Junge Leipziger Gesundheitsarbeiter protestieren vorm Steigenberger Hotel gegen das deformierte Gesundheitssystem

Für alle LeserAm 5. und 6. Juni trafen sich die deutschen Gesundheitsminister in Leipzig zu ihrer 92. Konferenz. 92 Konferenzen und trotzdem ein Gesundheitssystem, das sein Personal verschleißt und die Patienten nur noch als „Fälle“ behandelt. Der Solidarisches Gesundheitszentrum Leipzig e.V. nutzte die Veranstaltung, um unter dem Hashtag #blutigentlassen vor dem Steigenberger Hotel drastisch die Fehlentwicklung im deutschen Gesundheitssystem vor Augen zu führen.

Am Mittwoch, 5. Juni, versammelten sich ab 16 Uhr etwa 30 Personen auf dem Augustusplatz, um sich zu verkleiden und Schilder zu basteln. Um 17 Uhr ging es in einem langsamen Marsch durch die Innenstadt, am Steigenberger Hotel vorbei bis zum Marktplatz. Als „frühzeitig Entlassene“ oder vernachlässigte Patient/-innen verkleidet liefen die Beteiligten mit vor Erschöpfung hängenden Köpfen, bis sie schließlich auf dem Marktplatz nach und nach zusammenbrachen. Passanten wurden durch Flyer informiert und in Gespräche über das Gesundheitssystem verwickelt. Um 18:30 Uhr war die Aktion beendet.

Hannah Boll von diesem als Poliklinik Leipzig initiierten Projekt sagt dazu: „Unser Gesundheitssystem richtet sich zunehmend an den ökonomischen Interessen von Klinikbetreibenden und Pharmakonzernen aus. Dies führt zu vernachlässigten Patient/-innen und überlastetem Krankenhauspersonal. Wir fordern eine Gesundheitspolitik, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht!“

Immer weiterführende Sparmaßnahmen in der Personalpolitik der Krankenhäuser führen dazu, dass Pflegekräfte immer weniger Zeit pro Patient/-in haben und unter immer schlechteren Arbeitsbedingungen arbeiten müssen. Pausenregelungen sowie Dienst- und Ruhezeiten werden oft nicht eingehalten.

Hierdurch bleibt die so wichtige Fürsorge für die Patient/innen meistens auf der Strecke. Oftmals fehlt zu allererst die Zeit für z. B. in Ruhe Essen anreichen, regelmäßige Körperpflege, gemeinsames Aufstehen und Mobilisieren der Patient/-innen oder einfach Gespräche in oft schwierigen und von Ängsten begleiteten Lebensphasen, zählt die hinter „Poliklinik Leipzig“ stehende Initiative ihre Kritikpunkte am „marktfähig“ gemachten Gesundheitssystem auf. Denn hinter „Poliklinik Leipzig“ steckt der Solidarisches Gesundheitszentrum Leipzig e.V.

Das ist nach eigener Mitteilung „eine bunte Gruppe aus Einzelpersonen mit verschiedensten beruflichen Perspektiven – z. B. Physiotherapie, Human- und Zahnmedizin, Jura, Informatik, Soziale Arbeit, Pflege uvm. Unser Ziel ist die Gründung eines Stadtteilgesundheitszentrums im Leipziger Osten. Weil das ein ziemlich komplizierter Name ist, nennen wir uns StaGeZ. (Klingt nicht schön, ist aber so.) Im StaGez sollen viele verschiedene Bereiche eng zusammenarbeiten. Wir denken momentan an Allgemeinmedizin, Kindermedizin, Psychotherapie, Sozialberatung, Rechtsberatung, aber auch an einen Garten, Bewegungsangebote, Selbsthilfegruppen, ein Café und noch so vieles mehr!“

Diese jungen Leipziger wollen zumindest das besser machen, was in ihren Möglichkeiten steht.

Die Aktion #blutigentlassen auf dem Naschmarkt. Foto: Poliklinik Leipzig

Die Aktion #blutigentlassen auf dem Naschmarkt. Foto: Poliklinik Leipzig

Aber sie können die Fehlentwicklungen im Gesundheitssystem nicht korrigieren.

Und an diesen Fehlentwicklungen haben jetzt mehrere Generationen von Gesundheitsminister/-innen gearbeitet.

Das Hauptproblem ist die sogenannte Fallpauschale: „Durch Einführung der Fallpauschale wird die Dauer des stationären Aufenthaltes durch eine gegebene Diagnose und nicht den eigentlichen Gesundheitszustand bestimmt. Ist die obere Verweildauer erreicht, droht eine frühzeitige ‚blutige‘ Entlassung. Oftmals kann hierbei, gerade bei einem großen Anteil älterer Patient/-innen, nur wenig Rücksicht darauf genommen werden, wie gut diese allein zuhause zurechtkommen, ob sie es bereits selbstständig auf die Toilette schaffen und wie sie zuhause versorgt sind. Darüber hinaus werden Behandlungsentscheidungen immer häufiger aufgrund von ökonomischen Gründen getroffen. Hierdurch besteht in Deutschland eine deutliche Überversorgung vieler invasiver Maßnahmen ohne sichere medizinische Überlegenheit dieser Verfahren (wie z. B. Herzkatheter, Operationen).“

Als Extrembeispiel nennen die Akteure des Solidarischen Gesundheitszentrums die Geburtshilfe. Hier macht sich das ökonomische Prinzip besonders bemerkbar: Während eine natürliche Geburt ca. 1.500 Euro erbringt, gibt es für einen Kaiserschnitt ca. 3.000 Euro. Dieser ist jedoch deutlich planbarer und weniger zeitintensiv. In Anbetracht der personellen und zeitlichen Kapazitäten, die jeweils nötig sind, ist ein Kaiserschnitt für eine Klinik häufig lukrativer.

„Wir fordern deshalb eine bedarfsorientierte Medizin, welche sich nicht nach wirtschaftlichen Interessen, sondern denen der Patient/-innen richtet. Es müssen einheitliche Personalschlüssel eingeführt werden um eine gute Patient/-innenversorgung zu gewährleisten und die Gesundheit der Angestellten zu schützen“, formulieren die Akteure des Solidarischen Gesundheitszentrums ihr Anliegen.

Kurz vor Toresschluss legt die Gesundheitsministerin ein Maßnahmepaket zur Ärztegewinnung vor

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