Typ Honigkuchenpferd applaudierte, der für sich die „wie-und-als“-Frage noch nicht ganz geklärt zu haben schien.

    Ich erschrak ein wenig darüber, dass man so etwas in einer solchen Veranstaltung wagte. Vor Köpfen, die man zumindest präventiv in Verdacht haben sollte, dass sie nicht ausschließlich der Haare wegen existieren.

    Aber auch die Hoffnung, inmitten einer Bastion bibliophiler Mithörer zu sitzen, wurde jäh zerstört, als das Autoren-Duo seine Ausführungen plötzlich beendete und die Anwesenden unterwürfig aufforderte, Fragen zu stellen, ja – mit ihnen zu diskutieren. Wozu oder worüber, das wusste man weder diesseits noch jenseits des Pultes so genau.

    Nur zögerlich verderben erste Anwesende durch Wortbeiträge den guten Eindruck, den sie bisher als schweigendes Glied des Auditoriums erwecken konnten, doch nach und nach bricht es aus ihnen heraus. Mit jeder Wortmeldung scheint eine Woge aus Selbstbeweihräucherung, Weinerlichkeit und mentaler Dumpfheit über der Buchhandlung zusammenzubrechen, als hätte sich an diesem Abend die Gesamt-Zuschauerschaft des ZDF-Fernsehgartens zwischen den Regalen versammelt.

    Mit „Ich habe selten so gelacht“ und „Man müsste es denen mal unter die Nase halten“ meldet sich eine sofort als Lehrerin zu identifizierende Frau zu Wort, zu wildpflaumen ist ihr Haar, zu groß die Brosche, die sie überm Herzen trägt.

    Leipziger Buchmesse 2015: Wer für seine Bücher keinen Platz mehr im Regal findet, kann es ja mal so versuchen. Foto: Patrick Kulow
    Foto: Patrick Kulow

    Wer genau mit denen gemeint ist, bleibt unklar.

    Hier sind sie jedenfalls nicht, denn hier sind ja wir, eine verschworene Märtyrerschar, die den Stein der Weisen in ihrem Gallengang gefunden hat. Auch hier wird deutlich: Gemeinsam kotzt es sich eben leichter ab, ein erneuter Beweis dafür, dass zusammenbrechen und zusammen brechen nicht dasselbe bedeuten.

    Ich erinnere mich: Faszination und Entsetzen erfüllten mich an jenem Punkte gleichermaßen, auch wenn ich mittlerweile nicht mehr wagte, meinen Blick nach unten, auf den Teppich rechts neben meinem Platz zu richten. Genau dort hingen nämlich die Mundwinkel meines Begleiters, die gerade zum wiederholten Male zu mir herüberzischelten: „Lass uns hier verschwinden. Ich halt das nicht mehr aus.“

    Draußen schlug es vom Mehring-Haus bereits zehn Mal, in zwei Stunden würde schon Montag sein und der Zwang zum Wochenend-Aktionismus beendet. Aber waren wir nicht selbst Teil des Bösen, waren wir nicht selber schuld?

    Dass unser Planet dem Untergang geweiht ist, das weiß man doch nicht erst seit dem gleichnamigen Film. Dennoch wirkt der Hang des modernen Mitmenschen, zu jeglicher sich bietender Feiergelegenheit in (Patchwork-)Familie oder in Junggesellen-Abschied-Trauben zum Wochenausklang durch die europaweit gleichgeschalteten Fußgängerzonen zu mäandern, genauso rätselhaft wie die letzte kleine Eiszeit im 19. Jahrhundert. „Feiern bis der Arzt kommt“, mochte früher mal für Leute gegolten haben, die mit einem verheiratet waren, heute wird lieber gleich bis in die Notaufnahme hineingesoffen. Dekadent sei das, wird da schnell geurteilt. Wenn dies nur zuträfe!

    Assoziierte man früher nämlich mit dem Terminus DEKADENZ noch irgendetwas Restcharmantes mit Patina in Form eines im Kaschmirsakko gewandeten, eine Schildkröte an der Leine spazieren führenden Dandys, der seinen Schampus aus einer mundgeblasenen Untertasse aus Meißner Porzellan schlürft, so zeigt sich die moderne Dekadenz mit weit profanerer Fratze:

    Kommt die Buchmesse vielleicht noch unter dem Deckmantel der Druckerschwärze daher, walzen sich alljährlich im Juni Abertausende von Flachbildschirm-Inhabern zum völlig sinnbefreiten Stadtfest, um bei „Sie-hört-Musik-nur-wenn-sie-laut-ist“-Ufta-Ufta-Bässen aus polyphemgroßen Boxen und sengender Sonne Glutamatöses aus Styroporboxen in sich hineinzuleiten, während Familienangehörige in mobilen Swimmingpools nach einem zu gewinnenden Smartphone tauchen.

    Warum und was man da feiert, erschließt sich längst niemandem mehr, es ist auch unerheblich.

    Wichtig ist zu wissen, dass die Woche vorüber ist und aufzupassen, ob vielleicht jemand flaggt. Eigentlich aber ist es vollkommen wurscht, ob bei der Buchmesse Rekorde gebrochen, Johann Sebastian Bach ein Partyhut aufgesetzt, der Weihnachtsmarkt zum Cup-Putsch hochdestilliert oder beim Mittelaltermarkt die Zimbel gequält wird.

    So lange, hey, geklärt ist, was abgeht, feiern wir! Bis das Licht ausgeht.

    Nachtrag vom 23. März 2015

    Satirische Texte, zumal Kolumnen oder Kommentare zu erklären, ist sonst nicht gewöhnlich. Seit dem Erscheinen dieses Textes jedoch gab es einige Einwände gegen diesen im Gesamtkontext der Buchmesse erschienen Satz „Außerdem will die Pädophilenmesse unter dem Decknamen “Manga-Comic-Convention” beguckt sein.“

    Dazu erklärt die Autorin: Auch wenn man Texte im Grunde nicht erklären sollte, ich tue es hiermit gerne noch einmal ausdrücklich und mit außerordentlicher Sympathie für die Manga-Szene (die überdies einen überraschend großen Anteil der Leserschaft der L-iz auszumachen scheint ;-)):

    1. Vielleicht das Wichtigste: Nicht die phantasievoll behosten (oder eben nicht behosten) Teilnehmer der Manga-Convention bezichtigte ich der Pädophilie, sondern befürchtete eher eine geheime und beachtliche Anzahl X spechtender Gäste, die sich möglicherweise weniger für Games interessieren als für deren teils sehr junge Anhänger und vor allem Anhängerinnen. Ganz auszuschließen ist dies nicht, oder?

    2. Der Text ist eine Kolumne. Ein Text also, in dem man sich mit subjektiver Beobachtung ruhig ein wenig aus dem Fenster lehnen darf, soll und kann.

    3. Ich bin immer froh, dass ihr, die Mangafreunde, da seid auf der Messe. Schon die Straßenbahnfahrten mit der 16 wären sonst doppelt so langweilig. In diesem Sinne: Bis nächstes Jahr!

    Ulrike Gastmann

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