Als am 24. Februar 2022 klar war, dass in der Ukraine ein Krieg ausgebrochen war, saßen mein Freund und ich abends in der Küche. Wir schwiegen immer, redeten, schwiegen. Wir sind in der für Leipzig privilegierten Lage, eine große Wohnung mit unseren drei Kindern zu bewohnen. Sie ist so groß, dass auch wir Eltern ein eigenes Zimmer haben. Eines dieser Zimmer, mein Zimmer, würde ich für Geflüchtete räumen. Das war das Ergebnis unseres Schweigens in der Küche an diesem Abend.

Bis Mai kamen mehr als 9.000 ukrainische Geflüchtete nach Leipzig, rund 90 Prozent sind privat untergebracht. Sie leben in Familien, in WGs, bei Paaren, Alleinstehenden. Viele Menschen haben ein Zimmer geräumt, das Sofa frei gemacht, um Ankommenden eine Erstaufnahmeeinrichtung
(EAE) und Gemeinschaftsunterkunft zu ersparen.

Die Stadt sagt: „Es sind genug Plätze da, niemand muss privat untergebracht werden.“ Die, die Gastgeber sind, sagen, die Zelte, die Enge, das Essen dort, sei nicht menschenwürdig.

Ein Zimmer ausräumen, zusammenrücken

Wir sind eine dieser Familien, die ein Zimmer geräumt haben. Seitdem ist mein Kleiderschrank unser lila Wäschekorb und wenn ich etwas von meinem Schreibtisch brauche, dann klopfe ich an. Seit Ende April wohnt eine Mutter aus der Ostukraine mit ihrem siebenjährigen Sohn bei uns. Ein Kind, ihren 19-jährigen Sohn, musste sie in ihrer Heimat zurücklassen. Sie telefonieren jeden Tag, Irina (Namen sind geändert) weint danach oft.

Wenn Menschen fragen, wie es ist, jemanden völlig Fremdes in seinem Zuhause aufzunehmen, dann sage ich meist: „Das Gute daran ist, dass wir wissen, dass die Zwei hier in Sicherheit sind. Das Schlimme daran ist, dass der Krieg bei uns auf dem Sofa sitzt.“

Die Stadt, die Irina verlassen hat, ist von russischen Soldaten besetzt. Auf der Flucht sah sie Tote, Zerfetzte, Menschen, die ihre Nachbarn waren, lagen am Straßenrand. Sie sagt, sie hat den ganzen Weg aus der Ukraine heraus gebetet und ihren siebenjährigen Sohn Paul immer wieder gebeten, zu schlafen. Damit er nichts sieht.

Es ist eine schwierige Situation. Auf der einen Seite unsere Gäste, die Schreckliches erlebt und vieles verloren haben. Man möchte sagen: „Ruht euch aus, findet ein bisschen Frieden in euch.“ Aber dann sind da auch wir. Zwei Erwachsene, drei Kinder, die seit sechs Wochen alles mit den Gästen teilen, bei der Wohnungssuche helfen, Behördengänge unterstützen, Schul- und Hortplatz organisiert haben und vor jedem Ausflug „Möchtet ihr mit?“ fragen.

Die Sehnsucht nach einer Auszeit

Dabei bräuchten auch wir nach den Wochen eine dringende Auszeit. Aber darf man das sagen, wenn man Menschen hilft, die Furchtbares gesehen haben? Haben wir das Recht, unsere eigenen Befindlichkeiten voranzustellen? Zu sagen: „Bitte zieht aus, ich will meine Privatsphäre zurück?“

Es ist schwierig und fast unmöglich, auf dem schmalen Grat zwischen „Ich will Dir helfen“ und „Ich muss mich abgrenzen“ zu balancieren, zuzugeben, dass die Verantwortung, die man übernommen hat, einen überfordert und man sich nur eines wünscht: Einen Nachmittag, ein Abendessen alleine mit seiner Familie.

Überfülltes Schuhregal. Foto: Johanne Becker
Überfülltes Schuhregal. Foto: Johanne Becker

„Die, die im April nach Leipzig gekommen sind, die sind eigentlich zu spät in die Stadt gekommen, um noch eine Wohnung zu finden“, sagt mir Martha, die ehrenamtlich im Ankommenszentrum in der Telemannstraße gedolmetscht hat. Sie hat dort einen Monat lang gearbeitet, geholfen, Mut zugesprochen. „Dann konnte ich nicht mehr“, sagt sie mir. Das Leid, die Eindrücke, die die Menschen mitgebracht haben, das war zu viel.

„Und immer wieder sagen zu müssen, dass es in Deutschland alles kompliziert ist: Ich mochte es irgendwann selber nicht mehr sagen“, sagt Martha. Denn Deutschland ist kompliziert. Zum 1. Juni sind arbeitsfähige Ukrainer nicht mehr beim Sozialamt, das Jobcenter ist zuständig für sie. Und das bedeutet, einen ALG2-Antrag stellen zu müssen, einen Mietvertrag genehmigen lassen zu müssen, nachzuweisen, dass man Arbeit sucht, sich bei einer Krankenkasse anzumelden.

