Falls es im Ausnahmezustand eine Normalität geben kann, dann scheint diese in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete in der Ernst-Grube-Halle (EGH) langsam einzukehren. Eine Woche ist mittlerweile vergangen, seit die ersten Menschen hier ihr vorübergehendes Quartier bezogen haben. Die Emotionen der ersten Tage haben sich gelegt - an vielen Fronten wird nun konstruktiv gearbeitet. Gleichwohl immer noch im Ehrenamt, denn die Landesdirektion Sachsen schafft es weiterhin nicht, einen regulären, hauptberuflich tätigen Betreiber für die Unterkunft zu finden.

Nachdem sich bereits mehrere Ministerinnen des Freistaates sowie Landes- und Kommunalpolitiker vor Ort einen Eindruck von den Bedingungen verschafft hatten, stattete am Donnerstag auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) der Ernst-Grube-Halle einen Besuch ab und bekräftigte dort seine zuvor bereits auf Facebook geäußerte Kritik. Das ehemalige Kinderkrankenhaus in der Oststraße hätte für die Aufnahme von Geflüchteten ertüchtigt werden können, allerdings müssten solche Maßnahmen frühzeitig umgesetzt werden. “Wir haben es derzeit mit der größten Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg zu tun und wissen seit Monaten von den Flüchtlingszahlen. Es muss in den Köpfen ankommen, dass wir in den nächsten Jahren Millionen Menschen aufnehmen werden.”

Bereits am Dienstag hatte eine StuRa-Infoveranstaltung große Resonanz erzeugt. Etwa 500 Zuhörer folgten den Ausführungen von Vertretern von Johannitern, Flüchtlingsrat, Universität und Studierendenschaft. Einer der an diesem Abend gegründeten Arbeitskreise präsentierte bereits am folgenden Tag ein erstes Ergebnis: In einem Positionspapier richtete der AK Politik und Rassismus deutliche Worte in Richtung Landesregierung. Darin heißt es: “Es gibt keinen Asylnotstand, außer denjenigen, den das verantwortliche Innenministerium selbst schafft. Wir wollen nicht, dass Notunterkünfte wie die in der Ernst-Grube-Halle oder Zeltstädte in Dresden und Chemnitz zum Alltag werden.”

Der Freistaat sei in der Lage, allen Geflüchteten würdige Lebensbedingungen und humanitäre Mindeststandards zu garantieren. “Das Leben auf engstem Raum, ohne ausreichend sanitäre Anlagen und Privatsphäre, wie in der EGH, ist nicht hinnehmbar.” In diesem Zusammenhang nehmen die Verfasser auch die Universität in die Pflicht. So sei es problematisch, dass die Geflüchteten das vom Studentenwerk bereitgestellte Essen auf den Fluren zu sich nehmen müssten. “Angesichts der während der vorlesungsfreien Zeit kaum genutzten Mensa am Sportcampus ist dies ein skandalöser Zustand.”

Jene Mensa ist auf 1.200 Mahlzeiten pro Tag konzipiert. In der vorlesungsfreien Zeit werden laut Studentenwerk durchschnittlich etwa 400 Portionen ausgegeben. Selbst in der Vorlesungszeit ist die Mensa mit 700 Mahlzeiten pro Tag nicht annähernd ausgelastet. Die Mitarbeiter der Einrichtung dürfen sich zu der Situation nicht äußern und die Pressestelle des Studentenwerkes verweist auf die Landesdirektion. “Dass das Essen vom Studentenwerk in Speisebehältern zur Abholung durch den Betreiber der Erstaufnahmeeinrichtung bereitgestellt wird, um im Vorraum der Halle ausgegeben zu werden, entspricht der Bitte der Landesdirektion und den Empfehlungen der Berater des DRK”, erklärt Jana Klein, stellvertretende Pressesprecherin. Im Vorraum der Halle seien Tische und Bänke aufgestellt worden.

