„Jetzt räumt denen doch nicht immer so viel Aufmerksamkeit ein.“ So oder so ähnliche Stimmen auf jener „Seite“ der Gesellschaft, die sich informiert und längst haben impfen und boostern lassen. Und die eine deutliche Mehrheit stellt, ganz unabhängig davon, ob sie nicht auch Kritik an der sogenannten „Coronapolitik“ hat oder nicht. „Lügner“, „Lügenpresse“ und „Ihr steht nicht auf der Seite des Volkes“, schimpfte es seit vergangenem Samstag Richtung LZ aus den Kreisen jener 300 bis 400, die sich heute erneut zum „Spaziergang“ am Völkerschlachtdenkmal treffen wollen. Vorsicht! Das ist natürlich falsch: Man möchte angeblich nur verloren gegangene Schlüssel suchen kommen, während man sich noch immer den 29. Januar 2022 zurechtbiegt.

Phantasie und Wirklichkeit

Nun sage noch einer, des Menschen Phantasie sei begrenzt. Offenbar nicht und so kam es seit den Ereignissen vom letzten Samstag, welche durch viele (überregionale) Medienberichte als „Sturm der Psychiatrie“ im Gedächtnis bleiben werden, zu reichhaltigen Umdichtungen und neuen Erklärungen in der „Querdenker“- und „Spaziergänger“-Szenerie Leipzigs.Die Haupterklärung dafür, dass rund 50 von 400 Teilnehmer/-innen des „Spazierganges“ am 29. Januar 2022 ein Tor und drei Polizeibeamte überwanden und so auf den Innenhof einer psychiatrischen Einrichtung der Universität Leipzig gelangten: Sie seien auf der Flucht und Suche nach einem Ausweg gewesen, um dem „Kessel“, der Kälte und der finster gegen „das Volk“ ™ agierenden Polizei zu entgehen.

Sozusagen ein antidiktatorischer Akt, voller Freiheitsliebe und revolutionärem Gestus, glaubt man jenen, die sich anschließend auch auf der Facebookseite der LZ bitterlich über die mediale Bewertung ihres verunglückten „Spaziergangs“ mit teils rüden Worten beklagten (zur FB-Seite der LZ).

Die Einsatzkräfte der Polizei hatten zwar lediglich und getreu dem Versammlungsrecht (ganz ohne Coronaeinschlag) einverlangt, dass der bis dahin illegale Aufzug vom Külz-Park über die Prager Straße in die Philipp-Rosenthal-Straße hinein eine/n Versammlungsleiter/-in benennt und dies mit mehrmaligen Durchsagen auch vor Ort kundgetan; aber gut – die meist männlichen Angreifer hatten halt Panik und wollten weg.

Die „Spaziergänger“ am 29. Januar 2022 beim Einlaufen in die Philipp-Rosenthal-Straße vor der Polizeisperre. Foto: LZ

Glaubwürdiger ist wohl auch anhand von Videobelegen, dass es – wie nun auch die „Bewegung Leipzig“ indirekt auf ihrem Telegram-Kanal bestätigt – die pure Renitenz war, die NPD-Vertreter und andere zum Haus- und Landfriedensbruch (so der Polizeivorwurf) nebst mindestens einem massiven Angriff auf einen Polizeibeamten trieb, hier einen Weg zu suchen, wie man weiterhin ohne Versammlungsanmeldung durch das Uni-Gelände und von da weiter „spazieren“ könne.

In schlichter Unkenntnis, dass es da zwar rein-, aber nicht mehr rausging und deshalb in einer rund zweistündigen Polizeimaßnahme endete und zur LZ-Überschrift „dumm gelaufen“ beitrug.

Auch die bereits am Ausgang des Külz-Parkes missglückte Versammlungsanmeldung unterzogen die „Querdenker“ im Laufe der vergangenen Woche einer fantasievollen Umdeutung. Die Polizei habe angeblich diesen ersten von zwei Anmeldeversuchen boykottiert. Leider ist auch das objektiv nicht belegbar.

