Autoren zur Leipziger Stadtgeschichte gewinnen gleich doppelt beim Ur-Krostitzer Jahresring 2015

Da haben wir fast schon eine Wette drauf abschließen wollen - haben es dann aber doch gelassen, auch wenn Michael Liebman mit seinem Buch "Connewitz – Vom Werden eines Leipziger Stadtteils“ natürlich alles vorlegte, was einen Sieg beim mitteldeutschen Historikerpreis „Ur-Krostitzer Jahresring“ ausmachen sollte. Und dann kam der 17. Dezember und bei Pro Leipzig, wo das Buch erschien, dürften die Korken geknallt haben.
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Denn der Verein, der sich ja seit 25 Jahren ganz explizit der Leipziger Stadt- und Ortsteilgeschichte widmet, hat nicht nur Liebmanns neues Buch herausgebracht, sondern auch noch die drei dicken Bände von Peter Schwarz. Der Markkleeberger hatte sich ja einfach mal hingesetzt und seine eigene Geschichte des tausendjährigen Leipzig geschrieben. Pro Leipzig hat die drei Bände veröffentlicht und damit augenscheinlich einen Nerv getroffen.

Es sieht ganz so aus, als ob Bücher über Regionalgeschichte tatsächlich auf ein neues Interesse stoßen. Das hat die Brauerei Krostitz wohl richtig erkannt, als sie vor elf Jahren den „Ur-Krostitzer Jahresring“ aus der Taufe hob, mit dem die Arbeiten von Hobbyhistorikern aus Sachsen gewürdigt werden. Was eigentlich überfällig war, denn wirklich üppig ausgestattet ist die landeskundliche Forschung in Sachsen ja nicht. Es gibt ein paar Lehrstühle – so auch an der Uni Leipzig. Aber wenn es um Spezialthemen geht oder gar die Geschichte kleiner Dörfer, Städte und Ortsteile, dann ist das weit jenseits der Möglichkeiten.

Da müssen sich dann Menschen hinsetzen und richtige Forschungsarbeit leisten, die dafür eigentlich nicht bezahlt werden. Sie setzen sich in ihrer Freizeit in die Archive, suchen Quellen und Vorarbeiten zusammen, klären die wissenschaftlichen Belege ab und schaffen es dann nach Wochen, Monaten oder Jahren emsiger Detektivarbeit auch noch, das ganze Material in einer lesbaren Schrift zu verarbeiten. Nicht immer wird auch ein gedrucktes Buch daraus. Da braucht man dann entweder einen Sack voll Geld – oder einen Verlag, der sich traut.

Wobei Pro Leipzig nach dem „Brandvorwerk“-Buch von Michael Liebman von 2012 keine Scheu hatte, auch sein „Connewitz“-Buch zu verlegen. Schon damals hatte er bewiesen, dass man mit demselben Instrumentarium, mit dem die große Historikerzunft die großen Städte beschreibt, auch kleine Örtlichkeiten wie das Leipziger Brandvorwerk in seinem geschichtlichen Werdegang zum Leben erwecken kann.

Mit „Connewitz“ kam noch ein weiterer Aspekt hinzu: Erstmals hat Liebmann hier ein altes Dorf im Leipziger Vorfeld, das seit über 100 Jahren ein Ortsteil der Stadt ist, in seiner Entstehung detailliert und bildhaft beschrieben. Und er hat gezeigt, dass neben all den juristischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch der Charakter der Bewohner die Geschichte bestimmt und die Anekdoten ergibt, aus denen am Ende erst ein lebendiges Ganzes wird.

Auch er hat das nicht studiert. Es sei denn, man sieht in dem 1968 Geborenen die Wiederauferstehung eines ganz alten Lehrertyps, wie er fürs späte 19. Jahrhundert mal typisch war, als sich Gymnasiallehrer nicht nur um die Bildung der ihnen anvertrauten Rangen kümmerten, sondern ihren Beruf auch als Wissenschaft begriffen und auch noch ordentliche Doktorarbeiten schrieben, die eben nicht einfach im Archiv verschwanden, sondern praktisch die Eintrittskarte zu allerlei wissenschaftlichen Vereinen waren, in denen sich diese Rauschebärte in der Regel ein Leben lang und hochinvolviert betätigten.

