Der goldene Moment, wenn unser Gehirn nach Futter ruft

Für alle LeserAm 30. Juli veröffentlichten wir hier die ersten Ergebnisse einer Längsschnittstudie, die die Krankenkasse DAK zusammen mit dem Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf (UKE) durchführt, um das Medienverhalten von Jugendlichen genauer zu untersuchen. Die Gründe, warum die 10- bis 17-Jährigen sich in der Corona-Zeit erst recht vor die Spielkonsole gesetzt oder in den Social Media getummelt haben, haben mich eigentlich nicht überrascht. Eigentlich genauso wenig wie der Umgang der Medien und Forscher mit dem, was sie so gedankenlos Langeweile nennen.

Und wer gar Google zum Suchen nutzt, wird mit der bekloppten Frage erschlagen: „Was tun aus Langeweile?“ Der Stern hat gleich mal lauter „Tipps gegen Langeweile“. Und der Deutschlandfunk rückt die Langeweile gleich mal in die Nähe von Krankheit, zitiert auch gleich mal Erich Fromm, der – so Deutschlandfunk – Langeweile in Zusammenhang sah „mit der Sinnlosigkeit des Lebens, also der empfundenen Sinnlosigkeit des Lebens und dass Menschen darauf Antworten finden wollen, es auch tun in verschiedener Form.“

Der Beitrag macht dann übrigens – nach mehreren Kurven – den Schritt zur Kreativität. Darauf komme ich noch.

Weil das eben leider in den Definitionen zur Langeweile nicht vorkommt. Google bietet gleich mal „Gefühl der Eintönigkeit infolge fehlender Anregung oder Beschäftigung“ als Erklärung an.

Selbst der dicke Wahrig, der im Regal steht, kommt mit so einer Definition daher: „Mangel an Abwechslung“, „nicht wissen, womit man die Zeit verbringen, sich die Zeit vertreiben soll“.

Die Definition hat nur einen guten Aspekt: Sie lässt ahnen, was für Probleme die Autoren mit dem Erleben von Zeit haben. Mit Leerlauf, Stille, einer Zeit, in der einmal nichts Aufregendes – oder besser: Ablenkendes – geschieht. Wo sie auf einmal wieder sich selbst wahrnehmen, den ganz konkreten Moment. Und nichts passiert.

Ein goldener Moment.

Den aber diese Leute augenscheinlich abgrundtief hassen. Das sagt eine Menge über sie aus – und über ihr Selbstbild.

Aber kaum ein Artikel kommt umhin, von der Langeweile zu erzählen, die Kinder äußern. (Ob sie selbst als Kind Langeweile empfanden, erzählen diese Autor/-innen übrigens nie. Das ist immer irgendwie nur das Problem anderer Leute.) Und auch die DAK-Studie kommt ja zu dem Ergebnis, dass über 86 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 10- und 17 Jahren „aus Langeweile“ zu den Ablenkungsangeboten der Computerwelt griffen.

Und ich will die Artikel in Online-Magazinen wie dem „Spiegel“ gar nicht erst aufzählen, in denen prollige Autoren den Lesern in der Corona-Zeit lauter Netflix-Serien zur Ablenkung empfohlen haben. Augenscheinlich grassiert dort in den Redaktionen eine regelrecht Panik vor Muße und Langeweile – die beides übrigens spannende Geschwister sind. Warum? Weil eins zum anderen führt.

Was aber augenscheinlich nur Menschen merken, die von ihren Eltern nicht vorm Fernseher ruhiggestellt wurden oder das Gefühl verinnerlicht haben, dass Tagträumen, Langeweile und Herumgammeln in einer derart von Fleißigkeit getriebenen Gesellschaft inakzeptabel sind. Wer kennt sie nicht, diese vorwurfsvoll schweigenden Erwachsenen, die beim Anblick herumlungernder Kinder, die mal gerade nichts sichtbar Nützliches tun, in beleidigte Geschäftigkeit verfallen. Daran erinnere ich mich nun wieder. Genauso wie an die nur scheinfreundlichen Fragen wie „Langweilst du dich? Weißt du nicht, was du Nützliches tun kannst?“ Oder: „So gut möchte ich es auch mal haben.“

Den vorwurfsvollen Ton kennen alle. Und die meisten spuren irgendwann, stehen bei Fuß und machen die blödesten Arbeiten, nur damit das Dorf nicht auf die Idee kommt, ihnen Faulheit vorzuwerfen.

Das Wort hat mir noch gefehlt an der Stelle.

