„Das Wunsch­den­ken, das viele im Westen hegen, hilft nicht. Denn Putins Hass auf den Westen ist gren­zen­los, er braucht ihn zu seinem Macht­er­halt“, schreibt Christoph Brumme. Zwar nicht in diesem Buch, aber auf seinem Blog. Doch wer den Krieg Putins gegen die Ukraine in einer Stadt ganz in der Nähe der Front erlebt, der sieht die Dinge anders – und auch klarer – als viele Kommentatoren in der deutschen Gemütlichkeit.

Seit 2016 lebt der Schriftsteller Christoph Brumme in Poltawa im Osten der Ukraine. Gleich mit den ersten Sätzen in seinem Vorwort macht er deutlich, warum so viele Westeuropäer nicht verstehen, was da im Osten eigentlich vor sich geht: „Im Dezember 1999 reiste ich zum ersten Mal in die Ukraine, nach Donezk in den Donbass, um Kolja zu besuchen, einen ukrainischen Bauarbeiter, den ich in Berlin kennengelernt hatte. Über die Ukraine wusste ich nicht mehr als heutige deutsche Putinisten, die den Ukrainern raten, den Forderungen Russlands nachzugeben und zu kapitulieren.“

Eine „Siegesparade“ in Poltawa?

Da er auch in Russland selbst Erfahrungen gesammelt hat, hat er auch den Vergleich. Das Russland, wie es wirklich ist, geistert schließlich auch durch seine Romane. Und selbst sein Verleger fällt wie aus allen Wolken, als ihm der Kriegsverlauf klarmacht, dass ausgerechnet sein Autor Christoph Brumme immer den klareren Blick auf dieses putinesque Russland gehabt hat. Ein Russland, das von seinen Nachbarn immer als Bedrohung empfunden wurde.

Am 24. Februar ließ Putin lediglich die Katze aus dem Sack und machte seine Denkweise auch für die blauäugigen Westeuropäer sichtbar. Eine Denkweise, die den imperialen Machtanspruch Russlands zum Inhalt hat und nur die eigene Sicht auf die Welt gelten lässt.

Sein Tagebuch lässt Brumme mit dem 25. Januar beginnen. „Mein elfjähriger Sohn Kolja sagt, er möchte dort leben, ‚wo uns die Russen nicht erschießen können‘. Müssen wir fliehen? Wird Putin unser geliebtes Poltawa in Schutt und Asche bombardieren lassen, wie er das schon vor mehr als 20 Jahren mit Grosny gemacht hat?“

Eine Frage, die später, als Putin die Panzer längst hat rollen lassen, wieder auftaucht. Aber es scheint so, als habe sich Putin Poltawa aufgespart, weil er dort seine Siegesparade abhalten wollte. Denn in der russischen Geschichte hat die Schlacht von Poltawa eine enorme Bedeutung.

Hier besiegten die Truppen Peter I. die Truppen des Schwedenkönigs Karl XII.

Und bekanntlich hat Putin ja gerade erst Peter den Großen zu seinem Vorbild erklärt. Auch dessen Skrupellosigkeit, wenn es darum geht, seine Machtinteressen durchzusetzen. Am 26. Januar notiert Brumme: „Mein Freund Oskar ist der einzige meiner ukrainischen Freunde, der schon seit 2014 einen großen Krieg Russlands gegen die Ukraine voraussagt. Putin hat keine Skrupel und wird tun, was er am liebsten tut: Angst und Schrecken verbreiten. Ich hatte Oskar bis vor Kurzem meistens widersprochen.“

Überflüssige Sofa-Ratschläge aus Deutschland

Doch je konkreter der Ausbruch des Krieges wird, umso mehr kippt auch die Stimmung, verschwindet die Hoffnung der Ukrainer, auch diesmal bliebe es bei einer Drohgebärde, als Putin die Panzer an der Grenze auffahren lässt. Gleichzeitig beobachtet Brumme, wie sich die Menschen dennoch Illusionen hingeben – etwa über das russische Volk, das erschrocken sein werde, wenn Putin über die Ukraine herfällt. Aber dazu kennt Brumme auch dieses Russland zu gut, in dem die Medien alle gleichgeschaltet sind, es kein echtes Korrektiv gibt zu den Lügen, in die die Putinsche Propaganda das Land getaucht hat.

Aus der Ferne beobachtet Brumme auch die Diskussionen in Deutschland. Und kann nur den Kopf schütteln, über all die Generäle und Klugscheißer, die da aus warmen Büros orakeln, wie das mit der Ukraine weitergehen könnte. Diese Auguren der Stubengelehrtheit hören ja bis heute nicht auf, den Ukrainern immer neue Ratschläge zu geben. Oder sie gar zum Waffenstrecken zu überreden, „um noch mehr Blutvergießen zu verhindern“.

