Für FreikäuferNatürlich kannten wir Anthony Scaramucci überhaupt nicht, bevor ihn Donald Trump zu seinem Kommunikationschef machte. Da mussten wir auch erst bei anderen nachlesen, dass der Bursche in den USA schon längst einen Ruf hatte. Und trotzdem haben zehn Tage völlig gereicht, um jeden einzelnen Tag das Gefühl zu haben: Die Type kennst du doch. Der ist dir doch schon hundert Mal begegnet.

Er sah vielleicht ein bisschen anders aus. Aber sein Auftreten kam einem so vertraut vor, dass man sie alle vor dem inneren Auge hatte – die Typen, die schon Geschäftigkeit verbreiteten, wenn sie der Belegschaft vorgestellt wurden, mit fiebrigem Blick auf die Uhr (unbedingt: So ein Kerl braucht eine teure, neiderzeugende Armbanduhr), denn er hat eigentlich keine Zeit. Anders als die faulen Säcke, die da sonst so arbeiten. Gleich in den ersten Tagen hagelt es Personalgespräche und jeder einzelne Mitarbeiter wird nicht gefragt, was er macht, wie gut er es macht, was er sich vorstellt. Sondern jedem wird erklärt, wo es ab jetzt langgeht „in diesem Laden“. „Und wer nicht mitzieht, das verspreche ich Ihnen, der ist nicht länger Mitglied im Team, haben wir uns verstanden?!“

Ich schätze mal, tausende Leser werden an der Stelle nicken. Ja, mit solchen Typen hatten sie alle zu tun. Meistens tauchten sie als Personalberater auf, als neuer Teamchef, berufen von einer Geschäftsleitung, die man bislang als kompetent, nachdenklich und gesprächsbereit kannte. Nur irgendwie sind da in letzter Zeit lauter neue Agenturen und Effizienz-Pläne entstanden, mit denen gewiefte Optimierer jedem Unternehmen ein rasantes Wachstum, enorme Einsparungen und ein fitteres Team versprachen, wenn man nur Einen einsetzte in der Firma, der den Laden „auf Vordermann“ brachte.

Es gibt natürlich keine Schätzungen, wie viele Leipziger Unternehmen nach so einer Ochsenkur einfach vom Markt verschwanden, sich auflösten wie Schnee in der Sonne, weil diese Typen natürlich keine Bremsen kennen, schon gar nicht diese Antennen für ein eingespieltes Personal haben, in dem jeder weiß, was der andere macht, wo die einen auch den anderen mal ersetzen können und auch mal füreinander einstehen.

In denen sich Charaktertiere finden, Müffler, sture Ochsen, penible Krümelzähler, Sensible, Hartnäckige … die ganze Bandbreite. Aber die Bezeichnungen sagen alles: Das sind in der Regel die Ersten, die von Klein-Scaramucci die Kündigung bekommen. Sie passen nicht ins Schema, stören, gehorchen nicht auf Befehl. Störelemente. Haben Sie das Wort schon mal gehört?

Eine Zeit lang grassierte es in der deutschen Unternehmenswelt. Weil diese Betriebsverschlanker überall auftauchten, ihre geliehene Macht wie ein Skalpell benutzten und dabei auf Schwächen, Widersprüche, Besorgnisse keine Rücksicht nahmen.

Ich schätze mal, es sind so an die 500 ehemalige Firmeninhaber allein in Leipzig, die bis heute bedauern, dass sie sich diese Effizienzmanager ins Haus geholt haben. Und damit das eh schon sensible Konstrukt ihres Unternehmens zerstört haben. Denn je kleiner eine Firma ist, umso mehr hängt all ihr Wohl und Wehe von ihren Mitarbeitern ab. Sie halten nicht nur den Laden am Laufen, improvisieren, springen ein, wenn’s sein muss – sie sind auch diejenigen, die für die Kunden ein Gesicht haben. Es passiert eher beiläufig. Hier ein Stutzen, da ein bisschen Verblüffung, dort ein Gespräch, das bei einer überforderten Restbelegschaft landet – und die Kunden verschwinden einfach. Gehen lieber woanders hin.

Meist sorgt der Bursche mit den halblangen Haaren, dem leicht gelösten Schlips und dem Handy am Ohr durch einen windschnittigen Anruf selbst dafür, dass der Kunde einen Kommunikationsschock bekommt. Auch wenn der Meister aller Meister hinterher grinsend die Restbelegschaft anschaut, weil er ein meisterhaft glattes Kundengespräch geführt hat. Den Spruch kennen Sie sicher auch: „So macht man das, meine Herrschaften. Und nun an die Arbeit. Ich will Ergebnisse sehen.“

Nicht zu vergessen: das Händeklatschen. So, wie man eben eine müßige Belegschaft an die Arbeitsplätze scheucht.

Dann werden auch noch Zielmarken „vereinbart“, Leistungstabellen erstellt und noch ein, zwei „Motivationsrunden“ veranstaltet, deren wesentliches Ziel ein um 20 Prozentpunkte heraufgesetztes Leistungsziel ist. Noch ein paar Sprüche aus den diversen Motivationstrainings, die in den 1990er Jahren grassierten und ganze Firmenleitungen in Tschakka-tschakka-Teams verwandelten – und: „Auf geht’s meine Herrschaften …“

Natürlich erinnern Sie sich auch daran, wie dieser Motivationstrainer eines Tages ganz still aus der Firma verschwand. Falls Ihre Firma das überlebt hat. Und wie lange es gedauert hat, die Schäden zu beseitigen und den Laden wieder einigermaßen zu stabilisieren.

