Es ist ein Schnellkurs in Sachen russischer Imperialismus, den auch die Ostdeutschen und die Leipziger derzeit durchlaufen. Noch stecken in vielen Köpfen die Bilder von deutsch-sowjetischer Freundschaft, Völkerfreundschaft und „proletarischem Internationalismus“. Mit Wladimir Putin aber zeigt der alte russische Imperialismus gegenüber der Ukraine sein wahres Gesicht. Höchste Zeit, aus Kiew endlich Kyiv zu machen, findet das Jugendparlament.

Es ist schon erstaunlich, dass diese Debatte in Leipzig bislang nicht geführt wurde, obwohl die Hauptstadt der Ukraine seit 1961 Partnerstadt von Leipzig ist. Denn eine entsprechende Initiative gibt es seit 2018, stellt das Jugendparlament in seinem jüngsten Antrag an den Leipziger Stadtrat fest.

„Seit dem Jahr 2018 fordert das ukrainische Außenministerium, damals mit der Kampagne #KyivnotKiev eine Abkehr von der seit sowjetischen Zeiten nach außen kommunizierten russischen Schreibweise, hin zum Ukrainischen Kyiv“, heißt es im Antrag des Jugendparlaments, der auch auf einen Beitrag von
Veronika Wulf vom 20. März 2022 in der „Süddeutschen Zeitung“ verweist: „Kiew oder Kyiv? Vier Buchstaben für die Freiheit“.

„Viele Ukrainer und Ukrainerinnen nehmen die russische Ausschreibung nicht nur als lapidare Kleinigkeit wahr, sondern als politisches Statement und Unterstützung der russischen Bemühungen, der Ukraine das Existenzrecht abzusprechen. Die Benennung der Kiewer Straße in Leipzig wurde im Jahr 1977 als Ausdruck der tiefen Verbundenheit mit der seit 1961 bestehenden Partnerstadt Kyiv (erneuert 1992) beschlossen“, so das Jugendparlament.

„Zu diesem Zeitpunkt war Kyiv noch ein Teil der Sowjetunion. Die Sowjetunion unterdrückte alle nationalen Bestrebungen der Sowjetrepubliken und förderte die kulturelle, linguistische und politische Dominanz der russischen Sowjetrepublik, deshalb musste sich die Ukraine nach dem Zusammenbruch des Ostblockes ihre Identität in diesen Gebieten zurückerobern. Aus diesen Gründen ist eine Änderung der Praxis überfällig und würde dem Wunsch unserer ukrainischen Verbündeten entsprechen.“

Die Ukraine ist kein russisches Anhängsel

Es wäre ein deutliches Zeichen, das Leipzig damit setzen würde. Auch wenn es für Viele erst einmal ungewohnt ist, da sich auch Anwohner und Medien daran gewöhnt haben, entsprechend der russischen Schreibweise Kiew zu schreiben.

Und auch für viele Ukrainer war das lange Zeit kein Problem. Aber seit Putin immer neue Übergriffe auf ukrainisches Territorium startete (2014 die Krim und Teile des Donbass), wird das Russische zunehmend als Sprache eines Usurpators empfunden. Sein Überfall auf die Ukraine im Februar hat die Schreibweise ukrainischer Städte- und Landschaftsnamen endgültig zum Politikum gemacht.

Auch wenn es natürlich ein Umgewöhnen ist, jetzt die ukrainische Transkription zu nutzen. Andererseits macht sie auch allen, die bislang nicht darüber nachgedacht haben, klar, dass die Ukraine tatsächlich ein eigenständiges Land mit einer eigenen Sprache ist. Jetzt liegt es in der Hand des Stadtrates, ob er dem Antrag alsbald zustimmt.

