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Ein Gedicht von Mascha Kaléko im Supermarkt am Kreuz

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    In einigen Familien ist schon nach einer Woche Corona-Auszeit die Krise gegenwärtig. Was stellt man nur mit all der freien Zeit an, wenn man nicht rausgehen darf? Wenn Spiel- und Sportplätze gesperrt sind, alle Partys ausfallen und die Großeltern erst recht nicht besucht werden dürfen? Ein Gedicht im Supermarkt erinnert an die Macht der Worte. Haben Sie Gedichtbände im Haus? Dann raus damit: Laut lesen!

    „Zerreiße deine Pläne, sei klug / Und halte dich an Wunder“, heißt es im Gedicht von Mascha Kaléko, das eine Unbekannte oder ein Unbekannter im Rewe-Supermarkt am Connewitzer Kreuz ans Kleinanzeigenbrett gepinnt hat. Die Schrift sieht sehr weiblich aus, aber auch sehr professionell. Man bleibt davor stehen und freut sich, dass andere Leute tatsächlich noch eine schöne Handschrift haben.

    Und schöne Gedichte kennen. Vielleicht auch, weil sie sie immer wieder zur Hand nehmen, wenn das Leben mal wieder etwas widerborstiger wird, etwas zäher oder farbloser. Wenn es also Farben braucht. Worte voller Farben. Es gibt kein anderes literarisches Genre, das so eindringlich zeigt, welche Kraft und Lebendigkeit die Worte unserer Sprache haben. Und Dichterinnen und Dichter wissen, wie man diese Kraft wirken lässt.

    Und gute Schauspieler wissen es auch. Die Texte blühen auf, wenn sie mit Gefühl und Selbstbewusstsein vorgetragen werden. Was nicht immer die Sache der Dichter ist. Sie sind ja meist eher bescheidene Menschen, die wissen, wie man mit Groschen über den Tag kommt und aus zwei Kaffeebohnen eine Tasse Kaffee macht.

    Sie beschäftigen sich, weil das in ihnen so drängt dazu, mit dem Elementaren und Menschlichen im Leben. Dem, was uns eigentlich jeden Tag berührt, auch dann, wenn wir uns nicht berühren lassen und so tun, als wären wir cool und abgebrüht und durch nichts zu erschüttern.

    Gepriesen werden heute ja die Abgebrühten, die Aalglatten und Tiefganglosen. Die mit arroganter Unerschütterlichkeit Dinge tun, die uns an den Abgrund treiben. Weil sie all das, was uns sorgt und sorgen sollte, lächerlich finden. Sie preisen ein Leben aus lauter Trunkenheit, Eile und Nie-Innehalten. Durchrasen und … raus.

    Wer so lebt, merkt vielleicht jetzt, dass ihm da etwas verloren gegangen ist. Etwas, was sich nicht rechnet und nicht verkauft werden kann. Das Gefühl, gemeint zu sein vom Leben.Und jetzt auf einmal zu merken, wie sehr einem das Lebendige fehlt. Das da draußen. Die anderen.

    Dota Kehr & Felix Meyer „Zum Trost“ Text: Mascha Kaléko

    Das, was einen wirklich jeden Tag betroffen macht. Wenn man sich noch treffen lassen möchte, da, wo die Gefühle sitzen.

    Und jetzt?

    Alle Bilderbücher ausgelesen? Vom Rumsitzen vorm Fernseher zutiefst frustriert? Mit ganz schlechtem Gewissen den Kleinen gegenüber, die jetzt etwas erwarten von Ihnen? Oder den Großen, mit denen das Schweigen schwer wird?

    Holen Sie die Gedichtbände aus dem Regel. Und lesen Sie sich Gedichte vor. Kriechen Sie hinein in die Gedichte. Achten Sie auf die Worte.

    Es ist eine seltene Gelegenheit, das Sprechen wieder zu üben. Durchaus aus voller Brust, mit Begeisterung, nicht so gedruckst wie sonst, so mit verkniffenen Lippen, kurz angebunden wie im Alltag da draußen, der jetzt für ein paar Wochen ausfällt.

    Erobern Sie sich die Majestät unserer Sprache zurück. Oder entdecken Sie sie. Es muss nicht gleich Rilke sein. Versuchen Sie es erst einmal mit Kästner (Sie haben keinen Kästner im Haus? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?), mit Heine, mit … nein, Schiller ist keine gute Wahl. Schiller ist etwas für die große Bühne, nicht für die Zwei-Zimmer-Wohnung.

    Mascha Kaléko Die Zeit steht still

    Und glauben Sie nur: Wenn Sie Wilhelm Busch aus dem Regal holen, quietschen Ihre Kinder. Mit der „Frommen Helene“ und „Hans Huckebein“ retten Sie ganze Tage. Und erleben, wie Worte zu Feuerwerk werden und dass es Spaß machen kann, diese Sprache zu sprechen. Ihren Reichtum und ihr Lebendigsein wiederzufinden. Und die kleine Wohnung mit Farben zu füllen.

    Wer Glück hat, hat auch noch seinen Jandl zu Haus. Oder – wenn einem nach großer Geste ist – Walt Whitman. Das ist der Bursche mit jenem herausfordernden „O Captain! My Captain!“, mit dem die Jungs im Film „Club der Toten Dichter“ auf die Tische steigen. So kann man sich das Rebellischsein wieder ins Haus holen.

    Es sei denn, man möchte doch lieber den Gefühlen Raum geben, die einen jetzt heimsuchen, weil man sich nicht mehr durch die tägliche Hatz ablenken kann. Denn die meisten Menschen stürzen sich auch deshalb in besinnungslose Arbeit, weil sie nicht wirklich über die Brüchigkeit des Lebens nachdenken möchten. Nicht über die Gefühle, die einen heimsuchen, wenn die Maschine auf einmal stillsteht und es in Leipzig so leise wird, dass man erschrickt.

    Dann ist Mascha Kaléko eine gute Empfehlung. Denn auch das steckt ja in ihren Gedichten: Wer den eigenen Ängsten ins Auge blickt, hat weniger Angst. Denn alles ist vergänglich und jeder Tag, jedes Jahr ein Geschenk.

    Wir müssen uns nicht bis zur Besinnungslosigkeit unterhalten lassen oder in Hamsterrädern laufen. Das hält die Menschheit sowieso nicht mehr lange durch. Auch dazu zwingt uns die Corona-Zeit: Wieder darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen und wie wenig das eigentlich ist. Und was wir tun können, damit die Menschheit nicht morgen schon strandet in den Folgen ihrer Gier.

    Gute Gedichte lehren keine Bescheidenheit. Aber sie zeigen uns, wie wertvoll sie ist.

    Die ganze Reihe „Nachdenken über ...“

    Wassertropfen & Seifenblase: Die DVD mit den Gedichtfilmen zu den nachdenklichsten Ringelnatz-Gedichten

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