Wenn sie aus der Investmentbranche kommen, wissen sie, dass diese Leute dort wie Olympiahelden gefeiert wurden und nicht nur dort. Selbst die seriösesten Medien waren sich nicht zu schade, diese Wunder-Boys zu feiern, als wäre das tatsächlich die neue, von Testosteron, zu viel Kaffee und ein paar weißen Linien getriebene neue Welt des knallharten Wettbewerbs.

Obwohl jeder, der diese Typen live erlebt hat, gesehen hat, dass all ihre Besprechungen, Termine, Telefongespräche entweder völlig virtuell waren – oder nie irgendetwas zum Ergebnis beibrachten. Als würden sie mit anderen Welten telefonieren, während sie die Restbelegschaft für ausbleibende Ergebnisse zusammenpfiffen.

Und noch ein bisschen genaueres Betrachen (wenn man dazu kam und nicht wegen Blöde-Anstarren kurzerhand gefeuert wurde) ließ ahnen, was für ein anschmiegsames Bürschen man da eigentlich vor sich hatte.

Den Typus des perfekten Malochers, wie ihn sich die Erfinder der effizienten Arbeitswelt von Übergestern vorgestellt haben: Zu allen Schandtaten bereit, durch keinerlei Sentimentalität gebremst, gnadenlos gegen „Minderleister“ und so blitzschnell in allen Entscheidungen, dass man sicher sein konnte, dass nicht mal eine Sekunde drüber nachgedacht wurde. Worauf diese Blitzentscheider natürlich stolz sind. Denn auf diese Fähigkeit, alles sofort und skrupellos entscheiden zu können, sind sie stolz. Das befähigt sie zu allem – zu jedem Job, jeder Leitungsfunktion. In Bewerbungsgesprächen überrollen sie die Personaler mit ihrer Perfektion und ihrer Einsatzbereitschaft.

Logisch, dass sie sich selbst dazu in der Lage fühlen, bei einem Donald Trump die Kommunikation managen zu können.

Bei einem Unternehmer, der in seinen Geschäften keine Gnade kennt, die Ellenbogen rücksichtslos nutzt und glaubt, nur weil er sich rücksichtslos durchgesetzt hat, ein Unternehmer zu sein. Das amerikanische Fernsehen hat das auch noch promotet, indem es den Immobilientycoon Trump zum Star einer Serie machte, in der er über Wohl und Wehe echter Kandidaten entscheiden konnte. Und das ihn mit dem Spruch „You’re fired“ so berühmt machte, dass Millionen Amerikaner glaubten, der Mann wäre kompetent.

Das Format hat ja bekanntlich das deutsche Privat-TV ebenfalls übernommen. Da macht man sich genauso wenig Gedanken darüber, welches Unternehmerbild diese Typen eigentlich prägen. Und welches Bild von Menschenführung. Und welches Bild von Ein-guter-Angestellter-Sein. Denn diese Art Cheftypus will nur einen einzigen Typus Angestellten: den willfährigen, den Jasager, den absoluten Opportunisten, der seinem Chef in allem skrupellos zu Diensten ist.

Typen wie Scaramucci, der glaubte, den selbst gewählten Chef noch übertreffen zu können. Was ja sichtlich schiefgegangen ist.

Was aber auch viel gezeigt hat. Sehr viel. Auch über das, was selbst die Amerikaner glauben, für einen guten und durchsetzungsstarken Chef zu halten. Obwohl Trump vor aller Augen zeigt, wie man eine gut laufende Firma zerstört.

Natürlich sind auch Staaten Unternehmen. Sie werden nur oft nicht so geführt, weil immer wieder auch Typen an die Hebel der Macht kommen, denen ein gutes Funktionieren dieses Unternehmens überhaupt nicht am Herzen liegt. Oder – wie nun exemplarisch vorgeführt – die nicht einmal verstehen, was der von ihnen so gierig angestrebte Job eigentlich an Fähigkeiten verlangt.

Was sich ja nach der Blitzentlassung von Herrn Scaramucci nicht ändert.

Inhaber von Firmen, die so einen Gastauftritt des knallharten Den-Laden-Aufräumers überlebt haben, wissen, wie lange es dauert, bis man auch nur die schlimmsten Schäden repariert hat. Und wie viel Vertrauen man verloren hat – nach drinnen und draußen.

Wenn dann irgendwann mal noch ein Minütchen bleibt zum Nachdenken, dann merkt man, dass Wirtschaften mit all diesem Effizienzgedöns wenig bis nichts zu tun hat. Sondern dass es ganz alte, simple menschliche Eigenschaften sind, die den Laden nicht nur zusammenhalten, sondern auch erfolgreich machen – so Kram wie Vertrauen eben, Einfühlungsvermögen, Rücksichtnahme, offene Ohren für Kunden und Belegschaft, Kommunikation auf Augenhöhe …

Wirtschaft ist vor allem Kommunikation. Sonst würde kein Mensch ein Unternehmen aufziehen. Es ist keine separate Welt, in der irgendwie die Regeln der Herren Trump oder Scaramucci gelten. Auch wenn diese Typen dort immer wieder auftauchen und sich nach vorn drängeln und den gutgläubigen Zuschauern erklären, was ein toller Chef ist und was ein fitter (weil dienstbeflissener) Angestellter.

Wir haben dadurch ein völlig falsches Bild von Unternehmertum im Kopf.

Und das hat, wie man sieht, fatale politische Folgen.

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