„Der Stadtrat beauftragt die Stadtverwaltung, bis zum Ende des II. Quartals 2022 bzw. bis zum Anfang des III. Quartals die Kiewer Straße in Leipzig-Grünau/Schönau in Kyiver Straße umzubenennen“, lautet der erste Antragspunkt des Jugendparlaments. Und der zweite: „Ferner beschließt der Stadtrat, dass die Stadt Leipzig von nun an nur noch ukrainische Ortsbezeichnungen für Orte in der Ukraine verwendet.“

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Es gibt 9 Kommentare

@fra
Ich stimme dem voll zu. Nur Symbolpolitik für Leute die sonst nichts besseres zu tun haben. Leipzig ist mit sowas gerne ganz vorne mit dabei. Was ändert denn die Schreibweise letztlich? Nichts. Denn Leipziger Bürger , wenn sie denn den Bezug zur Hauptstadt der Ukraine erkennen, werden nicht den Bezug herstellen, den Ukrainische Bürger herstellen. Der Artikel suggeriert hier ja was anderes.
Greifbare Politik, die den Anwohnern auch was bringt, ist eher nicht so im Fokus. Denke da z.B. an die Grünanlagen in Grünau. Da wurde erst letztes Jahr an der Endhaltestelle der Linie 3 der Weg zum Kulki ,vorbei an ALDI, richtig schön asphaltiert. Eine Pflanzinsel wurde an der Weggabelung zum Parkplatz auch angelegt. Leider wurde der letzte Dreck als Muttererde hingekippt und das Unkraut sprießt in vollen Zügen. Grünanlagenpflege? Fehlanzeige. Warum wurde da überhaupt was saniert, wenn es jetzt kaum besser aussieht wie vorher? Leipziger Schick ist irgendwie nicht der Brüller, zu mindest in Grünau.
Na ja, lieber mal Straßennamen ändern, daß bringt für uns alle so viel. 😉

Mal wieder viel Symbolik, bei einer Stadt die auch den Beiname “Mutter aller russischen Städte” trug.
Übrigens die Umbenennung wurde im Jahr 2018 durch die Online-Kampagne „KyivNotKiev“ des ukrainischen Außenministeriums forciert. Das nur zur Geschichte. Dabei sollte man aber nicht vergessen, nur das Leben zählt.

Sicher sicher, easy peasy lemon squeezy.
Was ist bei einer Umbenennung von Straßen zu tun?
– Schilderwechsel
– Namens-Wechsel in allen Systemen der Stadt (Straßenreinigung, Müllentsorgung, Finanzamt etc.pp)
– Anschriften-Wechsel für alle Anwohner
— Personalausweis / Reisepass (Überklebung alte Anschrift im Bürgeramt)
— Ummeldung bei Banken / Versicherungen (Briefe kommen sonst nicht an, ggf. Versicherungsverlust wg. falscher Anschrift im Schadensfall)
— neue Adresse bei Online-Shops (ansonsten kommen die Pakete nicht mehr an)

Sicher habe ich noch das eine oder andere vergessen, die deutsche Bürokratie vergisst nichts (und nebenbei: diese kann auch nicht zwei Straßennamen gleichzeitig gelten lassen).
Wer hier nur von “schneller Wechsel von ein paar Schildern” spricht, verkennt die Tragweite.

Natürlich ist das alles lösbar. Aber das ist vorher zu bedenken und abzuwägen, ob es die Symbolik einer Umbenennung wert ist und auch entsprechend ehrlich zu kommunizieren.

@Berkant Yilmazsays:
viel Meinung und wenig Ahnung ist da bei Ihnen zu lesen.

Kiew ist die russische Transkription des Kyrillischen Alphabets, Kyiv die ukrainische Transkription ins lateinische.

Dokumente werden nach Ablauf geändert. Das einzige, was sich akut ändert sind die Straßenschilder. Die paar Euronen für ein bisschen lackiertes Blech sollte uns die Anerkennung der ukrainischen Souveränität schon Wert sein

Grundsätzlich verstehe ich das finanziell gesehene Problem bei Straßenumbenennungen nicht.
Warum sollte es nicht möglich sein, für eine Übergangszeit beide Namen zu benutzen?
Also, wenn ein Dokument neu beantragt werden muss, kommt der neue Name rein,
sowie in de Stadtbeleuchtung eine alte durch eine LED-Birne ersetzt wird bei Ausfall.