Vielmehr warteten die „Spaziergänger“ an der Prager Straße nicht ab, bis die Anmeldung vollzogen und die Auflagen für ihre Versammlung geklärt waren, sondern zogen einfach weiter. Bereits da, dank der breiten Straße möglich, überwanden sie eine erste lose Polizeikette, etwas, was später in der schmaleren Rosenthal-Straße nicht mehr möglich war.

Der Versammlungsanmelder sprach kurz nach dieser Szene einen LZ-Redakteur an, beklagte sich über den Verlauf seines Versuches – da war die Demo schon so weit entfernt, dass er seiner angestrebten Aufgabe als Versammlungsleiter (Stellung von Ordnern, Lenkung der Versammlung usw.) objektiv betrachtet kaum nachkommen konnte.

Zudem bestätigte die „Bewegung Leipzig“ bereits gestern, dass man am Samstag letzter Woche wie auch heute keine Anmeldung einer Versammlung vorhabe. So hieß es am 4. Februar 2022 auf dem Telegramkanal: „Wenn jemand eine Spontan-Versammlung anmeldet, so lauft ihm nicht hinterher, sondern geht in eine andere Richtung oder macht euch auf den Heimweg.“

Und heute Morgen hieß es nochmals explizit unter Beimengung einer weiteren Verschwörungsgeschichte: „Ab der Anmeldung geht es aber auch los mit Auflagen, Richtungsgebung etc. Ist es das, was Spaziergänger brauchen und wünschen? Deshalb unser Rat: Kennt ihr den Anmelder, vertraut ihr ihm? Ansonsten überlegt es euch gut, einem Spaziergang zu folgen, der angemeldet wurde und merkt euch die Gesichter derer, die sich dafür „finden lassen“, bzw. dokumentiert es. Sie tragen möglicherweise die Verantwortung für die zu erwartende Einkesselung.“

Hier wird also Misstrauen gegen jeden geschürt, der die Versammlungen legalisieren will, er würde entweder mit der Polizei zusammenarbeiten oder anderweitig Böses im Schilde führen.

Wie bereits am 29. Januar 2022 formuliert: Man will die Versammlungen illegal durchführen, es ist sogar Sinn und Zweck im Sinne des empfundenen „Kampfes gegen die Diktatur“, es so und nicht anders zu wollen.

Die heutige Schlüsselsuche hat schon begonnen

Ein Aufruf zum Gegenprotest aus den sozialen Netzwerken. Quelle: Telegram

Bereits im Vorfeld des heutigen 5. Februar 2022 begann das übliche Hin und Her im Netz. Süffisant verkündeten mehrere Aufrufe, man würde sich heute zur „Schlüsselsuche“ am Völkerschlachtdenkmal treffen. Jemand der „Spaziergänger“ habe wohl ein Schlüsselbund verloren und den würde man nun ab heute 15 Uhr gemeinsam dort suchen. Das kann natürlich niemals eine Versammlung sein, so der Subtext.

Vielleicht ist das ein weiterer Punkt, an welchem sich die Phantasie allmählich mit Intelligenzbeleidigung mischt, aber so glaubt man also am heutigen Samstag der sicherlich erneut anwesenden Polizei womöglich tatsächlich einzureden, man halte gar keine Versammlung ab. Dass das gelingt, ist äußerst fragwürdig – auch die Beamten und das Leipziger Ordnungsamt wissen nach den letzten Wochen mittlerweile durchaus zu unterscheiden, ob jemand spazieren geht oder demonstriert. Oder eben einen Schlüssel sucht, der längst gefunden ist.

So zumindest die Antwort des Protestes rings um die Initiative „Leipzig nimmt Platz“, welcher bereits eine Art Fundbüro eröffnet hat. Unter dem Motto „Euer Schlüssel ist schon da, im Fundbüro der Antifa“ bietet die „Antifa Schlüsseldienste GmbH“ einen satirisch gemeinten Service für die „Spaziergänger“ an. Die ja somit, genau genommen, nicht mehr nach dem oder den verlorenen Schlüssel(n) suchen müssen.