Für einen großen Teil der ukrainischen Geflüchteten ist das zu kompliziert, zu schwer, sie haben den Antrag noch nicht eingereicht und stehen aktuell ohne Leistungen – also ohne Geld – da.

Das Deutsch der Behörden

Viele Gastgeber haben sich deshalb selber in das Behördendeutsch hineingearbeitet, um zu helfen. Denn der ALG2-Antrag, den Geflüchtete bekommen, ist auf Deutsch. Selbst die ukrainischen Erklärvideos werden nicht immer verstanden. Wer traumatisiert ist, dem fällt der Alltag oft schon schwer genug. Da ist im Kopf kaum Platz für Wörter wie KdU (Kosten der Unterkunft) oder Rechtskreiswechsel. Irina fragt mehrfach am Tag, warum sie sich nicht einfach eine schöne
Wohnung suchen kann.

Die ukrainischen Geflüchteten, die privat untergekommen sind, dürfen maximal acht Wochen bei ihren Gastgebern bleiben. Theoretisch. Nach acht Wochen, so sieht es der Gesetzgeber, ist ein Gast kein Gast mehr, er ist Untermieter. Aber genau das ist es, was viele Gastgeber nicht wollen.

Sie wollen nicht untervermieten, sie wollten helfen, Menschen einen guten Start in ihrem Leben in Leipzig zu ermöglichen. Die Acht-Wochen-Grenze wabert im Kalender herum. Und selbst wer zu Beginn noch optimistisch nach Wohnungen gesucht hat, ist spätestens nach vier Wochen völlig desillusioniert.

Denn der Wohnungsmarkt in Leipzig ist angespannt. Es gibt viele Wohnungen, aber sie sind entweder durch Sanierungen zu teuer geworden oder aber gar nicht erst auf dem Markt. Denn wenn Wohnungen knapp sind, kann die Miete durch die Vermieter in unmoralischen Höhen angesiedelt werden.

Das war schon vor dem Krieg in der Ukraine so. Nun, mit rund 4.500 Bedarfsgemeinschaften mehr, spitzt sich die Lage zu. Und so wundert es auch nicht, dass viele Wohnungsangebote eine Miete enthalten, die nur wenige Euro über dem liegt, was das Jobcenter als Richtwert anlegt. Dieses Mehr muss gesondert beantragt werden. Aber das muss man zum einen wissen und zum anderen auch: können.

Wer bezahlt den Mehraufwand?

Viele Gastgeber können dies und sie unterstützen, wo sie können. Ein Engagement im Hintergrund, das für viele Menschen nicht sichtbar ist. Ein Engagement, neben der Arbeit, der Familie. Hinzu kommt der finanzielle Aufwand. In unserem Falle sind es rund 50 Euro mehr pro Woche, die für Lebensmittel und Haushaltswaren ausgegeben werden.

Nicht enthalten ist der Mehraufwand für Strom und Wasser, Ausflüge oder Kleidung, die wir kauften, bevor Irina und Paul da waren, weil der Siebenjährige kaum noch etwas zum Anziehen hatte. Wir sind kein Einzelfall, fast alle Gastgeber stehen auch finanziell für ihre Gäste ein.

Wären Irina und Paul in einer Gemeinschaftsunterkunft, würde die Stadt den Platz bezahlen. In der privaten Unterkunft sind es die Gastgeber, die bezahlen. In Meißen gibt es für Gastgeber fünf Euro pro Person und Tag. In Leipzig gibt es das nicht.

Was es gibt, ist eine gute Vernetzung untereinander. Der neu gegründete Verein Leipzig Helps Ukraine hat eine Telegram-Gruppe für Gastgeber ins Leben gerufen. Dort kann man Fragen stellen, Lösungsmöglichkeiten diskutieren, ein offenes Ohr finden. Zurzeit wird dort eine To-Do-Liste erarbeitet, damit Neu-Gastgeber genau wissen, was in welcher Reihenfolge zu tun ist. Eine FAQ soll die wichtigsten Fragen schon vorab beantworten.

Was bleibt also nach sechs Wochen WG auf Zeit?

Wir haben viel gelernt. Nicht nur über die Ukraine oder darüber, dass die meisten Übersetzungsprogramme für das Mobiltelefon eine kleine Macke haben. Sondern auch über uns. Übers Aushalten, Tolerieren und Hinnehmen.

Wir haben gelernt, wie stark die Zivilgesellschaft sein kann, welches Potenzial in ihr steckt. Auch wenn klar ist, dass es nicht die Aufgabe von Privatpersonen sein kann, tausende Geflüchtete in ihrem Haushalt zu beherbergen. Die Stadt, das Land, der Bund sind in der Pflicht, für menschenwürdige Unterkunft zu sorgen. Nicht erst seit dem Ukraine-Krieg. Menschen aus aller Welt haben das Recht auf eine sichere und würdige Unterbringung. Besonders in der Not.

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