Was natürlich auch damit zu tun hat, dass Russland – und insbesondere das Putinsche Russland – seit Jahrzehnten verklärt wird. Man glaubt, die eigenen Denkmuster über den einstigen KGB-Mann und seine Kumpane legen zu können – und merkt kaum noch, wie viel Lüge und Propaganda in der Selbstdarstellung der Silowiki steckt, dieser Putingetreuen, die sich seit Putins Machtantritt immens bereichert haben und an allen Schalthebeln der Macht sitzen.

20.000 tote russische Soldaten spielen in ihren Rechnungen keine Rolle, auch 200.000 wohl nicht, stellt Brumme fest. Vielleicht gibt es dann ein paar „weinende Mütterchen“ auf dem Roten Platz, mehr auch nicht. Keine Demonstrationen, keine Proteste. Ganz zu schweigen davon, dass die Umfragen zur Kriegsbejahung der Russen wohl stimmen.

Erfahren haben, wie man in einem autoritären Staat lebt

Brumme weiß, wie es sich in einem autoritären Staat lebt. Er ist in der DDR aufgewachsen. Kennt auch das Rumänien aus der Zeit Ceausescus. Und hat gelernt, wie Propaganda wirkt, wie sie Selbstbilder schafft, von denen die darin Lebenden tatsächlich überzeugt sind, dass die Welt so ist. Und damals gab es immer noch das Korrektiv des Westfernsehens.

Während es im heutigen Russland praktisch kein Korrektiv mehr gibt. Die besten und mutigsten Journalist/-innen des Landes haben ihr Arbeit entweder eingestellt, weil schon auf offene Berichterstattung härteste Strafen stehen. Viele sind auch längst ins Ausland geflüchtet.

Und in der Ukraine war all die vergangenen 30 Jahre erlebbar, wie enorm der Widerspruch ist zwischen einem autokratischen Land wie Russland und seinen Straflagern, die es auch i den „Separatistengebieten“ im Donbass eingerichtet hat, und einem Land wie der Ukraine, das sich in den 30 Jahren immer mehr Europa angenähert hat.

Den Gedanken an Flucht hat er am 20. Februar schon aufgegeben: „Hin und wieder erreichen mich besorgte Anfragen, ob es nicht besser wäre, die Ukraine jetzt zu verlassen. Nein, Kinder, da kennt ihr mich schlecht. Weglaufen, weil der kleine Mann im Kreml dieses kriegerische Spektakel veranstaltet und weil die Kreml-Agitatoren Gift und Galle speien? Mein Gott, das ist alles so armselig und verlogen; das kann keine Zukunft haben.“

Diese Haltung bestätigt er auch am 24. Februar, als die russischen Truppen tatsächlich von drei Seiten über die Ukraine herfallen. Auf einmal sitzt er in Poltawa wie in einer Falle. Aber je länger der Krieg dauert, umso nüchterner schaut er auf das, was um ihn herum geschieht. Erst hört er von den Freunden, die in Kiew im Luftschutzbunker sitzen. Dann lernt er auch die Alarmsirenen und Luftschutzbunker in Poltawa kennen. Am 28. Februar ist er froh, dass seine Frau und sein Sohn noch mit dem Zug nach Westen entkommen sind.

Ohne Angst funktionieren Diktaturen nicht

Jetzt muss er das allein durchstehen. Und setzt sich auch ein, unterstützt Hilfstransporte und sorgt sich beim Blick aus dem Fenster um die Soldaten der ukrainischen Armee: „Unsere Jungs liegen draußen in der Kälte.“ Am 8. März notiert er die Diskussion mit seinem Verleger, dem es sichtlich schwerfällt, den Sinn hinter Putins Krieg zu verstehen. Und tatsächlich ist dieser Krieg aus der Sicht von Demokratie und friedlichem Miteinander völlig sinnlos.

Sinn ergibt das nur, wenn man sich wie im oben zitierten Satz hineinversetzt in einen kleinen Tyrannen, der zur Stabilisierung seiner Macht unbedingt einen übermächtigen ausländischen Gegner braucht, der im eigenen Land zum ewig bedrohlichen Schreckgespenst aufgeblasen wird. Angst machen nach innen und Angst verbreiten nach außen, so funktionieren diese Diktaturen.

Und all die netten europäischen Gesprächsangebote – für die Katz.

Am 4. April verleiht er ganz eigenmächtig die Goldene Ananas an den „Spiegel“, der stillschweigend endlich seine Karte vom Kriegsverlauf korrigiert hat und Poltawa endlich als nicht von den Russen besetzt markiert hat. Das ist längst die Zeit, in der er mit ukrainischen Freunden darüber diskutiert, wie lange dieser Krieg dauern wird? Ihnen ist längst klar, dass Putin nicht zurückstecken wird und schon gar nicht zugeben, dass er seine Kriegsziele nicht erreicht hat, auch nicht mit den Europäern über einen Waffenstillstand verhandeln wird.

Ein Mann wie Putin denkt so nicht, was in einem der letzten Tagebucheinträge sichtbar wird, in dem Brumme sich mit Bimbo, Mitglied der Poltawer Kultband „Pilzzwiebel“ unterhält, der einst in der Luftwaffe gedient hat und weiß, was der Begriff „Spezialoperation“ tatsächlich bedeutet.