Denn während die ganzen Definitionsschreiber suggerieren, Langeweile sei deshalb belastend, weil ein tatenloser Zustand scheinbar kein sichtbares Ende hat, weiß eigentlich jedes einigermaßen wache Kind, dass Langeweile ein Signal aus einem hellwachen Gehirn ist: das Signal, dass dieses Gehirn jetzt bitteschön neues Futter und neue Herausforderungen haben möchte.

Denn unser Gehirn arbeitet ständig. Es ist eine sich immer wieder selbst aufladende Selbstbeschäftigungsmaschine. Ich weiß nicht, ob Tiere (beispielsweise Schimpansen und Orang Utans) sich richtig langweilen können. Ich glaube nicht. Sie genießen wohl eher das Herumhängen. Aber sie sind nicht wie dieser großkopferte Zweibeiner, der sich erst einmal mit ein paar cleveren Erfindungen ein bisschen freie (also nicht von notwendigen Tätigkeiten erfüllte) Zeit verschafft hat – und diese Momente der bewussten Tatenlosigkeit damit verbrachte, sich noch mehr neue Dinge auszudenken – kluge und doofe, einfache und verrückte. Jede große Erzählung von Erfindern erzählt davon, wie sie es genossen, ihr Gehirn einfach mal daddeln zu lassen, gern auch mal faul ausgebreitet unterm Apfelbaum, wohl wissend, dass man, wenn man Glück hat, nachher aufspringt mit dem Ruf „Heureka!“.

Kinder sind in der Regel alle hochbegabt. Das wird ihnen nur aberzogen. Bei den ärmsten Würstchen schon sehr früh. Ihr nach Erkenntnissen und Herausforderungen hungriges Gehirn wird ruhiggestellt. Sie werden ans Unterhaltenwerden und Abgelenktwerden gewöhnt. Oder sie werden mit ihrem Wissenshunger immer mehr frustriert und gekränkt.

Daran kann ich mich erinnern. An alle diese Vorwürfe sich beleidigt gebender Erwachsener, die es einfach inakzeptabel fanden (und finden), dass Kinder tagträumen, herumzappeln, nach Herausforderungen und Anregungen suchen. Deswegen funktionieren ja die ganzen elektronischen Spiele so gut. Sie befriedigen dieses Aufgeregtsein auf die schnellste und gefährlichste Weise. Sie suggerieren Problemlösen, wo es eigentlich nur darum geht, in stereotypen Rollen immer wieder ähnliche Parcours zu überwinden. Wirklich anspruchsvolles Futter für ein hungriges Gehirn sind sie nicht.

Aber nichts, was unsere heutige Gesellschaft reich und aufregend macht, ist ohne Langeweile zu verstehen. Ohne Menschen, die in gewonnenen Stunden (ja, genau den Stunden, die man weder vertreiben noch totschlagen sollte) auf verrückte Ideen kamen und sich Wege ausdachten, wie man das Verrückte praktisch umsetzen könnte. So sind alle großen Erfindungen entstanden, so entstand Musik, so entstanden die Geschichten, die wir uns seit Jahrtausenden erzählen.

So entstanden Expeditionen, Wissenschaften und Technologien. Und nur die, die sie aus lauter Langeweile in Gang brachten, wussten, was das für ein elektrisches Feuerwerk war, als sich in ihrem Kopf auf einmal Gedanken und Assoziationen zu etwas verbanden, was fast schon mit der Hand zu greifen war – und was hernach nur noch mit lauter Geduld und Bosselei auch verwirklicht werden musste.

Das nennt man Einfall. Weil es einen überfällt, mitten in das halb traumartige Hinwabern, das man zulassen kann – wenn man sich traut. Und nicht völlig eingeschüchtert ist von vorwurfsvollen alten Leuten, die einem ständig vorwerfen, dass man nichts Nützliches tue.

Ich schätze mal: Die größte Pein an der Langeweile ist für Jugendliche nicht, dass mal nichts passiert, sondern dass sie ihr Nichtstun ständig erklären müssen und trotzdem schon voller Schuldgefühle sind, wenn sie sich selbst nur mal drei Minuten tatenlos in der Ecke lümmelnd erwischen.

Es ist unsere von falscher Betriebsamkeit erfüllte Gesellschaft, die das Nichtstun mit lauter moralischen Vorwürfen gespickt hat, die ja bekanntlich das Nichtstun sogar denen zum Vorwurf macht, die zum Nichtstun verdammt sind.

Dabei wäre es so viel hilfreicher (und wohltuender für Natur und Menschheit), wenn einige dieser Leistungsbolzen all das nicht täten, was sie uns so umtriebig vorexerzieren. Denn es ist nicht schöpferisch, sondern zerstörerisch – wie jedes gedankenlose Tun und Abarbeiten.

