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Kommentar: Erzbischof Heiner Koch berichtet der Synode in Rom über seine Erfahrungen in Sachsen

Von Ernst-Ulrich Kneitschel

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    Viele Leipziger existieren in der selbstverständlichen Überzeugung, dass die Welt auch völlig ohne großen Schöpfer existiert und funktioniert. Das ist für einen katholischen Theologen nicht beängstigend. Seine eigene Erfahrung ist einfach nur komplett anders. Gott hat nichts mit geheimnisvollen Kräften zu tun. Die Unauflöslichkeit der Ehe engt ihn nicht ein. In Rom tagen Vertreter einer Weltkirche. Erzbischof Heiner Koch berichtete dort von Sachsen.

    Synode bezeichnet eine Versammlung, die kirchliche Themen berät. Im Augenblick geht es um Familie. Papst Franziskus hat seine Kardinäle drei Wochen zum Zuhören verdonnert. In Kleingruppen treffen sich unterschiedliche theologische Denkschulen. Erzbischof Heiner Koch hat die Aufgabe, aus der deutschsprachigen Gruppe zu berichten. Er ist dafür der richtige Mann. Andere sind da deutlich impulsiver und kantiger. Trotzdem brachte er in seinem Bericht an die Kardinäle seinen eigenen Blick auf den Osten Deutschlands ein. Für viele Kardinäle ist unsere Region ein Kuriosum: „Im Osten Deutschlands sind über 80 Prozent der Menschen ungetauft und haben oft seit vielen Generationen keine Berührung mehr mit dem christlichen Glauben und der Kirche.“ Auch in anderen Teilen der Welt kennt die größte organisierte Religionsgemeinschaft der Welt die Situation, in der Minderheit zu sein. Doch da sind es andere Religionen, die dominieren. Der Osten Deutschlands dagegen „glaubt nix“, so die gängige katholische Lesart.

    Als katholischer Theologe aus Regensburg war dies 1992, als ich zum ersten Mal nach Leipzig kam, ungewohnt. Eine Glaubenskrise hat es aber nicht ausgelöst. Mein eigener Lebenssinn hängt nicht davon ab, ob er von anderen geteilt wird. Mein Blick auf die Welt beinhaltet allerdings auch nicht die Vermutung geheimnisvoller Kräfte. Derartige Fehldeutungen des christlichen Glaubens finden sich allerdings auch unter Christen. Sinn gibt es auch ohne die Vermutung der Existenz Gottes. Auch Überlegungen zur bürgerlichen Ehe und zur Philosophie der Liebe bedürfen keiner religiösen Begründung.

    Die Idee der christlichen Ehe dagegen lebt davon, dass Gott erfahren wurde. Nee, nicht ein komisches Gespenst, sondern das Bewusstsein, dass man sich einem anderen Menschen immer neu zuwendet, auch wenn der Alltag schwierig ist. Christliche Ehe ist sozusagen Hochleistungssport, der wenig mit der Romantik des einmaligen Eheversprechens zu tun hat. Das alte Gebot, den Nächsten zu lieben, ist ja durchaus schwer verdaulich. Das zeigt sich ja gerade in der Flüchtlingspolitik. Die Theorie der Ehe lautet: Ich sage immer neu Ja zu einem konkreten Menschen. Das ist nicht leicht, gerade wenn dann noch das eine Kind schreiend im Bad liegt und das andere gerade seinen Papa beschimpft, weil dieser will, dass die Hausaufgaben gemacht werden.