Seit mehr als einer Woche leben Geflüchtete in der Ernst-Grube-Halle. Foto: René Loch
Seit mehr als einer Woche leben Geflüchtete in der Ernst-Grube-Halle. Foto: René Loch

Auch dass viele Geflüchtete vor ihrer Ankunft in Leipzig noch nicht von Ärzten untersucht worden sind, dürfte bei dieser Entscheidung eine Rolle spielen. Unter der Woche waren die Johanniter beim Betreten der Halle noch immer mit Mundschutz zu sehen. Sollten sich die Asylbewerber dennoch Richtung Mensa oder in die anderen Gebäude “verirren”, würden sie wohl Bekanntschaft mit den Securityangestellten machen. Diese laufen auf dem Sportcampus ihre Runden und sollen dort nach eigenen Angaben Geflüchtete sowie Studenten, Hochschulmitarbeiter und Neugierige voneinander getrennt halten.

Unterdessen bemühen sich viele Menschen darum, es den Bewohnern der Sporthalle trotz der widrigen Umstände so angenehm wie möglich zu machen. Die Sportmanagementstudentin Olivia Krusche sammelt beispielsweise Anfragen zu möglichen Aktivitäten für die Geflüchteten, die über Universität und StuRa hereinkommen, und leitet diese an den Flüchtlingsrat weiter. Für diesen ist sie auch im Rahmen des Patenschaftsprogrammes tätig. Im Sommer hat sie sich zudem an der Organisation eines Basketballcamps für Flüchtlingskinder aus verschiedenen Leipziger Unterkünften beteiligt. Nun übernimmt sie eine Art Koordinierungsfunktion.

“Es gab bereits konkrete Hilfsangebote”, erzählt Olivia. Beispielsweise wollten Unterstützter gemeinsam mit den Geflüchteten malen und basteln. “Die Sportwissenschaftliche Fakultät würde uns dafür Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Da die Flüchtlinge jedoch derzeit noch mit dem physischen und psychischen Ankommen beschäftigt sind, bittet der Flüchtlingsrat erst einmal um Geduld.” Eine andere Form der Unterstützung hat bereits ganz konkrete Ergebnisse geliefert: Die Leipziger Stundenläufe wurden kurzfristig zu einer Spendenveranstaltung umgewidmet, deren Teilnahmegebühren in die Flüchtlingshilfe fließen sollen. Am Donnerstag kamen auch dank der finanziellen Zuwendungen zweier langjähriger Partner insgesamt 1.500 Euro zusammen.

Dass nicht immer sofort geholfen werden kann, musste auch Martin Busse, Dekan der Sportwissenschaftlichen Fakultät, erfahren. “Die Vorstellung, man könne mit den Geflüchteten einfach mit Hilfe eines Dolmetschers in Kontakt treten, war zu naiv.” Sie beispielsweise spontan zu sportlichen Aktivitäten einzuladen, sei deshalb schwierig. Hinzu kommen andere Unsicherheiten: “Es gibt viele rechtliche Dinge zu beachten. Ob eine Person außerhalb der Grube-Halle einfach ein bisschen Fußball spielt oder an einem organisierten Sportkurs teilnimmt, macht hinsichtlich des Versicherungsschutzes einen Unterschied.”

Oberbürgermeister Burkhard Jung vor der Ernst-Grube-Halle. Foto: Alexander Böhm
Oberbürgermeister Burkhard Jung vor der Ernst-Grube-Halle. Foto: Alexander Böhm

Neben der akuten Hilfe stehen derzeit auch längerfristige Überlegungen auf dem Programm. “Es ist geplant, die Flüchtlinge ab Oktober, wenn die Lehre wieder beginnt, in Sportkurse zu integrieren”, berichtet Olivia. Busse ergänzt: “Aus den Bereichen Turnen und Sportmanagement gibt es bereits Angebote für ein langfristiges Engagement.” Diese sollen sich allerdings nicht nur an die Bewohner der Grube-Halle richten, sondern an alle Geflüchteten in der Stadt.

Derweil muss auch noch eine Lösung für die Sportvereine gefunden werden, die normalerweise die Grube-Halle nutzen würden. “Diese sind nicht einfach nur Untermieter, sondern eine wichtige Grundlage für die Ausbildung unserer Studierenden”, erklärt Busse. Mit Bundeswehr und Polizei würden sich bereits Gespräche bezüglich möglicher Ausweichstätten anbahnen.

