These #17: Funktionierender Wettbewerb bedeutet nicht: „Hauptsache billig.“

Für alle LeserDamit Wettbewerb im sozialen Bereich nicht zu Monopoleismus und unsozialem Handeln führt, braucht es tragfähige Rahmenbedingungen. Geiz ist geil! Leanmanagement, Input – Output, Transformation, Globalisierungsprozesse, Controlling, Marktorientierung, Konkurrenz, Digitalisierung, Gewinn und Rentabilität. Was haben diese Begriffe mit der Sozialen Arbeit zu tun? Was sind Ihre ersten Gedanken, wenn Sie an Soziale Arbeit denken? Etwa an das Primat der Effizienz, an Marktanalysen oder gar an Wettbewerb?

Und dennoch müssen diese genannten Begriffe mitgedacht werden, da Soziale Arbeit sich in ihren Rahmenbedingungen auch an dem Diktat ihrer Wirtschaftlichkeit messen lassen muss. Sie befindet sich seit langem schon in einem Prozess der sogenannten „Ökonomisierung als Leistungserbringerin sozialer Dienstleistungen“. So gesehen kommt es zwangsläufig zu einem Konflikt zwischen wirtschaftlichen und ethischen Orientierungen.

„Ethik und Ökonomie sind so unterschiedlich codiert, dass sie nicht vereinbar sind“ (Luhmann 1993). Von diesem Standpunkt aus stellen sich die Fragen: „Wie viel Ökonomie verträgt die Soziale Arbeit?“ und „Wie verträgt sich die gewählte Wirtschaftsform mit menschlichen Bedürfnissen und gesellschaftlicher Entwicklung?“

Was würde geschehen, wenn sich die Soziale Arbeit bedingungslos unter das Diktat der Ökonomie unterwerfen würde? Eine Missachtung von Zielen, Methoden und Orientierungen, kurzum eine Veränderung der Kernidentität der Sozialen Profession (vgl. Staub-Bernasconi 2007).

Aus diesem Grund braucht es tragfähige Rahmenbedingungen, damit Entscheidungen von sozialpolitischer Seite nicht ausschließlich davon abhängen, welcher Träger die soziale „Dienstleistung“ am billigsten anbietet. Die Entscheidung sollte vielmehr aus der fachlichen Notwendigkeit und der Qualität der Anbieter/-innen gedacht werden.

Wettbewerb innerhalb der Sozialen Arbeit erwirkte auch positive Aspekte, welche sich wiederfinden in der Weiterentwicklung, Evaluationen oder dem zielgerichteten Einsatz von Geld-, Personal- und Zeitressourcen. Unter guten Rahmenbedingungen könnten weitere Zertifikationen und Standards der Sozialen Arbeit geschaffen werden.

Als Beispiel zu nennen ist die Entwicklung und Verabschiedung verbindlicher Fachstandards der Mobilen Jugendarbeit/ Streetwork. Jene ermöglichen es uns in unserem Tätigkeitsfeld, unsere Arbeit professionell und gelingend auszugestalten. Sie fördern unsere Qualität, schaffen optimale Rahmenbedingungen zur Umsetzung von inhaltlichen Zielen. Sie sind die gültige Arbeitsgrundlage für Fachkräfte, Träger und Verwaltung.

Ohne gute Rahmenbedingungen und gültige Fachstandards kommt es nicht selten zu einer Wettbewerbssituation zwischen den Trägern, die dazu führen kann, die gefragte Leistung möglichst günstig anzubieten. Beispiele: Eine betreute Jugendwohngruppe wird von Sozialpädagog/-innen betreut, jene erhalten aber nur das Gehalt von Erzieher/-innen. Ein Flüchtlingsheim wird von zu wenigen Sozialpädago/-innen betreut. Die Kostenkalkulation sieht keine ausreichenden pädagogischen Materialkosten vor.

Es gäbe noch viele andere Bespiele, die Faktoren aufzeigen könnten, an welchen Stellen ökonomische Orientierungen an erste Stelle treten, nur um möglichst günstige Leistungsvereinbarungen abzuschließen. Doch wenn es um hohe Fachlichkeit, um die Bedürfnisse der Klienten/-innen, um professionelle und notwendige Angebote geht, darf es nicht heißen: „Geiz ist geil“. Sonst wird Soziale Arbeit zu einer Mogelpackung, die nicht hält was sie verspricht.

Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen könnte natürlich – langfristig betrachtet – durch entsprechende Gesetzgebungen auf Bundesebene gefördert werden. Doch wie steht es vielleicht mit dem Denkmodell der stärkeren Vernetzung und Solidarität zwischen den freien Trägern der Sozialen Arbeit? Netzwerke, die trotz Konkurrenz zusammenhalten und somit stärker werden – damit die Fachlichkeit an erster Stelle stünde.

Eine Verbesserung der Rahmenbedingungen kann auch durch transparentere Verwaltungsprozesse bei der Bewilligung von Förderanträgen denkbar sein. Ebenso wünschenswert ist die verbindliche und gültige Verankerung von Fachstandards in allen Bereichen der sozialen Arbeit. Last but not least fördern gute Rahmenbedingungen kleine Vereine sowie Träger und tragen somit abseits des Mainstreams der großen Wohlfahrtsverbände zu einer größeren Vielfalt und Pluralität der Sozialen Arbeit bei.

Quellen:
Luhman, N. (1993): Wirtschaftsethik – als Ethik?, in: Wieland, J. (Hrsg.), Wirtschaftsethik und Theorie der Gesellschaft, Frankfurt am Main
Staub-Bernasconi, S. (2007): Soziale Arbeit: Dienstleistung oder Menschenrechtsprofession?, in Lob-Hüdepohl, Andreas; Lesch, Walter (Hrsg.) Ethik Sozialer Arbeit – Ein Handbuch; Verlag Ferdinand Schöning GmbH & Co. KG, Paderborn

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