These #10: Die Angst vor Status- und Fördermittelverlust in der Sozialen Arbeit verhindert Politisierung

Für alle LeserKritik am System und Veränderung im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit sind unbequem – nicht nur für den/ die Kritisierte/n. Wir alle kennen die Redewendung „Beiße niemals die Hand die dich füttert“. Soziale Arbeit wird in Deutschland überwiegend durch Steuermittel finanziert, also als Zuwendung durch die Kommunen oder das Land an die Träger ausgereicht.
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Entsprechend gibt es die Erwartung an die Zuwendungsempfänger, in deren Sinne zu agieren und als Teil des politischen Systems Gesetze und Regeln umzusetzen. Die Politik schafft den gesetzlichen Rahmen und verteilt das Geld – die Vereine und Verbände setzen die konkrete Leistung um und das möglichst effizient und nach marktwirtschaftlichen Kriterien: Soziale Arbeit als Dienstleister in einer neoliberalen Gesellschaft.

Was aber, wenn durch politische Entscheidungen strukturelle Ungerechtigkeiten geschaffen und Ausgrenzung befördert wird? Die globale Definition Sozialer Arbeit, verabschiedet von der International Federation of Social Workers im Jahre 2014, sagt u.a.: „Die Prinzipien der sozialen Gerechtigkeit, die Menschenrechte, gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlagen der Sozialen Arbeit“.

Diese Prinzipien wird man in den meisten Leitbildern Sozialer Organisationen wiederfinden, und so erwarten die Adressat*innen zu Recht, dass Sozialarbeiter*innen als Lobbyist*innen sozialer Themen agieren und ihre politischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten nutzen, um für Gerechtigkeit und Chancengleichheit zu streiten.

Soziale Arbeit bewegt sich also in dem Dilemma, verschiedenen sowie konträren Ansprüchen genügen zu müssen und dabei auch den eigenen ethischen Grundsätzen zu folgen. Und dieses Dilemma verschärft sich in dem Maße, wie gesellschaftliche Entwicklungen die Lebenssituation von Bevölkerungsgruppen verschlimmern und universelle Menschenrechte missachten.

Der Ausgang der Landtagswahlen 2019 in Sachsen könnte uns als soziale Organisationen vor große moralische Probleme stellen. Inwieweit sind wir bereit, für den Erhalt unserer Arbeit Kompromisse einzugehen und unsere ethischen Prinzipien zu untergraben? Es geht dabei auch um den Verlust von Arbeitsplätzen und von funktionierenden Angebots- und Unterstützungsstrukturen für unserer Adressat*innen.

Was also ist zu tun?

Soziale Arbeit muss sich in Zukunft noch viel stärker verbünden und organisieren, um für ihre Prinzipien wirkungsvoll zu kämpfen. Und zwar unabhängig davon, ob der Einzelne gerade von Repressalien, Kürzungen oder gar Schließung bedroht ist, sondern ständig und nachhaltig.

Soziale Arbeit muss immer auch politische Arbeit sein. Dazu gehört es, die Klient*innen zu befähigen, für ihre Rechte einzustehen und vor allem denen beizustehen, die das selber nicht können. Dazu gehört es auch, sich aktiv in politische Entscheidungsprozesse einzumischen, die Öffentlichkeit aufzuklären und zu mobilisieren.

Wir müssen uns viel stärker vernetzen, und zeitgleich müssen die Hochschulen die politische Dimension und Verantwortung Sozialer Arbeit wieder stärker in den Ausbildungsfokus rücken.

Für Leipzig bedeutet das, die vielfältigen Strukturen der Freien Jugendhilfe und Wohlfahrtsverbände, die ansässige Hochschule und den Berufsverband noch viel stärker zu verbinden und gemeinsam für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen. Damit ist der Fördermittelverlust sicher nicht zu verhindern – aber an Status können wir alle nur gewinnen.

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.:
www.kuebelonline.de

These #9: Jugendarbeiter*innen müssen sich mit der Gestaltungsmöglichkeit der Digitalisierung befassen.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache: Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

Trotz aller Bemühungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstärkt haben sich im Rahmen der „Freikäufer“-Kampagne der L-IZ.de nicht genügend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehörigen, Vereinen, Behörden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstützen.

Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Erreichung einer nicht-prekären Situation unserer Arbeit zu unterstützen. Und weitere Bekannte und Freunde anzusprechen, es ebenfalls zu tun. Denn eigentlich wollen wir keine „Paywall“, bemühen uns also im Interesse aller, diese zu vermeiden (wieder abzustellen). Auch für diejenigen, die sich einen Beitrag zu unserer Arbeit nicht leisten können und dennoch mehr als Fakenews und Nachrichten-Fastfood über Leipzig und Sachsen im Netz erhalten sollten.

Vielen Dank dafür und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jährlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfügbare Texte zu präsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 500 Abonnenten.

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