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Gastmanns Kolumne: Wer möchte nicht im Leben bleiben?

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    Wer in der vergangenen Woche aus beruflichen oder Alltagsgründen nicht ganztägig Augen und Ohren verschlossen halten konnte, kam nicht umhin: Der musste zur Kenntnis nehmen, dass ein Flugzeug abgestürzt ist. So weit, so furchtbar für die Betroffenen, möchte man meinen. Aber so leicht ließ man uns diesmal nicht davonkommen.

    Spätestens seit Bekanntwerden der unheilvollen Umstände des Absturzes bewegen sich Politiker, Presse und Leserschaft in einem unheilvollen Strudel aus Betroffenheitsbekundungen, Investigation, Mitteilungsbedürfnis und Verarbeitungswillen. Zum Teil heillos überworfen, arbeitet man sich sowohl am eigenen Verständnis von Rechten und Pflichten der Medien als auch aneinander ab.

    „Wer den Namen Andreas Lubitz nicht nennen will, sollte überlegen, seinen Presseausweis zurückzugeben“, forderte da zum Beispiel der Journalist Stefan Winterbauer vom Branchendienst Meedia vor zwei Tagen rigoros in seinem Wochenrückblick, Unverständnis über die zögerliche Verhaltensweise einiger Medien bei der Offenlegung der Daten des Co-Piloten äußernd. Natürlich wolle die Öffentlichkeit wissen, „wer das ist, was er vorher getan hat, welche Krankheiten er womöglich hatte. Alles, was vielleicht nur ein kleines bisschen zum Verständnis oder zur Verarbeitung dieser fürchterlichen Sache beitragen kann.“

    Ich schätze Stefan Winterbauer im Grunde als selbstbewussten Akteur in der Aufnahme kontroverser Gesellschaftsthemen, er wirkt oft ein wenig rigoroser als das Gros der Zunft, im besten Sinne meinungsforscher. In diesem Falle aber wünschte man, hier wären die Gedanken dann doch noch ein bisschen an die längere Leine genommen worden.

    „Wer ein Flugzeug mit 150 Leuten in voller Absicht an einem Berg zerschellen lässt, der qualifiziert sich automatisch zur Person der Zeitgeschichte,“ beschließt er seinen Beitrag da in einem erstaunlich manifestierten Indikativ, der den Leser in dieser Angelegenheit mit einer solchen Vielzahl noch ungeklärter Fragen verwundert zurücklassen muss.

    Wie kann man aber von einem toten Täter wie von einem abgeschlossenen Gefäß sprechen?

    Eingedenk der Tatsache, dass diese „Person der Zeitgeschichte“ mit Quali auch Hinterbliebene zurückgelassen hat?

    „Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr – und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur; doch mit dem Tod der anderen muss man leben“,

    hat es die Dichterin Mascha Kaléko anrührend in ihrem Gedicht „;Memento“ beschrieben und damit einer der größten Verletzlichkeiten unseres Menschseins einen zarten Hort aus Worten gegeben. Haben wir aber wirklich im Umgang mit den Zurückgelassenen jemals irgendeine Deutungshoheit zu beanspruchen?

    Ich zweifle.

    Natürlich interessiert sich der Mensch für den Mitmenschen. Natürlich soll Journalismus Brücken schlagen zwischen Menschenleben unterschiedlichster Art, Brücken des Verstehens bestenfalls. Dazu kann auch unter Umständen gehören, das Gespräch mit den Eltern und anderen Nahestehenden der Insassen des so zahlreich abgebildeten zerborstenen Fliegers zu suchen.

    Aber dass sich einzelne Pressevertreter nun eigenmächtig auf die Fahnen schreiben, zur Verarbeitung des Schrecklichen beitragen zu wollen, erscheint merkwürdig.

    Vor allem wenn man einzelne Vorgehensweisen betrachtet, die dafür genutzt werden. Schreiber, die nach Hausdurchsuchungen verschwurbelt von wahrscheinlichen Depressionen des Piloten berichten, über zerrissene Krankschreibungen spekulieren und aus dem Kontext gerissene Zitate von Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des jungen Mannes ans Licht zerren, tragen nicht nur wenig zur Verarbeitung des Unglücks bei, sondern laufen überdies sogar Gefahr, einer ganzen Bevölkerungsgruppe erneut und mit aller Wucht den gerade sacht verblassenden Stigma-Stempel aufzudrücken: allen jenen nämlich, die an Depressionen erkrankt sind.

    „Ach so, L. war Psycho, ein Depri, dann ist ja klar, dass der zwangsläufig Amok laufen muss“, heißt es dann vielleicht doch wieder öfter zwischen Westerwald und Osterburg.

    Schade.

    Fest steht: Wer jemals über längere Zeit mit depressiven Patienten zu tun gehabt hat, der weiß, dass es sich in den allermeisten Fällen um außerordentlich feinfühlige, häufig sehr kunstsinnige und Verantwortung sehr ernst nehmende Menschen handelt. Menschen, die sich nicht selten aufopfern für Familienmitglieder oder andere Hilfsbedürftige. Menschen, denen vielleicht schlichtweg der tröstlich-lindernde Schleier der Selbsttäuschung, des sich Selbstüberschätzens fehlt. Vergleicht man diese Eigenschaften mit dem, was über Andreas L. bekannt geworden ist, macht sich rasch eine gewisse Diskrepanz bemerkbar.

    Am bittersten lächeln aber muss man über die Rufe nach noch mehr Sicherheit in unserem Leben.

    Nach noch mehr psychologischen Gesundheits-Kontrollen für Piloten zum Beispiel. Alle Wetter, wir sind eine risiko-aversive Truppe geworden, wir Bewohner dieses Jahrhunderts. Wir fahren behelmt mit dem Fahrrad zum Konsum um die Ecke, wir entfernen präventiv unseren Ehepartner, aus Angst vorm Verlassenwerden, Frauen lassen sich zuhauf Permanent-Airbags gegen die Stöße des rauen Alltags implantieren. Wir wollen eine Welt mit Kindersicherung. Verständlich ist das allemal. „Wer möchte nicht im Leben bleiben?“ heißt es in einem wunderschönen Volkslied nicht zu Unrecht.

    Ich möchte auch. Kein Zweifel. Die Passagiere des Airbusses wollten auch. Egal, ob sie aus Deutschland, Spanien oder sonst woher kamen. Und die 18.000 Kinder, die täglich auf der Welt verhungern, sicherlich ebenso.

    Kindersicherung scheint also ein Begriff zu sein, über den sich noch einmal nachzudenken lohnt. Aber auch das muss man alles erst einmal verarbeiten.

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