Ob die Grube-Halle ab Oktober wieder für den Lehrbetrieb zur Verfügung stehen wird, beschäftigt natürlich viele Personen auf dem Campus. Aber: “Darauf haben wir eh keinen Einfluss”, sagt Olivia. Genau wie die Studentin betont auch Dekan Busse immer wieder, dass es dabei nicht um die Frage gehe, wessen Belange wichtiger seien. “Es gibt einerseits ein Recht auf Asyl und angemessene Unterbringung und andererseits ein Recht auf Bildung und die Durchführung des Lehrbetriebes”, erklärt der Sportmediziner. “Das Land hat die grundsätzliche ethische und soziale Verpflichtung, beides sicherzustellen.”

Dass die Prodekanin der Fakultät die Unterbringung der Geflüchteten weniger entspannt aufgenommen und gegenüber der Presse mit rassistischen Stereotypen hantiert hatte, wurde vom Fachschaftsrat umgehend mit einer öffentlichen Stellungnahme und Distanzierung quittiert: “Die Sportwissenschaftliche Fakultät und ihre Studierenden stehen für Internationalität, Offenheit und Toleranz. Dort ist kein Platz für Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Wir setzen uns deshalb für die Etablierung einer Willkommenskultur ein und möchten für eine bestmögliche Unterbringung der hilfesuchenden Menschen an unserer Fakultät sorgen.”

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Es gibt 8 Kommentare

Klasse dass sich der Gutachterausschuß aus so vielen Gutachtern und Immobilensachverständigen zusammensetzt.

Ich habe aber den Grundstücksverkehrsausschuss genannt. Was Sie meinen ist schon wieder eine andere Thematik.

Jedes gutachten hat einer Überprüfung stand zu halten. Gehen Sie bitte davon aus, 10 Gutachten = 10 verschiedene Verkehrswerte.

Das weiß ich, mein lieber Klaus. Ich habe mir die Zusammensetzung mal angeschaut. Klasse dass sich der Gutachterausschuß aus sovielen Gutachtern und Immobilensachverständigen zusammensetzt.
Aber ich möchte einmal die Gutachten für die Fredrikenstr. einsehen, ich glaube nicht dass dieses einer kritischen Überprüfung standhält.
Ungeachtet dessen ist es ein katastophales Versagen der Stadtführung und da ist nun mal der OBM der Chef, der seinen Kopf hinhalten muß, da über Herrn Albrecht schon alles gesagt ist, den Ausverkauf und die mehr als unzulängliche Zusammenarbeit der Dezernate so geduldet zu haben.

olala, ich bedanke mich, dass Sie meinen Kommentar vernünftig aufgefasst haben.

Schon durch mein Insiderwissen stehe ich mit einigen Verfahrensweisen in der Stadtverwaltung auf Kriegsfuß. Trotzdem mein Hinweis:

Bei der Veräußerung von Grundstücken ist auch der Grundstücksverkehrsausschuss mit einzubeziehen.

Gehen Sie davon aus, dass die Stadt Leipzig längst in erhebliche Schwierigkeiten gekommen ist, auch finanzielle. Vorwiegend durch diese Asylpolitik, wofür die Stadt Leipzig nichts kann. Ich habe Hinweise an die Stadtverwaltung gegeben, doch einmal den Bürgerinnen und Bürgern reinen Wein einzuschenken. Bisher hat sich nichts getan. Das gilt auch für die Leipziger “Monopolzeitung”, wo an obersten Stellen dieser Zeitung in Leipzig Kräfte walten, die diesbezüglich seriöse Berichterstattungen verhindern. Es sind wenige Leute, aber diese sitzen an den Schalthebeln!

Wer Banken retten kann, und wo die Politik so gestrickt ist, dass Reiche immer reicher werden, der hat auch genug Geld, um Flüchtlingen ein menschen-würdiges Unterkommen zu bieten.

Das ist ihr, aber nicht nur ihr, Denkfehler. Ein fataler Denkfehler, den man aber keinen Übel nehmen kann,
Ausführungen dazu sind hier nicht geeignet, weil viel zu umfangreich.

In der Zwischenzeit gibt es übrigens in Deutschland Kommunen, welche aufgrund ihrer hohen Verschuldung die weitere Aufnahme von Asylbewerbern ablehnen. In den Medien findet das jedoch keinen Niederschlag.

