Der Leipziger Autor Francis Nenik begleitet die Trump-Zeit jetzt mit täglichen Tagebucheinträgen

Die Erschütterung, die viele kluge und sensible Menschen am 20. Januar erlebten, als Donald Trump Präsident der USA wurde, muss jener Erschütterung ähneln, die sensible Menschen am 30. Januar 1933 erlebten, als der vergreiste Präsident Hindenburg nach mehreren Fehlgriffen seinen größten Fehlgriff machte und den Vorsitzenden der NSDAP zum Reichskanzler ernannte. Aber wie geht man mit so einer Erschütterung um? Ein Leipziger Autor startet einen Versuch.

Gleich am Tag der seltsamen Inauguration für Donald Trump, am 20. Januar, hat der Leipziger Schriftsteller Francis Nenik ein literarisches Langzeitvorhaben gestartet. Unter dem Titel „Tagebuch eines Hilflosen“ will er die Amtszeit von Donald Trump mit literarischen Mitteln begleiten. Aus diesem Anlass veröffentlicht Francis Nenik fortan jeden Tag eine Prosa-Miniatur. Im Verlauf von vier Jahren soll so ganz von allein das subjektive Protokoll einer Präsidentschaft entstehen, von dem man noch nicht weiß, ob es das Protokoll einer Katastrophe wird, eines Scheiterns oder gar einer Verwandlung wird.

Obwohl es nicht so klingt, als ob Nenik dem Mann mit „der zerbügelten Haut seines von innen gegerbten Gesichts“ eine Art Wandlungsfähigkeit zutraut.

Dazu ist der polternde Greis wohl schon zu alt und zu gewohnt, dass er trotzdem im Mittelpunkt steht, egal, was er macht. Die Frage, die eher betroffen macht, ist: Wie konnte das passieren? Wie leicht fällt es solchen Narzissten, mit Hilfe der modernen Medien nicht nur alle Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern auch noch wählbar zu werden? Quasi als Verkörperung einer ganzen Selfie-Kultur, die vor allem von der äußeren Wirkung ausgeht und weniger von der Machbarkeit des Versprochenen.

Aber Politik ist ja nicht unbedingt vernünftig. Einige Mechanismen bedienen sowohl den Hunger nach Ruhm und Aufmerksamkeit als auch die rücksichtslose Gier nach Macht. Und wenn beides zusammenkommt, dann scheinen alle Sicherungen im demokratischen Prozess nicht zu helfen. Dann marschiert einer durch bis ans Schaltpult, der nicht mal verspricht, dass er damit vorsichtig und überlegt umgehen wird.

Das darf schon Angst machen.

Aber: Wird es zur Gewöhnung?

Die Frage stellt Nenik auch gleich in seinen Aufzeichnungen. Es sind bislang drei kurze Einträge wie ins Tagebuch. Versuche einer Selbstvergewisserung, aber auch des Umkreisens einer Person, die Nenik wohl nie im Leben zu einem literarischen Helden gemacht hätte, wenn dieser 20. Januar nicht auch gleich die Ahnung möglicher Folgen für die ganze Welt in sich trüge.

L-IZ-Leser kennen Francis Nenik schon von zwei Büchern her, die wir hier besprochen haben.

Wird Neniks Schreiben jetzt zum Tagebuch einer Gewöhnung? Oder macht die Amtszeit Trumps den Autor erst recht wach und hellhörig?

Man kann ja mitlesen. Und bestimmt werden auch im Land der unmöglichen Möglichkeiten etliche Leute mitlesen. Denn parallel dazu überträgt der australische Übersetzer Paul Noske die Miniaturen ins Englische. Und wenn es Trump bis zur Ziellinie schafft, werden es über 1.400 Einträge, die dann hoffentlich irgendwann nicht mehr hilflos klingen.

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Francis Nenik
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