Doch irgendwie ist es ihnen gelungen, den simplen Warnmechanismus in ihrem Kopf auszuschalten, sich also selbst in einen Roboter zu verwandeln. Sie sind schon lange unter uns. Und sie sind es ja auch, die so einen Unfug wie die KI immer weitertreiben: Sie schaffen sich Maschinen nach ihrem Bilde. Das wird wirklich langweilig und öde. Zu den Zombies aus Fleisch und Blut kommen dann auch noch elektronische Zombies.

Von denen sich richtige Menschen dann auch durch so etwas unterscheiden wie die Fähigkeit, Langeweile richtig empfinden zu können. Mitsamt der darin langsam sich anstauenden Unruhe, die das hungrige und tatendurstige Gehirn erzeugt. Es fordert aber nicht „Nu mach mal was Nützliches!“ Das denken nur die Nützlichkeits- und Nutzwert-Fanatiker.

Ein wirklich gelangweiltes Gehirn scant seine Umgebung, filtert alles, was es an Möglichkeiten weiß, durch nach einer Anregung, die es reizt. Nach etwas, das sich lohnt, jetzt aus- und anzupacken. Wenn nichts da ist, wird es erfinderisch – wahrscheinlich zur Verzweiflung vieler Eltern, die selber zum Stillsitzen erzogen wurden. Da fangen die Kinder dann erst richtig an aufzudrehen und die Bude auf den Kopf zu stellen. Oder das Auto oder das Zugabteil verrückt zu machen. Es gibt ja tatsächlich Orte, an denen der innere Handlungsdruck völlig kollidiert mit den äußeren Zuständen.

Was nicht mal am Ort liegen muss. Oft sorgt der selbstverliebte Schönschwätzer vorne am Rednerpult dafür. Manche Leute sind ja regelrecht talentiert darin, echte, fette, schwere Langeweile zu erzeugen. Also mal aus der Sicht des hungrigen Gehirns interpretiert: Situationen, in denen man eigentlich eine richtig spannende Rede erwartet und die ganze Zeit mit trockenem Stroh abgefüttert wird. Oder lauwarmer Luft, die weder sättigt noch anregt.

Irgendwann lernt man, solche Situationen zu vermeiden. Oder – wenn man schon unrettbar hineingefallen ist und nicht einfach aufstehen und den Raum verlassen kann – geistig auszuswitchen und sich im Kopf mit spannenderen Dingen zu beschäftigen. Und sich nicht allzusehr über diesen organisierten Zeitdiebstahl zu ärgern. (Hier darf jeder seine eigene Liste solcher Zeitdiebstähle aufmachen.)

Da sieht man dann regelrecht wie ein nützlicher Zeitgenosse aus, der den salbungsvollen Worten eines eitlen Gecken folgt, ist aber eigentlich gar nicht da. Die Gedanken sind ganz woanders. Wahrscheinlich ist das sogar eine ganz natürliche und menschliche Eigenschaft, die uns hilft, den Blödsinn verkalkter Alphamännchen zu ertragen, ohne dabei ein Zeichen unzulässiger Respektlosigkeit von uns zu geben.

Na gut, das mit dem Respekt stimmt schon lange nicht mehr. Die meisten zutiefst Gelangweilten holen ja heute auch mitten in solchen Sitzungen und Veranstaltungen ihr Smartphones raus, um intensiv nachzuschauen, ob im China vielleicht was Interessanteres vorgefallen ist.

Vielleicht kann man Langeweile so definieren: als sich zunehmend aufschaukelnden Unmut eines tatendurstigen Gehirns, das die aktuelle Unterforderung als unzumutbar empfindet und immer drängender nach etwas sucht, in das es sich zu verbeißen lohnt.

Wenn es nicht schon die andere Technik beherrscht: die Gedanken schweifen zu lassen. Oder streunen wie Hunde, die dann oft mit der seltsamsten Beute zurückkommen.

Wie produktiv Langeweile sein kann, wissen nur die, die sie nicht totschlagen und vertreiben wie eine lästige Fliege. Sondern aushalten und sich von sich selbst überraschen lassen.

Denke ich mir so. Und denk auch noch einmal kurz an die Corona-Aus-Zeit. Aber hab ich mich gelangweilt? Nicht einmal. Die meisten langweiligen Veranstaltungen fielen ja aus. Und übrig hatte ich: noch mehr spannende Zeit für fröhlich streunende Gedanken. Eigentlich auch was Gutes, wenn man das so bedenkt.

Die ganze Serie „Nachdenken über …

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

Hohes Suchtpotenzial: 700.000 Kinder und Jugendliche nutzen Computerspiele riskant oder pathologisch

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