OK, ich gebe zu dass ich diesen Kommentar mit großer Wut im Herzen geschrieben habe und ganz bewußt deutlich überspitzt formuliert habe. Wo sind zum Beispiel die von ihm so publikumswirksam verlautbarten Hilfen zur Erstunterbringung? Hat er z. B. die Agra-Hallen angeboten und welche ominösen andere Möglichkeiten hat er denn noch?
Jedoch ist eines gewiss, der OBM sollte sich wirklich jetzt um seine Hausaufgben kümmern. Er kann sich ja genau ausrechnen wie hoch der Anteil an zu unterbringenden Flüchtlingen in Leipzig sein wird. Wir werden es erleben, dass die Stadt in große Schwierigkeiten kommen wird. Welche stadteigenen Gebäude sind vorhanden, wo werden jetzt bereits Baumaßnahmen durchgeführt? In wenigen Wochen werden die Flüchtlinge in der städtischen Verantwortung überführt. Und was dann?
Im übrigen hat er durch die Verschleuderung von stadteigenen Gebäuden den Bürgern dieser Stadt genug Schaden zugeführt. Wir werden den Preis für seine Unfähigkeit, selbst diese internationale Katastrophe richtig zu erkennen, mit Millionen die nun anderer Stelle fehlen bezahlen.

o

Wo ist eigentlich “die Spitze der Fahnenstange” in den Ländern, die Millionen von Flüchtlingen aufnehmen? Da sind unsere paar Hunderttausend doch wohl Peanuts, oder?

Wer Banken retten kann, und wo die Politik so gestrickt ist, dass Reiche immer reicher werden, der hat auch genug Geld, um Flüchtlingen ein menschen-würdiges Unterkommen zu bieten.

Aber viele Deutsche, die hier schon immer gelebt haben und nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlinge aufnehmen mussten, haben das auch nicht so gern getan. Ich weiß das von meinen Eltern, die mussten ihre Heimat verlassen, weil sie von den Tschechen rausgeschmissen wurden, wie auch viele Millionen andere aus den “deutschen Ostgebieten” und die wurden nicht gerade freundlich empfangen, obwohl sie genau so Deutsche waren wie die anderen. Und jetzt kommen “Fremde” und viele haben Angst, dass ihnen was weggenommen wird.

Der Freistaat sei in der Lage, allen Geflüchteten würdige Lebensbedingungen und humanitäre Mindeststandards zu garantieren.

Wenn da nicht das liebe Geld sowie die materiellen und personellen Voraussetzungen wären. Das diesbezüglich die Spitze der Fahnenstange längst in einem der reichsten Länder der Welt erreicht ist, wollen aber vorwiegend die Parteien/Politiker und Medien in Sachsen immer noch nicht wahr haben, was durch den “Druck von außen” in Kürze passieren wird. Gnadenlos.

Das hat u.a. zur Folge, dass die Aufnahmewilligkeit der Bevölkerung immer mehr abnimmt bzw. längst abgenommen hat. Auch der Spielraum für unsachliche Diskussionen ist immer größer geworden,

Mit liegt es fern olala zu kritisieren, aber ich sehe deren/dessen Kommentar schon ziemlich an der Grenze zur Unsachlichkeit. Damit nehme ich das skandalöse Versagen – hier der sächsischen Politik – nicht in Schutz.

Noch ein Wort zur Bibel. Aus der Bibel ist meines Wissens nicht ableitbar, dass in Deutschland das Geld auf der Straße liegt – in Leipzig schon gar nicht.

Ich finde das Verhalten des OBM nicht nur befremdlich, sondern als ausgesprochen unflätig. Er hat geignete Objekte z.B. Frederikenstr. und noch vor ein paar Wochen Mehrfamilienhäuser die wesentlich besser geignet sind als Containerbauten, die er jetzt für Millionen neu erstellen muß, billigst verhökert!
Wo ist seine prophetische Gabe für seinen Aufgabenbereich gewesen.
Primitiver und heuchlerischer kann man eine politische Diskussion nicht mehr führen!
Wenn er ein wahrer Christ wäre und nicht nur ein frömmelnder Sonntagskirchgänger würde er sich in seinem Handeln und Aussagen an der Bibel orientieren.
Aber der christliche Schein ist so wie es bei mir ankommt, nur wahltaktischen Zwängen geschuldet

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