Was fehlende Notärzte mit Hilfsfristen im Rettungsdienst in Sachsen zu tun haben

Jeder vierte Einsatz in Leipzig schafft die Hilfsfrist von 12 Minuten nicht

Für alle LeserWenn Stiftungen wie die Bertelsmann-Stiftung oder konservative Gesundheitspolitiker anfangen, über ein zu opulentes Krankenhaussystem zu reden, dann sollten die Bürger hellhörig werden. Denn dann wird die nächste Runde eingeleitet, die Gesundheitsversorgung noch weiter auszudünnen und die Renditen privater Konzerne zu steigern. Dass schon vorhergehende Privatisierungen und Einsparmaßnahmen erst zu den beobachteten Mangelerscheinungen geführt haben, wird dann meist verschwiegen. Das gilt auch für die Ärzteversorgung in Sachsen.

Menschen werden eigentlich gern Arzt oder Pflegekraft. Nirgendwo kann man anderen Menschen so direkt zur Hilfe eilen. Aber nicht nur die einst verehrten Landärzte werden rar, weil junge Leute das Risiko einer Landarztpraxis nicht mehr eingehen wollen, auch die Notärzte fehlen. Die jahrelang erprobte Einsparpolitik auf Kosten des medizinischen Personals zeigt jetzt ihre Folgen. Und die bedeuten gerade in den ländlichen Räumen eine spürbare Verschlechterung der medizinischen Versorgung.

Und auch die gefeierten Rettungsleitstellen helfen nicht. Selbst in Leipzig kommen die Rettungsfahrzeuge immer später zum Notfall. Nach denen hatte die Linksfraktion im Landtag schon 2016 gefragt und entsprechend ernüchternde Antworten erhalten.

Aber dass die Rettungswagen oft so spät kommen, liegt eben auch daran, dass oft das verfügbare Kontingent an einsatzbereiten Notärzten fehlt. Auf 45.417 Notfalleinsätze ohne Notarzt kamen in Leipzig 2018 eben auch 25.555 Einsätze mit Notarzt. Das ist eine ganze Menge. Dafür braucht man ein ganzes Team einsatzbereiter Notärztinnen und Notärzte.

Danach hat die gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion Susanne Schaper jetzt einmal gesondert gefragt. Auch die Antwort, die sie darauf bekam, bestärkt nun ihre Sorge. Das kann nicht dauerhaft gutgehen.

„Die Zahl der unbesetzten Zwölfstunden-Notarztdienste hat im Vergleich zum Vorjahr zwar abgenommen, liegt aber mit 1.297,5 immer noch über dem Wert von 2015, nämlich 1.153 (siehe Große Anfrage ,Rettungsdienst und Notfallmedizin im Freistaat Sachsen‘, Parlaments-Drucksache 6/4892 von 2016)“, stellt Schaper fest.

„Besonders gravierend: Eigentlich soll die Hilfsfrist von zwölf Minuten laut gesetzlich begründetem Sächsischem Landesrettungsdienstplan, Punkt 5.2., in 95 Prozent aller Notfälle eingehalten werden. Diese Quote wird aber in ganz Sachsen unterschritten. Besonders tragisch ist die Situation im Landkreis Leipzig, wo die Hilfsfrist nur in rund 65 Prozent der Fälle eingehalten werden konnte. Doch auch im Landkreis Nordsachsen (70,45 Prozent, 1. Halbjahr 2018) oder in der Stadt Leipzig (73,90 Prozent, 2. Halbjahr), den Landkreisen Görlitz (75,11 Prozent), Meißen (76,01 Prozent) und Bautzen (76,45 Prozent, alle 2. Halbjahr 2018) kann man nur hoffen, dass niemand einen lebensbedrohlichen Notfall erleidet. Denn in einem solchen zählt jede Sekunde.“

Die Hilfsfristeinhaltung der Träger des Rettungsdienstes im 2. Halbjahr 2018 in der Übersicht:

1. Rettungszweckverband Südwestsachsen 91,36 %

2. Landeshauptstadt Dresden 90,36 %

3. Landkreis Mittelsachsen: 86,35 %

4. Landkreis Sächsische Schweiz – Osterzgebirge 83,16 %

5. Rettungszweckverband Chemnitz-Erzgebirge 83,12 %

6. Landkreis Bautzen 76,45 %

7. Landkreis Meißen 76,01 %

8. Landkreis Görlitz: 75,11 %

9. Stadt Leipzig 73,90 %

10. Landkreis Nordsachsen 72,88 %

11. Landkreis Leipzig: 65,78 %.

Das Thema kocht nun schon seit ein paar Jahren vor sich hin und wurde auch durch den millionenteuren Neubau zentraler Rettungsleitstellen nicht erledigt, im Gegenteil: Die versprochenen Effekte blieben eigentlich aus. Man hat zwar gebündelt und zentralisiert – aber dass es am Ende medizinisch ausgebildete Fachkräfte sind, die ausrücken müssen, wird fast immer vergessen.

„Wie schon die Große Anfrage ,Rettungsdienst und Notfallmedizin im Freistaat Sachsen‘ offenbarte, scheint die Staatsregierung wenig Interesse zu haben, daran etwas zu ändern“, kommentiert das Susanne Schaper. „Statt selbst aktiv zu werden und Initiativen zu ergreifen, schiebt man den schwarzen Peter den Rettungsdiensten zu und tut nichts, um diese zumindest bei der Einhaltung der Hilfsfristen zu unterstützen. Man hätte auch nur unserem damaligen Entschließungsantrag zustimmen können, um zumindest den Willen zu zeigen, etwas an der Situation ändern zu wollen. Den haupt- und ehrenamtlich tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Rettungsdienste, Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitätern sowie Notärztinnen und Notärzten gilt unser Dank für ihre ständige unermüdliche Einsatzbereitschaft. Sie lässt die Staatsregierung im Stich, ebenso wie die Menschen, die auf dringende Hilfe angewiesen sind.“

Abseits der Großstädte können hunderte Notarzt-Schichten nicht mehr besetzt werden

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