Nachdenken über ... falsche Ökonomie

Es gibt keine Ausreden mehr, für keinen von uns

Für alle LeserEs passte zusammen, als wäre es abgestimmt gewesen: Am Montag, 8. Oktober, gab es nicht nur die Berichte über die aktuelle Tagung des Weltklimarates und seine immer deutlicheren Warnungen, sondern auch die Bekanntgabe, dass die schwedische Reichsbank die beiden amerikanischen Ökonomen William D. Nordhaus und Paul M. Romer mit dem Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel auszeichnet.

Also quasi dem Nobelpreis für Ökonomen, mit dem diesmal zwei Forscher ausgezeichnet wurden, die sich mit dem Zusammenhang des immerfort angehimmelten Wirtschaftswachstums und der sich zuspitzenden Klimakrise beschäftigen.

„Nordhaus beschäftigt sich seit Jahrzehnten vor allem mit den Kosten des Klimawandels. So berechnete er, dass bei einer globalen Erwärmung um mehr als zwei oder drei Grad Celsius ein Klimazustand erreicht würde, der letztlich auch ökonomisch nicht mehr zu verkraften sei. Seine Berechnungen lieferten damit einen der Ausgangspunkte zur Formulierung des Zwei-Grad-Zieles“, fasst die „Zeit“ das Wirken von Nordhaus zusammen.

Und zu Romer schreibt sie: „Der US-Amerikaner Paul Romer, der auch Chefökonom der Weltbank war, wird für seine Innovationsforschung ausgezeichnet. Romer arbeitet an der Stern School of Business der New York University und hat unter anderem die endogene Wachstumstheorie mitbegründet.“

Deutsche Forscher waren mal wieder nicht dabei, stellten dann einige Medien noch fest. Was natürlich Ursachen hat. Die deutschen Wirtschaftslehrstühle sind fast alle von Denkern der neoliberalen Schule besetzt. Forscher, die sich kritisch mit der in Deutschland immer noch heilig gesprochenen Glaubenslehre des Wachstums beschäftigen, haben kaum eine Chance, einen renommierten Lehrstuhl zu erobern.

Auch wenn es sie gibt. Die wichtigsten Denker aus der wachstumskritischen Schule sind im Konzeptwerk Neue Ökonomie versammelt. Und abseits des üblichen Wissenschaftsbetriebs bringen sie ihre Kritik auch zu Gehör.

Was nicht ausreicht.

Denn die Bundespolitik beweist, dass ihre Wortmeldungen – weil sie eben nicht aus den üblichen „renommierten“ Instituten kommt – schlicht ignoriert werden. Als gäbe es keine Alternative zum alten Glauben, „der Markt“ werde es schon richten.

Dabei hatte der Bundestag selbst einmal eine Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eingesetzt, die sich mit Alternativen zum stupiden Aufpumpen des Wachstums beschäftigen sollte. 2013 legte sie ihren Abschlussbericht vor. Und dann?

Nichts weiter. Es kam die nächste Bundestagswahl und die übernächste. Und Angela Merkel, die beide Male wieder Bundeskanzlerin wurde, war garantiert nicht die Person, die aus dem Bericht eine neue Politik gemacht hätte. Und die SPD, mit der sie regierte, nutzte die Steilvorlage auch nicht. Obwohl selbst die Mehrheit der Bundesbürger zum Beispiel die Energiewende will. Trotz allen Gezeters aus den Energiekonzernen.

Aber wenn es dann ernst wird, erweisen sich deutsche Regierungen immer wieder als Bremser – auf Landesebene wie in Sachsen oder NRW, im Bund genauso, wenn man nur an die peinliche Dieselkrise denkt und die miserable Finanzierung des ÖPNV und des SPNV, aber auch auf europäischer Ebene, wo die Bundesrepublik selbst dann den Handschuh in den Ring wirft, wenn sich die EU-Kommission auch nur auf erste Richtungsänderungen in der Umweltpolitik einigt.

