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Das Leipziger Lichtfest 2015 gehörte den Flüchtlingen und der alten Idee von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

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    Am Freitag, 9. Oktober, war Leipzig mal wieder im Feiertagsmodus. Der Tag ist tatsächlich offizieller Feiertag in Leipzig, auch wenn das nicht heißt, dass nicht gearbeitet wird. Aber gefeiert, mit Lichtfest auf dem Augustusplatz. Doch was feiert man in so einem Jahr 26 nach der Friedlichen Revolution? Revolution natürlich, fand Jürgen Meier, der beim Lichtfest die künstlerische Leitung inne hat.


    Er baut jedes Mal das entsprechende Programm, das die Schaulustigen auf dem Augustusplatz zu sehen bekommen. Stets mit Künstlern möglichst aus Leipzig oder – wie in den vergangenen Jahren – aus den eingeladenen Ländern. Diesmal war es der Chor der Oper Leipzig, der im Mittelpunkt und auf der Bühne stand. Über ihm eine große Bildwand, auf der immer wieder die TV-Journalistin Pinar Atalay eingeblendet wurde, die auf einer Nebenbühne ihr eigenes kleines Nachrichtenstudio hatte. Sie steht für all jene jungen Deutschen mit Migrationshintergrund, die längst zum offiziellen Bild der Republik gehören. Seit sie in der ARD die „tagesthemen“ moderiert, ist sie deutschlandweit bekannt.

    „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und Flucht

    Logisch, dass sich Jürgen Meiers Versuch, die französische Revolution und ihren Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu zitieren, in diesem Jahr vermengen würde mit dem großen Mega-Thema der Zeit: der Flüchtlingskrise, die nicht nur die Bundesrepublik in Debatten stürzt, sondern auch die anderen Länder der EU beschäftigt. Mal mehr, mal weniger, muss man sagen. Denn selten standen die alten Werte der Demokratie so auf dem Prüfstand, mussten nicht nur Bevölkerungen, sondern Landesregierungen beweisen, ob sie nun wirklich hinter der europäischen Idee stehen oder nur die große Klappe haben.

    Und gerade im Umgang mit den Flüchtlingen hat sich ja leider sehr deutlich gezeigt, dass die europäische Gemeinschaft keine Gemeinschaft ist, sondern nach wie vor die nationalen Eigeninteressen dominieren. Das ist nicht erst seit 2015 so. Das beschäftigt den Kontinent schon seit 2011, seit der Arabische Frühling in vielen Ländern regelrecht scheiterte, dafür Bürgerkriege und Regimes zur Folge hatte. Und auch wenn Pinar Atalay vor allem Nachrichten aus den letzten Tagen zitierte, begleitet diese Art Nachrichten auch den deutschen Fernsehzuschauer seit Jahren. Nur dass selten deutlich dazu erklärt wurde, dass die ganze Tragödie mit der Abschottung Europas zuerst in Spanien und am Atlantik begann und sich in den vergangenen vier Jahren immer weiter nach Osten verschob – über die italienische Küste zur griechischen und zur türkischen.

    Jedes Mal hieß die Faustformel „Abschottung“, zeitweilig auch Frontex.

    Und gelernt haben weder die Nationalregierungen noch die Entsandten in der Europäischen Kommission, wo man durchaus bereit ist, Milliarden Euro in den Ausbau eines „operationellen Grenz- und Küstenwachsystem“ zu investieren, wie es Jean-Claude Juncker bezeichnete. Erst 2014 hat das Europa-Parlament den Frontex-Auftrag entschärft und die eingesetzten Besatzungen verpflichtet, den in Seenot befindlichen Flüchtlingen Hilfe zu leisten.

    Allein die Nachrichten von immer neuen Vorfällen in Ungarn, am Euro-Tunnel, in Bayern veränderten die Botschaft des Abends. Der Chor sang tapfer – und richtig schön – lauter Lieder, die das große Label „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bedienen – von „Die Gedanken sind frei“ (in der Textfassung von Hoffmann von Fallersleben und der sehr lebendigen Vertonung von Ernst Richter) über Holly Nears „I ain‘t afraid“ bis hin zu Arvo Pärts „Da pacem Domine“. Dass sich die moderne Demokratie daran messen lassen muss, wie sie mit Flüchtlingen umgeht, das stand als unübersehbare Botschaft über dem ganzen Programm.

    Oder Jürgen Meier selbst zitiert: „Das Ideal des freien, selbstbestimmten Bürgers erlebte Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich eine Renaissance. In der Tradition dieser europäischen Freiheitsbewegung steht auch die Friedliche Revolution, daher der sprachliche Anklang. Bei der Wahl unseres Mottos haben wir aber ganz bewusst ein Fragezeichen ans Ende gesetzt. Wir wollen kritisch beleuchten, inwieweit sich diese Ideale realisiert haben. Gerade vor dem Hintergrund der Europäischen Union, die sich in erster Linie als Wirtschaftsraum versteht, ist diese Frage aktueller denn je.“

    Ein zerlesenes Buch von 89

    Der Schauspieler Florian Lukas, dem die Zwischenparts gehörten, spielte dabei so etwas wie den Hamlet der Geschichte, ausgestattet mit Zitaten aus Ernst Blochs Buch „Das Prinzip Hoffnung“, geschrieben  zwischen 1938 und 1947 im amerikanischen Exil, also in einer Situation, in der Bloch selbst Flüchtling war, die Gastfreundschaft eines Aufnahmelandes erlebte und sich intensiv Gedanken machte darüber, wie denn überhaupt noch eine menschenwürdige Gesellschaft zu erreichen wäre. Das große Ideal: das „Reich der Freiheit“ als Möglichkeit, das die Menschheit aus sich heraus schaffen muss.