Liebmann selbst ist examinierter Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch, arbeitet aber heute als freier Autor. Auch ohne Doktortitel. Und mit „Brandvorwerk“ und „Connewitz“ hat er jetzt schon zwei Bücher vorgelegt, mit denen er auf hohem Niveau zeigt, wie spannend Ortsteilgeschichte in Leipzig ist. Nicht sein kann, sondern wirklich ist.

Im Wettbewerb um den „Jahresring“ hat er sich in diesem Jahr gegen 122 Mitbewerber behauptet und von der Jury den 12. mitteldeutschen Historikerpreis „Ur-Krostitzer Jahresring“ zugesprochen bekommen. Für sein Werk „Connewitz – Vom Werden eines Leipziger Stadtteils“ wurde der Hobbyhistoriker am Donnerstag, 17. Dezember, mit 1.500 Euro sowie einer goldenen Nachbildung des Rings von Schwedenkönig Gustav II. Adolf ausgezeichnet.

Weitere 3.500 Euro Preisgeld teilten sich die Gewinner der fünf Themenkategorien Dokumentation, Biografie, Orts-,  Wissenschafts- und Industriegeschichte. Der Jugendsonderpreis (500 Euro) ging ebenfalls nach Leipzig. Für ihr Lebenswerk (500 Euro) wurde eine Freizeitforscherin aus Radebeul geehrt.

Und dabei war dann auch Peter Schwarz, 1959 geboren, auch er mal jahrelang als Lehrer unterwegs. Germanistik und Geschichte hat er studiert, seit 1990 ist er aber als Immobilienkaufmann unterwegs. Er lebt in Markkleeberg – aber es ist die Leipziger Geschichte, die ihn beschäftigt. Und so hat er über Jahre alles gesammelt, was er an Informationen und neuen Erkenntnissen zur Leipziger Stadtgeschichte bekommen konnte. Und dann hat er sich an seinen Computer gesetzt und das alles so heruntererzählt, wie er es seiner Familie oder einer Gruppe aufmerksamer Schüler erzählen würde – sehr lebendig, sehr anschaulich. Quasi als ganz eigenen Versuch, das zu bewältigen, wozu Stadt und Universität Leipzig extra eine Arbeitsgruppe gegründet haben.

Torsten Bonew, Beauftragter der Stadt Leipzig fürs 1.000-jährige Jubiläum und gleichzeitig Finanzbürgermeister, hat’s trotzdem nicht als Konkurrenzprojekt gesehen und Peter Schwarz am Donnerstag ebenfalls gratuliert. Bücher zur Leipziger Stadtgeschichte kann’s  ja gar nicht genug geben.

Und auch bei Pro Leipzig sieht man das Mammutprojekt mit den drei Bänden heute etwas entspannter, denn als Band 1 („Von den Anfängen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“) 2014 erschien, war noch gar nicht klar, ob die Geschichtsinteressierten auch so dicke Bücher kaufen würden. Aber sie haben gekauft. Und auch der Jury hat diese echte Fleißarbeit aus Markkleeberg gefallen. Und so bekam Peter Schwarz den mit 1.000 Euro dotierten Sonderpreis „1000 Jahre Leipzig“.

„Michael Liebmann hat den Leipziger Stadtteil Connewitz von der Urzeit an betrachtet und dabei ein faktenreiches, hochinteressantes und außerordentlich fundiertes Werk vorgelegt“, erklärte Wolfgang Welter, Geschäftsführer der Krostitzer Brauerei, am Donnerstag anlässlich der Preisverleihung. Und er betonte, dass die Konkurrenz gar nicht ohne war, denn unter den 122 Konkurrenten waren „erneut zahlreiche von großem Gewicht und Umfang“.