Denn der ist keine Verharmlosung für das Wort „Krieg“. „Aber eine Spezialoperation ist eine klar definierte militärische Kategorie, die eine riesige, eingeübte Maschine in Gang setzt. Der Führer hat das Ziel festgelegt, hat die Spezialoperation befohlen. Dieses Ziel wird mit allen verfügbaren Mitteln erreicht werden. Es gibt nichts, was den Erfolg verhindern kann. Die Zahl der Opfer oder Kritik aus dem Ausland interessieren bei der Planung und Durchführung der Spezialoperation überhaupt nicht.“

Nationenwerdung im Schnelldurchlauf

Das schreibt er am 26. April, eine Zeit, als westdeutsche Politiker immer noch glauben, sie könnten Putin mit Telefongesprächen zum Einlenken bringen.

Was nur eine Kehrseite hat, die in den Köpfen von Diktatoren nie einen Platz findet: Wie verändert sich eigentlich das Land, das man mit so eine „Spezialoperation“ glaubt in die Knie zwingen zu können? Was passiert mit den Menschen, die dageblieben sind und jetzt auf einmal alle lernen, für „ihr Haus“ zu kämpfen?

„Nationenwerdung im Schnelldurchlauf“, schreibt Brumme im letzten Notat vom 1. Mai. Oder so, wie er es von den Menschen in seiner Umgebung immer öfter hört: „Unser Haus ist überall“.

Eine Denkweise, die die noch im Frieden lebenden Westeuropäer nur langsam verstehen, auch wenn die Hilfsbereitschaft groß ist und immer mehr zu begreifen scheinen, dass es tatsächlich auch unsere Demokratie, unsere Freiheit und unser Frieden sind, die Putin da in der Ukraine niederwalzen will. Denn selbstbewusste Nationen an der eigenen Landesgrenze, die sich von Russland nicht erpressen und bevormunden lassen, das ist das, was die Leute in Putins Denkblase nicht akzeptieren können. Nichts passt so wenig in die Vorstellungswelt dieser alten Geheimdienstagenten wie freie, unabhängige Menschen.

Und auch wenn Christoph Brumme nach diesen ersten Wochen weiß, was Grauen ist und wie sich der Alltag in einem Krieg anfühlt, werden seine Einträge nie schrill und verzweifelt. Meist sind sie lakonisch, merkt man, wie aufmerksam er beobachtet was um ihn und mit ihm geschieht.

„Als junger Intellektueller neigte ich eher zu Zynismus“, vermerkt er am 15. April. „In der Ukraine habe ich gelernt, dass freiwilliges Arbeiten für die Gemeinschaft gelebte Solidarität ist.“ Etwas, was wir in unserer vom Individualismus und Egoismus befeuerten Wohlstandsblase fast schon vergessen haben. Diese ganz simple Erkenntnis: „Verteidigen und retten kann ich mich aber nicht allein, also muss ich denen helfen, die das für mich tun.“

Wenn man so auf das schaut, was in der Ukraine geschieht, merkt man auch beiläufig, dass das ebenso auch für uns hier im sicheren Hafen gilt. Im scheinbar sicheren Hafen. Denn natürlich hat Brumme recht, wenn er für sich schon für das Jahr 1989 in Anspruch nimmt, damals gesagt zu haben, dass damit keineswegs das Zeitalter der Kriege endet. Solange Typen wie Putin an die Hebel der Macht kommen, wird es Kriege geben. Denn Kriege sind ihre Machtdemonstration.

Momente des Glücks in Zeiten von Krieg

Aber wie geht ein Schriftsteller um mit dem täglichen Grauen? Das Eigentliche vermerkt Brumme am 11. April: „Gestern im Interview mit Radio Bremen wurde auch nach der Angst gefragt. Mein Rezept gegen dieses Gefühl, das ich nicht zulasssen will, ist tatsächlich positives Denken. ‚Momente des Glücks im Krieg‘ festzuhalten, das ist eine Aufgabe, die mich fasziniert. Ich will eine Serie darüber scheiben. Ich will (schreibend) das Leben feiern, nicht zitternd im Bunker hocken.“

Und er merkt auch, wie wichtig das auch den Ukrainern ist, dass er dageblieben ist. Als Deutscher, der keine Probleme hätte, einfach wieder nach Berlin zu gehen, in Sicherheit. Und auch das bringt er im Vorwort ganz lakonisch auf den Punkt: „Ukrainer wollen auch keine Rache für die ‚Niederlage im Kalten Krieg‘. Sie fühlen sich nicht als auserwähltes Volk, sie wollen keine Nachbarn überfallen und ihnen ihre Sprache und Kultur aufzwingen. Sie wollen einfach nur in Frieden leben.“

Christoph Brumme Im Schatten des Krieges, Hirzel Verlag, Stuttgart 2022, 15 Euro.

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