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Auch Sachsen braucht endlich eine ehrliche Drogenpolitik

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    Am Freitag, 26. Juni, war ganz offiziell Weltdrogentag. Den Tag hat 1987 die Generalversammlung der Vereinten Nationen festgelegt, um ein Zeichen gegen Drogenmissbrauch zu setzen. Tatsächlich heißt der Tag "International Day against Drug Abuse and Illicit Trafficking", eine Formel, die sogar Wikipedia nur ungenau mit "Tag gegen Drogenmissbrauch und unerlaubten Suchtstoffverkehr" übersetzt. Hat das in Sachsen jemanden beschäftigt am Freitag?

    Zumindest die Piraten, die das Thema so nüchtern betrachten, wie es wenige andere tun. Auch Wikipedia nicht. Denn die falsche Übersetzung nimmt gerade das aus der Formel, was das Thema Drogenmissbrauch so folgenschwer macht: den illegalen Handel  (Illicit Trafficking). Denn hier wachsen die kriminellen Energien – nicht beim Drogenmissbrauch. Der Drogenmissbrauch ist eine der größten Lügen, die die bürgerlichen Gesellschaften des Westens vor sich hertragen.

    Denn sie sind unfähig, sich einzugestehen, dass die ganze Gesellschaft von Süchten durchwachsen ist und nur die Unterscheidung illegal oder legal dafür sorgt, ob daran hoch gelobte Großkonzerne der Zuckerindustrie, der Pharmabranche, der Alkoholindustrie, der Game-Industrie oder anderer, völlig auf Suchtbefriedigung geeichte Konzerne profitieren (und das Bruttoinlandsprodukt aufmischen), oder ob die Umsätze von mafiösen Großorganisationen gemacht werden.

    Eigentlich hätte das Kapitel Prohibition in den USA, als der Handel mit Alkohol von 1919 bis 1933 verboten war, die Gesellschaften des Westens aufklären müssen darüber, was passiert, wenn man einen Stoff illegal macht und die Dealer mit staatlicher Gewalt verfolgt: Dann werden Herstellung und Vertrieb in den Untergrund verlegt und mafiöse Netzwerke verdienen sich nicht nur dumm und dämlich, sie beginnen auch, die Gesellschaft zu korrumpieren. Der Aufstieg der italienischen Mafia in den USA ist aufs engste mit der Prohibition verbunden.

    Und wer sich auch nur ein bisschen mit den Folgen der repressiven Drogenpolitik des Westens beschäftigt, der weiß, dass der gleiche Effekt auch im Zusammenhang mit dem Verbot „harter Drogen“ einherging. Es sind milliardenschwere Netzwerke der Organisierten Kriminalität, die die Märkte für Crystal, Kokain, Heroin und all die anderen sanktionierten Drogen beherrschen. Denn sie alle können sich auf existierende und hungrige Märkte verlassen: Süchte sind ein elementarer Bestandteil der westlichen Gesellschaften (anderer Gesellschaften wahrscheinlich auch). Und so handeln sich die Regierungen, die auf die Drogengefahr nur mit Sanktionen und Restriktionen reagieren, nicht nur die Kosten für die Folgen des Drogenmissbrauchs ein (denn je teurer das Zeug ist, umso einfallsreicher werden die Dealer, die Ware illegal ins Land zu schaffen), sie geben auch noch unnötig viel Geld für die am Ende erfolglosen Restriktionen aus. Dafür sind dann die Meldungen eines sächsischen Innenministers voller kraftmeierischer Formeln wie „Kampf gegen Drogen“ und „Härte zeigen“.

    Härte, die das Problem nicht mindert, ist Schwachsinn.

    Daran erinnerten am Freitag zumindest mal die sächsischen Piraten. „Ja, wir müssen den Drogenmissbrauch und den illegalen Verkehr mit Drogen bekämpfen“, erklärten sie. Nahmen aber nicht die übliche kraftmeierische Wendung, mit der deutsche Innenminister so tun, als könnten sie die Schlacht in der Finsternis irgendwann gewinnen. Erfolg kann ein Kampf nur haben, so die Piraten, „indem wir die Menschen zu einem verantwortungsvollen Gebrauch von Genussmitteln befähigen und dem organisierten Verbrechen durch konsequente Legalisierung von der Erzeugung bis zum Verkauf den Boden entziehen.“

    Auch die Leipziger kennen ja die in Wellen aufkommende Kraftmeierei, wenn mal wieder große Drogenfunde oder Polizeirazzien im Drogenmilieu für Furore sorgen und die einschlägigen Politiker, die immer irgendetwas fordern – Schulterschluss, Bekenntnis, Härte oder ähnlich billige Ramschware – noch mehr Einsatz gegen Drogen wollen, ein „Austrocknen des Sumpfes“ oder gar „mehr Einsatz der Stadt“ gegen Drogenmissbrauch.