    Ein Buch, das 1989 als zerlesenes Suhrkamp-Taschenbuch von Hand zu Hand ging und aus dem in mancher Diskussion zitiert wurde. Die Sätze wirken auch heute noch utopisch. Denn immer muss sich das „Reich der Freiheit“ an den Notwendigkeiten des Tages messen. Oder an dem, was Zeitgenossen dafür halten, die lieber im „Reich der Notwendigkeit“ zu Hause sind und Alternativen lieber mit einem „Basta!“ abschneiden. Oder eben Zäune bauen oder nach neuen Grenzregimen rufen.

    Viele Familien, junge Menschen und die Frage: Wurde alles verstanden, as da von der Bühne kam? Foto: L-IZ.de
    Viele Familien, junge Menschen und die Frage: Wurde alles verstanden, was da von der Bühne kam? Foto: L-IZ.de

    Ging das zusammen, kann man fragen, oder hat Jürgen Meier das Publikum wieder überfordert?

    Auffällig wurde am Freitagabend, dass Nachrichten und Blochsche Sätze der Utopie Sprachen aus völlig unterschiedlichen Universen sind. Sie prallten nicht einmal aufeinander, sie berührten sich nicht einmal, auch wenn der Gestus der ausgewählten Nachrichten natürlich den Blochschen Utopie-Anspruch anvisierte. Jürgen Meier liebt diese Hamletschen Gegenredner in seinen Inszenierungen. Doch sie wirken – was sie nicht verdient haben – einsam auf der Bühne, werden nicht Teil des Dialogs, der schlicht von den mächtigeren Bildern dominiert wurde – in diesem Fall vom Chor, der auch einmal zeigen konnte, was er jenseits des üblichen Opernrepertoires drauf hat. Und eigentlich hätte man sich das „I ain‘t afraid“ als Abschluss denken können, als Mutmacher für alle, die jetzt überall helfen wo sie können und von bräsigen Politikern dafür auch noch lächerlich gemacht werden.

    Es sind tatsächlich nicht die Hamlets, die die Welt verändern. Aber sie denken wenigstens drüber nach und geben den inhaltlichen Zündstoff her für die Veränderungen, die so notwendig sind. Immer noch. Auch im schönen Leipzig, das zu Beginn der kleinen Show von OBM Burkhard Jung, Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Oliver Bierhoff, Manager der DFB-Nationalelf, so schön gelobt wurde für den Mut von 1989 und die erstaunliche Verwandlung der Stadt vom grauen Entlein zur modernen Großstadt.

    Der Chor des Gewandhauses im Mittelpunkt des Geschehens. Foto: L-IZ.de
    Der Chor des Gewandhauses im Mittelpunkt des Geschehens. Foto: L-IZ.de

    Freiheit und Gleichheit in Zeiten der Hardliner

    Aber bei allem Selbstlob geht oft die Reflexion verloren über Dinge wie Freiheit, Gleichheit oder – so Burkhard Jung – die notwendige Geschwisterlichkeit. Zu viel Raum haben in der letzten Zeit die Hardliner bekommen, die hinter der Angst vor den Veränderungen vor allem verstecken, dass sie keine Vision haben, keine Idee für ein wirklich modernes und attraktives Europa. Reine Sachstandsbewahrer, die längst genauso vergrämt klingen wie einst die ostdeutschen Bürokaten. Mauern und Zäune als Lösung?

    Das ist einfach nur noch lächerlich.

    25.000 Zuschauer haben sich – so schätzen die Organisatoren ein – am Freitagabend auf dem Augustusplatz eingefunden, um die stellenweise durchaus anrührende Schau zu sehen, Lichter anzuzünden und die berühmte ’89 zu füllen. Sie haben auf der Bildwand auch etliche Bilder gesehen, die den Herbst ’89 mit der Gegenwart verknüpften. Pegida und Legida waren auch mal kurz Thema, diese Klone einer einst mal großen Idee, die in ihrer kleinen Nische glauben, sie seien das Volk.

    Zumindest eins hat Meiers Inszenierung im Verbund mit den Nachrichten aus Pinar Atalays kleinem Studio deutlich gemacht: Ein ganzer Kontinent steht heute vor der Aufgabe, die alten Ideale der französischen Revolution mit Leben und Inhalt zu füllen. Hier geht’s – wie bei Bloch – ins „utopische Feld“. Und es gilt wieder: die Furcht zu überwinden. Bloch: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“

    Wer Mauern baut, glaubt nicht (mehr) ans Gelingen. Und so gilt: „I ain‘t afraid.“ Es gilt, sich nicht mehr zu fürchten.

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