Die kommunale Ebene glatt noch vergessen. Auch hier wird so getan, als ginge niemanden dieser komische Klimawandel etwas an, als wäre all das, was wir an extremen Wettererscheinungen erlebt haben, reineweg Zufall. Als würden wir, wenn wir zur Wahl gehen, immer wieder nur denselben Politikertypus wählen, dem die Zukunft so völlig egal ist, dass ihn weder der Bericht des IPCC kümmert noch die Zahlen, die William D. Nordhaus errechnet hat.

Denn wenn ein Ökonom seines Formats ausrechnet, dass eine Klimaerwärmung über 2 Grad unsere Wirtschaft komplett überfordert, dann heißt das im Umkehrschluss, dass diese Wirtschaftsart nicht zukunftstauglich ist. Denn wenn wir sie so fortführen, sorgt sie binnen 70 Jahren dafür, dass sämtliche menschlichen Wirtschaftsstrukturen zusammenbrechen.

Wahrscheinlich sogar schon vorher, weil vorher mehrere Länder aufgrund von Nahrungs- und Wassermangel kollabieren. Und weil sich solche kollabierenden Staaten sehr schnell in Bürgerkriegen wiederfinden. Mit den bekannten Folgen.

Also muss sich unsere Art des Wirtschaftens (und unserer betoniertes Anspruchsdenken) ändern.

Aber das geht mit diesen Typen nicht. Nicht mit diesen Schauspielern, die über Flüchtlinge schwadronieren, weil sie bei denen die Schuld für die aktuelle Unruhe sehen, aber gleich wieder die Autobosse verteidigen, die seit Jahren mit den Abgaswerten tricksen, den Ausbau von Autobahnen verlangen, aber kein Geld für vernünftige S-Bahn-Systeme finden können, und dann auch gleich mal den Kohleausstieg infrage stellen, weil ihnen das Argument der Kohlekonzerne so einsichtig ist, nur ihre Dreckschleudern würden die Grundlast sichern. Alles Leute, die sich auf offener Bühne weigern, Zukunft wirklich zu denken.

Und zwar eine andere Zukunft, als die Hirschfänger der AfD, die glauben, wieder so ein erzkonservatives Wunderwirtschaften wie zu Adenauers Zeiten herbeireden zu können. Mauern drumrum, abschotten, Halali. So ungefähr. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, dass mit diesem irrsinnigen Treiben von all den Weichenstellungen abgelenkt wird, die jetzt wirklich dran sind, richtige Weichenstellungen, die unsere Städte endlich zu sauberen Städten machen.

Bis 2020 wollte Leipzig seinen CO2-Ausstoß pro Kopf auf 4 Tonnen senken. Stattdessen ist der Wert erst mal gestiegen. Auf 6,5 Tonnen. Denn weder OBM Burkhard Jung, der eigentlich seit 2007 („Leipziger Charta“) Zeit gehabt hätte, das Thema wirklich einmal zu durchdenken, noch Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal haben darüber nachgedacht, was so ein Ziel, das CO2-Aufkommen tatsächlich zu halbieren, wirklich bedeutet.

Denn das heißt eben nicht nur, Leipzig von der Kohleverbrennung komplett unabhängig zu machen (was die Grünen ja fordern), sondern auch den Verkehr in der Stadt komplett zu verändern – mit einem wirklich sichtbaren Ausbau von ÖPNV und Radverkehr. Was der Stadtrat zumindest als Zukunftsvision beschlossen hat (Stichwort: Nachhaltigkeitsszenario). Aber das wird viel länger dauern als gedacht. Und es wird Geld kosten, das Leipzig nicht hat. Womit wir wieder bei Bund und Land wären.

Das sind Ebenen, wo man sich für jedes kleine Alibi-Projekt feiert. Aber wenn es ernsthaft ums Umdenken geht, ist auf einmal kein Geld mehr da. Ist es wohl. Aber altes Denken sorgt ja vor und bindet die Gelder erst mal in alten Projekten. Zukunft denken fällt Menschen ganz schwer. Was muss ich jetzt tun, damit meine Stadt in spätestens zwölf Jahren umweltfreundlich rollt?

Man kann gespannt sein auf die To-do-Liste.