    „Das konsequente Verbot von Drogen als Mittel der Bekämpfung der Auswirkungen dieser ist komplett gescheitert“, erklärt Marcel Ritschel, Generalsekretär der Piratenpartei Sachsen. „Wir müssen endlich neue Wege gehen. Der Mensch will sich berauschen und nur mit einem verantwortungsvollen Umgang mit Suchtmitteln hilft man den Menschen. Durch die Drogenprohibition werden sie in die Kriminalität getrieben und bekommen kaum Hilfe. Die jetzige Politik ist gescheitert und erfordert ein Umdenken. Eine Legalisierung weicher Drogen zum Beispiel wäre ein guter Anfang.“

    Ritschel steht mit dieser Forderung nach Legalisierung von Cannabis nicht allein da.

    Juristen und Polizisten hatten zuletzt vermehrt eine Legalisierung von Drogen, vor allem von Cannabis gefordert.

    Umso schlimmer wiegt aus Sicht der Piraten der aktuelle Drogenbericht der Bundesregierung. In diesem heißt es: „Darüber hinaus wird Cannabis viel zu häufig verharmlost.“ Ein Satz, den Ritschel so kommentiert: „Eine vollkommen substanzlose Behauptung. In einem Bericht, in dem von 1,8 Millionen Alkoholabhängigen gesprochen wird – einer Droge die ich für 0,50 Euro fast überall erwerben kann – zu behaupten, man würde gerade Cannabis verharmlosen, ist fast schon ein schlechter Witz“.

    Und ganz sicher wird niemand behaupten können, dass die Millionen Suchtsuchenden in Deutschland, die eher auf die legalen Drogen Alkohol, Spiele, Nikotin oder diverse Aufputschmittel aus der Apotheke zurückgreifen, mit ihrer Sucht besser umgehen können als all die, die mit illegalen Drogen ihren Kick suchen. Zum Stichwort „Kick“ nennt selbst Wikipedia noch ein paar andere Dinge, die selbst in scheinbar seriösen Medien angepriesen werden, als würden sie zum ganz normalen menschlichen Selbstverständnis gehören: Basejumping, Klippenspringen, Bungeejumping, Balconing – alles Dinge, die Menschen tun, um einen ordentlichen Adrenalinstoß, einen „Adrenalin Kick“ zu bekommen. „Die Ausschüttung von Endorphinen versetzt in einen lustvollen Rauschzustand.“

    Ist das nicht schizophren, wenn einerseits der Kick als Extremerlebnis und Grenzerfahrung geradezu gefeiert und als „Sport“ begriffen wird, der durch (illegale) Rauschmittel erzeugte Kick aber als zu bekämpfen erachtet wird?

    Mal ganz die Frage beiseite gelassen, was passieren würde, wenn es keine Suchtmittel gäbe in einer Gesellschaft, die die Sucht geradezu zur wirtschaftlichen Triebkraft gemacht hat – denn nichts anderes steckt hinter dem stets gepredigten „Höher, schneller, weiter“.

    Tatsächlich lügen sich die Gesellschaften des Westens selbst in die Tasche, wenn sie glauben, Süchte bekämpfen zu können …

    … während man andere Süchte wie die Nikotinsucht oder den Geschwindigkeitsrausch geradezu schwelgerisch genießt. Erwachsen wird eine Gesellschaft nur, wenn sie lernt, mit ihren Süchten bewusster umzugehen. Man beherrscht sie nicht, wenn man sie verdrängt. Und sie verschwinden auch nicht, wenn man sie in die Illegalität verbannt.

    Die Piraten nutzten am Freitag die Gelegenheit, eine ideologiefreie, wissenschaftlich fundierte Neubewertung der existierenden psychoaktiven Substanzen und Suchtmittel nach ihrem tatsächlichen Abhängigkeits- und Schädigungspotential zu fordern. Denn in Sachen Drogen stellen sich Europas Regierungen zumeist viel blinder, als sie vom Wissensstand her eigentlich sind: Umfangreiche Studien belegen, dass Tabak und Alkohol zu den zehn gefährlichsten Drogen neben z.B. Heroin und Kokain zählen. Cannabis steht dagegen erst an elfter Stelle.

    Und dann bleiben immer noch die eigentlichen Gefährdungen dadurch, dass man den Drogenmarkt illegalisiert und damit auch jeder Kontrolle entzogen hat. Was der organisierten Kriminalität erst Tür und Tor geöffnet und am Ende auch die Milliardenumsätze verschafft hat, die diesen Netzwerken am Ende auch gesellschaftliche und politische Macht verschaffen. Denn dann muss nicht nur eine Menge Geld gewaschen werden, dann wird auch emsig geschmiert und bestochen – der Korruption ist der Boden bereitet.

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