Interview mit Juliane Nagel über umstrittene ZDF-Doku: „Ich fühle mich definitiv getäuscht“

Für alle LeserSeit den G20-Krawallen steht das Thema „Linksextremismus“ wieder verstärkt im Fokus von Medien und Politik. Das ZDF strahlte Anfang September eine Dokumentation mit dem Titel „Radikale von Links – Die unterschätzte Gefahr“ aus. Wegen falscher Zahlen und fragwürdiger Experten geriet die Produktion in die Kritik; das ZDF räumte teilweise bereits Fehler ein. Inhalt war auch eine Kundgebung gegen einen Naziaufmarsch in Leipzig. Die dort befragte Stadträtin Juliane Nagel (Linke) äußert sich nun im Interview mit der L-IZ zu den Hintergründen ihres Auftritts und der erneuten Stimmungsmache gegen Connewitz.
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Das ZDF hat kürzlich eine Dokumentation mit dem Titel „Radikale von Links“ ausgestrahlt. Sie tauchen darin als Interviewpartnerin auf. War Ihnen bewusst, worum es in der Doku geht?

In den ersten 20 Minuten habe ich mich gefragt, warum die linken Akteure sich dafür hergegeben haben. Und plötzlich war ich dann selbst im Fokus. Da habe ich mich an eine Anfrage vom 18. März dieses Jahres erinnert: Eine in Tschechien lebende Journalistin sagte zu mir, dass sie ein größeres Projekt darüber plane, wie die linke Szene auf Pegida und AfD-Wahlerfolge reagiere. Ich habe zugesagt und ein längeres Interview gegeben. Darin ging es stark um politische Konzepte, die Deutung der Erfolge der AfD und die Frage, warum Pegida gerade in Sachsen groß geworden ist. Bis zur Ausstrahlung der Dokumentation habe ich aber nichts mehr davon gehört.

Fühlen Sie sich getäuscht?

Ich fühle mich definitiv getäuscht. Der Themenaufriss, den die Journalistin mir gegeben hat, ging in eine ganz andere Richtung. Auch die Fragen beim Interview gingen alle eher in eine analytische, aktivistische Richtung. Zum Thema Gewalt war nur eine Frage dabei und auch aus dem Verlauf des Interviews ging nicht hervor, dass darauf der Fokus lag.

Die Dokumentation verortet eine Kundgebung gegen den Neonaziaufmarsch am 18. März dieses Jahres in Connewitz. Von diesem Fehler abgesehen: Stimmt die Behauptung, dass es in Connewitz „immer wieder“ zu „Straßenschlachten mit angereisten Rechtsextremen“ kommt?

In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche von Neonazis, nach Connewitz zu kommen, aber es gab keine Nazidemos. Christian Worch war der Letzte, der das vor etwa zehn Jahren versucht hat. Das wurde durch eine friedliche Blockade verhindert. Die Doku bedient ein Bild von Connewitz, wie es Innenminister und Hardliner gerne zeichnen. Mit der Realität in Connewitz hat das nichts zu tun. Es gibt dort weder regelmäßig Straßenschlachten noch Naziaufmärsche. Das ist schlecht recherchiert.

Über die Gegenkundgebung am 18. März heißt es in der Dokumentation: „Es kommt zur Eskalation. Der Schwarze Block versucht, die Polizeikette zu durchbrechen.“ Entspricht das Ihren Beobachtungen vor Ort?

Das war eine von vielen Kundgebungen, die in Hör- und Sichtweite des Naziaufmarsches stattfinden sollten. Im Vorfeld hat uns das Ordnungsamt in einem sehr kooperativen Gespräch zugesichert, dass wir in der Nähe der Nazidemo stehen dürfen. Bei der Kundgebung waren mehr als 1.000 Leute – ich habe das als sehr gemischt empfunden.

Vor Ort gab es eine Absprache mit der Polizei, dass wir den Platz bis zur Absperrung ausreizen dürfen. Als die Nazidemo vorbei kam, hat sich die Polizei aber nicht daran gehalten. Deshalb haben die Leute sich einfach nach vorne gedrängt. Das war eine kurze Situation, in der es Kommunikationsprobleme innerhalb der Polizeihierarchie gab. Die reale Situation wurde in der Dokumentation nicht abgebildet. Es ist nicht mehr zu sehen, wie die Polizei abzieht und die Leute nach vorne lässt. Es gab dort keine Gewalttätigkeiten.

Wie bewerten Sie die Dokumentation insgesamt?

Das ist ein ganz übles Machwerk. Dort kommt unter anderem ein Politikwissenschaftler zu Wort, der gleichzeitig AfD-Mitglied ist. Das hätte transparent gemacht werden müssen. Auch die anderen vermeintlichen Experten sind Personen, die einen eigenen Kampf gegen die linke Szene führen.

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