Abzuholen sind die Fundstücke also vor Ort. Mehr als zwei oder drei „Spaziergänger“ dürften ihren Schlüssel auch nicht vermissen – es könnte also eine kurze Sache heute werden. Wenn da nicht die Phantasie und letztlich die Lügen als Mittel der Auseinandersetzung seitens der „Spaziergänger“ wären.

Die Leipziger Zeitung wird die heutigen Geschehnisse ab 15 Uhr hier unter dem Text mittels Video- und Fotobeiträgen begleiten und im Anschluss ein Fazit unserer Beobachtungen vom heutigen 5. Februar 2022 publizieren. Und also der Sache doch wieder Aufmerksamkeit schenken.

Die Sonne scheint, frische Luft tut gut und solange es friedlich bleibt, könnte es erneut lustig werden – solange nicht wieder Patienten einer psychiatrischen Heilanstalt belästigt werden.

Der Hashtag in den sozialen Medien lautet übrigens #le0502, hier gehts zur Twittertimeline der LZ.

News auf Twitter unter dem Hashtag
https://twitter.com/hashtag/le0502?src=hashtag_click&f=live

Update 15:41:

Heute nur Stehparty rings um den Külz-Park. Nachdem die Polizei die Versammelten an der Prager Straße aufgefordert hatte, ihre Demo anzumelden, streunen jetzt vereinzelte „Spaziergänger“-Gruppen ziellos herum.

Die Polizei hat die Lage im Griff, die ersten „Spaziergänger“ haben bereits den Heimweg angetreten. Der Schlüssel wurde noch nicht gefunden.

Um es kurz zu machen: Es war heute vorbei, bevor es begann. Die Zahl der „Querdenker“ dürfte nach ersten Schätzungen heute auch nur bei maximal 200 gelegen haben.

Fazit (19:30 Uhr): Weniger Teilnehmende, Gewalt im Zentrum

Irgendwas hat sich schon ein wenig totgelaufen. Wie viele der „Spaziergänger“ heute zum angeblichen „Schlüsselsuchen“ im Külzpark umherstrichen, nachdem ihnen die Demonstration an der Polizeiabsperrung und mangels Anmeldung nicht gelang, ist nicht genau zu sagen. Doch so ziemlich jeder vor Ort stellte weniger von ihnen fest, weshalb 150 bis 200 Menschen schon stimmen wird.

Gleichzeitig hat die nach einem kurzen Aufwuchs schon wieder schrumpfende „Bewegung“ ein Gewaltproblem. Das wurde deutlich, als sich zirka 16:30 Uhr ein gewaltsamer Zusammenstoß im Leipziger Zentrum ereignet. Eine offenkundig gemeinsam agierende Gruppe „Spaziergänger“ war zuvor nach dem missglückten Demonstrationsversuch auf der Prager Straße stadteinwärts gezogen und bedrohte bereits auf halber Strecke einen LZ-Fotografen.

Im Zentrum angekommen, trafen die gewaltsuchenden Männer offenbar zufällig in der Nähe des Augustusplatz auf eine Gruppe links eingestellter Gegendemonstranten, erkannten diese und mindestens einer von ihnen schlug zu. Im Resultat: eine stark blutende Nase eines jungen Mannes, eine angegriffene Frau offenbar noch dazu und ein weiterer Polizeieinsatz.

Dabei wurden zwei der Angreifer praktisch inflagranti aufgegriffen, einer Identitätskontrolle unterzogen und könnten sich nun wegen Körperverletzung verantworten müssen, sofern ihnen eine Tatbeteiligung nachgewiesen wird.

Bleibt festzustellen: in der vergangenen Woche wurde durch diverse rechtsextreme Teilnehmer am „Spaziergang“ klar, dass es sich hier in der Tiefe wirklich nicht um ausschließlich „normale Bürger“ handelt.

In dieser Woche wurde klar, dass es auch mit der Friedfertigkeit nicht weit her ist, wenn einige von ihnen nur die Gelegenheit bekommen, andere Menschen attackieren zu können.

Impressionen vom Külzpark & Prager Straße

Video LZ

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