    Insofern sollte es am Eingang zur Kirche bei Trauungen ein großes Warnschild geben: „Achtung! Ihr zwei versprecht gerade, für den Rest eures Lebens das radikale Gebot der Liebe an einem konkreten Menschen umzusetzen.“ Insofern spricht vielleicht zunächst einmal Lebensklugheit aus der Erkenntnis, die der Erzbischof von Sachsens Paaren mitbringt: „Viele von ihnen wollen allerdings nicht heiraten und leben unverheiratet zusammen. Das hat bei vielen nichts mit Unverbindlichkeit oder fehlender Moral zu tun. Die Institution und die Tradition Ehe wird als nicht lebensnotwendig eingestuft.“ Nö, sie ist nicht lebensnotwendig, sie ist eher abenteuerlich und einer Gebirgswanderung im Hochgebirge vergleichbar. Da wäre wohl vor dem Gang zum Altar noch einmal das Kleingedruckte zu lesen. Es sieht so aus, als wäre die katholische Kirche langsam klug genug, vor der Ehe noch genauer zu erläutern, was die Liebenden da erwartet.

    Es hat sich aber inzwischen auch in der katholischen Kirche herumgesprochen, dass manche bei der Gebirgswanderung straucheln und abstürzen. Manche hätten da frühzeitig Unterstützung gebraucht anstelle moralischer Belehrungen. Was ist, wenn die Liebe erlischt und die Wanderer sich im Nebel verloren haben? Was ist, wenn sich ein neuer Begleiter gefunden hat? Auch davon berichtet der Erzbischof in der Außenperspektive: „Aber wenn wir in unserer Ehe scheitern und später eine neue Ehe eingehen, warum sind wir dann vom Tisch des Herrn ausgesperrt? Weist Gott die Menschen, die ein Scheitern erlebt haben, von sich?“

    Das kann jetzt der einzelne Theologe kurz beantworten und er tut es auch aus voller Überzeugung: Nein, Gott weist nicht ab, das tun die Vertreter der Institution! Aber so verlockend das ist: es macht Sinn, dass die Kirche gemeinsam darüber nachdenkt. Weil es für Kirche nicht darum geht, modern zu sein, sondern zu tun, was Jesus aufgetragen hat. Die Christen sind Zeugen einer uralten Botschaft. Allerdings einer Botschaft, die immer neu in der Gegenwart mit Leben erfüllt werden muss. Und manchmal dämmert es den Jüngern Jesu, dass sie über Jahrhunderte Unsinn geplappert haben. Die so entstandenen Knoten werden nun mühsam aufgeknotet: „Nicht wenige Betroffene ziehen sich bei uns aufgrund der von ihnen empfundenen Zurückweisung mit ihren Kindern von der Kirche zurück. Zuletzt und zutiefst aber geht es für viele um den christlichen Glauben und um Gott und seine Barmherzigkeit. Über die Frage der Zulassung zur Eucharistie wird für viele Gott fragwürdig.“

    Ich glaube, dass die katholische Weltkirche sehr viel von Leipzig lernen kann. Dazu braucht es Menschen, die ihr geduldig ihre Perspektive auf die Welt erklären.

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    1 KOMMENTAR

    1. >Nein, Gott weist nicht ab, das tun die Vertreter der Institution!

      Das ist im Falle der römisch-katholischen Kirche aber nicht so ausweichend, wie es hier den Anschein hat. Im römischen Verständnis ist „die Kirche“ als von Christus gestiftet und heilsbringend: „Ohne Kirche kein Heil“.

      Bei den Protestanten ist die Kirche nur eine menschliche Organisation von Gläubigen. Viel fehlt nicht, und die EKD könnte nur als eingetragener Verein fungieren. Bei der römischen Kirche völlig undenkbar, sie sieht sich selbst als göttlichen Ursprungs.

      Nach römisch-katholischen Recht legal wiederverheiraten geht nur, wenn die erste Ehe annulliert wird, weil z.B. eine bestimmte kirchenrechtliche Voraussetzung gefehlt hat.

      (Was vielleicht nicht ganz so bekannt ist: Zu einer gültig geschlossenen katholischen Ehe gehört auch der Vollzug dieser Ehe (sprich: Kopulation). Solange die Eheleute auch nach der Eheschließung keusch bleiben, ist die Ehe nicht vollständig geschlossen. Lesehinweis: „Josefsehe“ bei Wikipedia)

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