Wenn ein Imperium seinen Herrschaftsbereich ausdehnt, also in Folge Nationalisten mit Gewalt als Siedler Städte übernehmen und die einheimische Bevölkerung und deren Sprache verdrängen,
wird der Name angepasst, um die Landessprache zu ändern.

Wer weiß, wo Byzanz/Konstantinopel lag? Istanbul sollte bekannt sein.

Hier bekundet das ukrainische Volk in aller menschlichen Tapferkeit, dass es nicht assimiliert werden will. Und wird.
Deshalb das einheimische Kyjiw statt Kijew zu sprechen, ist da glaube ich, eine kleine Mühe.

Die Straßenumbenennung erscheint manchem vielleicht marginal, aber bewusste Wahrnehmung bildet sich auch über die (Aus-)Sprache ab.
Dankeschön dem Jugendparlament fürs Aufmerksam machen und
Kyiv statt Kiew bekommt wohl jeder auch geschrieben hin.

PS: Die Umbenennung der Brnoer in Brünner Straße habe ich damals nicht mitbekommen,
und bis heute nicht verstanden.
Aber vielleicht gibt es hier ja noch jemanden aus 1991, der diese “Verdeutschung” von damals erklären kann?
Leipzig-Lexikon > Straßen > 19. November 1991
Am 19. November 1991 umbenannte Straßen und Plätze
Am 19. November 1991 wurden in Leipzig mehrere Straßen und Plätze umbenannt, die ihren Namen ab 1945 erhalten hatten.
https://www.leipzig-lexikon.de/STRASSEN/U_19911119.htm

Ich fände es klasse wenn die Jugend Spenden für Drohnen sammeln würde. Wie es in Litauen geschieht. Damit hilft man der Ukraine am besten…

Mensch. Die Idee kam von der Jugend, also ist das gut. Verstehen Sie doch!

Ist dem Jugendparlament klar, dass sie die eigene persönliche Auslegung allen anderen Bürgern in Leipzig unterstellen und sogar als Vorwurf formulieren. Eine russische Schreibweise kann ich auch nicht erkennen, da keine kyrillische Buchstaben verwendet werden.
Ich frage mich echt, welcher Leipziger fährt auf der Kiewer Straße und denkt an deutsch-sowjetische Freundschaft? Bin selber in der DDR geboren und aufgewachsen und fahre mehrmals die Woche auf der Kiewer Straße, aber mir ist noch nie in den Sinn gekommen, dass der Straßenname was mit der Hauptstadt der Ukraine zu tun hat. Ganz ehrlich, was soll die Schreibweise an der aktuellen Unterstützung für die Ukraine ändern, zumal die aktuelle Schreibweise der deutschen Aussprache entspricht? Habe auch noch keine Ukrainer in der Straße gesehen, die da ne Demo abhalten. Empfinde das mehr als Sturm im Wasserglas.
Soweit ich das sehe, gibt es keine direkten Anwohner in der Kiewer Straße, denn die würden sich bestimmt über eine Namensveränderung ganz dolle freuen. Für die wäre es wie ein Umzug, wo dann alle persönlichen Dokumente geändert werden müßten. Die Kosten würde bestimmt nicht das Jugendparlament tragen, denn das ist unvermögend, eher gibt es gerne das Geld der anderen aus.

Wenn in Leipzig problemlos Racisten weiter in Straßennamen (mit Schildchen) zu finden sind, könnte man die Umbennungswünsche eines sich aktuell im Krieg befindlichen Landes nicht bis zum Konfliktende zurückstellen? Welchem Kriegsopfer ist mit dem Antrag geholfen? Und von welchen “ukrainischen Verbündeten” und welchem Bündnis ist die Rede? Was kommt als nächstes? Lyudmyla Denisova zum Geschichts- und Diplomatievortrag einladen?
Mein Antrag: Brünner zur Brnoer Straße umbenennen.

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