„Generell ist zu beobachten, dass die Autoren und ihre Arbeiten in den letzten Jahren und besonders 2015 eine enorme Entwicklung erkennen lassen. Denn die Zahl der wissenschaftlich sehr spezifizierten Themen hat stark zugenommen. Sehr erfreut sind wir zudem über die Zunahme von am Wettbewerb teilnehmenden Schülern“, resümiert der Juryvorsitzende Professor Dr. Manfred Straube.

Und unter diesen Schülern war denn auch noch ein Leipziger: Den mit 500 Euro dotierten Jugendsonderpreis entschied Tobias Müller aus Leipzig mit seiner Ausarbeitung „Die sächsische Armee – von Moskau nach Waterloo. Ein Übergang mit oder ohne Folgen?“ für sich.

Es lohnt sich also, sich in das eine oder andere Thema, das einem lokal oder regional auf den Nägeln brennt, hineinzuknien. Und der „Jahresring“ ist natürlich auch eine Anerkennung für ein Bemühen, bei dem sich das ganz persönliche Geschichtsinteresse im besten Fall mit der angestachelten Neugier der Leser trifft. Und am Ende lernt man dabei ein paar Dinge, die bislang in keinem Lehrbuch stehen.

Die Gewinner in den einzelnen Kategorien

In fünf verschiedenen Themenkategorien kürte die Jury je einen Gewinner. Jeder erhielt ein Preisgeld von 500 Euro. In der Kategorie Dokumentation überzeugte Mathias Körner aus Dresden mit seinem Werk über die Gorbitzer Höhenpromenade.

Carsten Berndt aus Erfurt schrieb über Melissantes, einen Thüringer Geograph und Universalgelehrten, und gewann damit in der Kategorie Biografie.

In der Kategorie Ortsgeschichte triumphierte Wilfried Hammer aus Riesa (LK Meißen) mit seiner Forschungsarbeit über 4.000 Jahre Besiedlung zwischen Döllnitz, Elbe und Jahna.

Mit „Johann Matthäus Bechstein 1757–1822“ reichte  Michael Theuring-Kolbe aus Arnstadt (Ilm-Kreis) die beste Ausarbeitung in der Kategorie Wissenschaftsgeschichte ein.

Thomas Schmidt aus Zwenkau (LK Leipzig) siegte in der Kategorie Industriegeschichte mit einer „Zeitreise in die technisch-technologische Entwicklung des Tagebaus Espenhain 1936–1994“.

Lebenswerk, Jugendsonderpreis, Sonderpreis „1000 Jahre Leipzig“, Anerkennungen

Helga Gäbler aus Radebeul (LK Meißen) wurde für ihr Lebenswerk ausgezeichnet und erhielt ebenfalls ein Preisgeld von 500 Euro. Sie schrieb über das Dorf Reppen, über ihre persönliche Mitarbeit in den Hilfsorganisationen Oberwiesenthals sowie über ihre Lebenserinnerungen.

Der Jugendsonderpreis ging – wie erwähnt – an Tobias Müller aus Leipzig mit seiner Ausarbeitung „Die sächsische Armee – von Moskau nach Waterloo. Ein Übergang mit oder ohne Folgen?“

Und mit seiner Buch-Trilogie „Das tausendjährige Leipzig“ reichte Peter Schwarz aus Markkleeberg die beste wissenschaftliche Arbeit zum Jubiläum „1000 Jahre Leipzig“ ein. Er wurde dafür von Torsten Bonew, Bürgermeister für Finanzen und „Leipzig 2015“-Beauftragter der Stadt Leipzig, ausgezeichnet und erhielt 1.000 Euro Preisgeld.

Erneut sprach die Jury besondere Anerkennungen an Freizeithistoriker mit sehr gelungenen Arbeiten aus.

„Auch wenn diese Auszeichnungen nicht mit einem Preisgeld dotiert sind, so sind die Freizeithistoriker jedes Mal dankbar für die Würdigung ihrer Leistung“, sagt Professor Manfred Straube.

1.000 JahrePro LeipzigStadtgeschichteUr-Krostitzer Jahresring
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