Aber bevor es wieder nur um „die Politik“ geht: Es geht bei uns los. Wir sind diejenigen, die umdenken müssen (können, dürfen und möchten). Unser Verhalten sorgt dafür, dass Dinge sich ändern. Kaufen wir weiter billige Wegwerfprodukte oder sparen wir lieber wieder auf Klamotten, die länger als zwei Jahre halten?

Rennen wir dem Smartphone-Hype hinterher und schaffen noch mehr hochbelasteten Computerschrott? Kaufen wir uns immer mehr elektronischen Spielkram – bis hin zu den angepriesenen Überwachungsgeräten der neuen Elektronik-Generation, wo uns Lautsprecher, Fernseher und Kühlschrank die ganze Zeit überwachen? Lassen wir uns von diesem Unterhaltungsmüll auch noch die letzte Abendstunde stehlen oder holen wir uns unsere Zeit, unsere Nerven und Gedanken zurück? Sorgen wir dafür, dass unsere Zeit wieder uns gehört?

Das wäre ein Anfang, wenn wir der Wachstumsraserei nicht mehr hinterherhecheln.

„Der Markt“ ist ein unersättlicher Verschlinger. Er verschlingt immer mehr unserer wertvollsten Ressourcen. Und die, die sich die Gewinne dann auf völlig überfüllte Konten laden, sind nicht bereit, diese unersetzlichen Ressourcen auch angemessen zu vergüten.

Wälder, Wiesen, saubere Flüsse und Seen, aber auch so unbezahlbare Schätze wie Vogelzwitschern, Insektensummen, Stille und Zeit. Jede Ecke unseres Lebens wollen sie besetzen, reden uns immerfort ein, wir müssten noch mehr ihrer genialen Technik in unseren Alltag einbauen – weil das Zeug so unverzichtbar sei.

Das Zeug aber ist verzichtbar.

Und die Sensiblen unter uns wissen, was uns wirklich fehlt: wirkliche Nähe, Vertrauen, Gelassenheit und die Stille, die man braucht, um wieder klar denken zu können. Und runterzukommen vom Ratten-Level.

Oder was, glauben Sie, richten die nervigen Smartphones mit Ihnen und Ihren Kindern an?

Ich lasse es bei der Frage.

Es ist nicht nur das Erdklima, das so zu werden droht, dass dann unsere ganze Hightech-Welt nicht mehr funktioniert. Es ist auch das gesellschaftliche Klima, das davon jetzt schon zerfressen wird, das irre Schaumschläger an die Spitze spült und die Menschen in Panik stürzt.

Populisten, wie sie sich verharmlosend nennen.

Leute, die glauben, mit dummen Null-Vorschlägen etwas anderes zu bewirken als die Alternativlosen, die nun gefühlt schon 30 Jahre regieren und das Wörtchen „alternativlos“ immer dann aus der Tasche zaubern, wenn es wirklich um andere Weichenstellungen geht. Die unterbleiben dann lieber.

Joachim Wille nennt es in der „Frankfurter Rundschau“ Schizophrenie.

Er beschreibt es so: „Allerdings hat es keinen Sinn, die Schizophrenie der Klimapolitik weiterzuführen: immer ambitioniertere Ziele zu beschließen, dann aber nicht die Instrumente bereitzustellen, um sie auch einhalten zu können – vor allem wirksame CO2-Ökosteuern oder einen globalen Emissionshandel, der eine angemessene Bepreisung der Treibhausgase sicherstellt.“

Und weil er damit das Übliche beschreibt, mache ich hier Schluss.

Ich weiß, dass niemand ein CO2-Aufkommen von 10 oder 12 Tonnen braucht. Auch nicht von 6 oder 4 Tonnen. Dass das alles schon Verschwendung, Dummheit und Ignoranz ist. Und dass man mit ein klein bisschen Willen seine Last für diesen armen Planeten deutlich senken kann. Es gibt keine Ausreden mehr. Das ist die eigentliche Botschaft der Schwedischen Reichsbank.

Die Serie „Nachdenken über …“

Europa muss seine Abhängigkeit vom zerstörerischen Wirtschaftswachstum beenden

 

Nachdenken über ...
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