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Märchenstraße: Frankfurt – Steinau – Leipzig – Tono/Japan. Grimms Märchen kennt man überall

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    Protzig stehen sie da, und ein Hauch Romantik umgeistert ihre Zinnen, Tore, Bäume und Parks von Schlössern, Burgen und Herrenhäusern, selbst dann noch, wenn sie längst verlassen sind. Manches Haus zeigt neuen Putz, frische Farbe, ausgebesserte Details an Skulpturen, Fenstern und Fassaden. Glück haben sie gehabt, diese alten Bauten, wenn sich jemand um sie kümmert.

    Manche Tore sind verschlossen, Schilder warnen vor wachenden Hunden. Anderswo sind Besucher willkommen und schauen sich um (wie L-IZ.de),  staunen oder lassen sogar ihre Fantasie spielen…

    Was war eher da? Wege und Straßen oder Burgen und Bastionen? Entstanden die Rastplätze dort, wo Leute entlang zogen, als Boten, Handwerker, Händler, Pilger, Krieger, Heimkehrer? Oder suchte man unterwegs bekannte Orte auf? Jedenfalls trugen die Rastplätze zur Entwicklung der Siedlungen und Städte bei. Mit dem Menschen zogen Waffen, Nahrungsmittel, Güter und Kultur durch die Lande. Und Neuankömmlinge bringen Neuigkeiten mit. Auf der Seidenstraße war längst nicht nur Seide unterwegs. Sogar die Via Regia zwischen Frankfurt und Kiew kann man sich weiterdenken in Richtung Seidenstraße.

    Dieser Tage kam eine Nachricht aus dem japanischen Tono, weitergeleitet aus Steinau an der Straße nach Leipzig: den Brüdern Grimm und dem Ort ihrer Kindheit, Steinau an der Straße, ist in Japan eine Ausstellung gewidmet worden!

    Tono/Japan: Neben Exponaten und Dokumenten aus dem Brüder-Grimm-Haus werden Fotografien aus dem hessischen Steinau gezeigt in interessanten hellen und variablen Ausstellungs-Wechsel-Vitrinen. Japaner kennen Märchen und die Grimm-Art Märchen zu erzählen. Foto: Karsten Pietsch
    Tono/Japan: Neben Exponaten und Dokumenten aus dem Brüder-Grimm-Haus werden Fotografien aus dem hessischen Steinau gezeigt in interessanten hellen und variablen Ausstellungs-Wechsel-Vitrinen. Japaner kennen Märchen und die Grimm-Art Märchen zu erzählen.
    Foto: Karsten Pietsch

    Wir machen einen Ausflug aus dem Märchenwald des Leipziger Weihnachtsmarkts im trockenen Brunnen vor dem Opernhaus und vom ganzjährig präsenten Märchenbrunnen mit Hänsel und Gretel am Leipziger Dittrichring nach Steinau, Richtung Frankfurt am Main, hinter Fulda und vor Hanau.

    Volksmund und Märe

    Ahnentafeln und Besitztümer zeigen die Jahreszahlen von Herrschaftsansprüchen. Volksmund lebt ewig. Märe, oder – feiner, freundlichter, verinnerlichter – Märchen, werden über Generationen weitergegeben. Illustrationen helfen dabei, sich ein Bild zu machen. Und seien es die Figuren im Märchenwald auf Weihnachtsmärkten. Wobei die Leipziger Hauptdarsteller schön anzusehen, und sogar die Bösewichter scheinbar nette Typen sind. Nur die beiden Grimms scheinen auf Ewig verdammt zu sein, statt als Individuen Jacob (1785-1863) und Wilhelm (1786-1859) meist nur brüderlich erwähnt zu werden. Nie sollen die beiden als Brüder Grimm unterzeichnet haben, der Ausdruck Gebrüder Grimm ist Volksmund.

    Steinaus Märchenschloss ist das Amtshaus

    Zwar hat Steinau ein Schloss, derzeit sogar mit einer Grimm-Sonderausstellung. Doch das alte Amtshaus mit dem Amtshof war eine echte Adresse von Familie Grimm. Vater Philipp Wilhelm Grimm, als Pfarrersohn 1751 in Steinau geboren, wurde 1791 als Amtmann von Hanau nach Steinau versetzt. In Hanau wurden die Brüder geboren, wuchsen dann in Steinau so weit auf, dass sie Märchen erzählt bekommen und verstehen konnten.

    Es blieb nicht ohne Folgen: die beiden Brüder sammelten fortan Märchen und überhaupt die Wörter der deutschen Sprache in ihrer Entwicklung. „Grimms Wörterbuch“ wird selbst dann noch lange ein Nachschlagewerk sein, wenn schon Lexika-Buch-Ausgaben-Redaktionen ihre Arbeit eingestellt haben. Und was bei den Grimms nicht steht, das gab’s gar nicht…. Ach was, Wikipedia weiß alles und immer weiß es einer besser…. Aber man kann ja dann immer noch mal ins Buch gucken.

    In Steinau an der Straße lässt man sich tagsüber herumführen vom Gestiefelten Kater, der bösen Fee und anderen vermeintlich märchenhaft vertrauensseligen Gestalten. Damit nimmt die Tourismus-Zentrale den Besuchern auch einige Vorurteile weg und schult das Zuhören. Bertolt Brecht hätte gleich von der „Zuschaukunst“ gesprochen und der Möglichkeit, die Dinge eben einmal anders sehen zu können.

    Von Kronen, Königen und Krönungen, Macht und Mächtigen, darf im Thronsaal geträumt werden.... Foto: Karsten Pietsch
    Von Kronen, Königen und Krönungen, Macht und Mächtigen, darf im Thronsaal geträumt werden…. Foto: Karsten Pietsch

    Steinaus Leipziger Straße

    Heute liegen das Brüder Grimm-Haus und das benachbarte Museum Steinau natürlich an der Brüder Grimm-Straße. Früher hieß sie Leipziger Straße. Rund 30 Fuhrwerke sollen es gewesen sein, die jahrhundertelang hier abends eintrafen und morgens weiterzogen, erzählt Museumsleiter Burkhard Kling. Man erkenne bisweilen noch die Standplätze, sagt er. Ein Stück altes Straßenpflaster mit eingedrückten Wagenspuren wurde anderswo gefunden und wird nun im alten Amtshof aufbewahrt. Ein Hoppelpflaster ohnegleichen… Längst führt eine neue Leipziger Straße an der Stadt Steinau vorbei. Und trotzdem geht ein Weg durch die romantische Altstadt hindurch. Wie auch in Gelnhausen, ein paar Kilometer weiter. Dort prangt an alten Gemäuern in der engen Gasse ein Schild wie ein Verkehrszeichen:

    „Von Leipzig an der Pleisse,
    bis Franckfurtt an den Main,
    wirds auf der gantzen Strasze
    die engste Stelle sein.“

    Die Grimms und Steinau japanisch!

    Dieser Tage wurde eine Ausstellung über die Stadt Steinau an der Straße und Familie Grimm in Japan eröffnet. Eine Schau über Märchen in Japan gab es schon vorher im hessischen Grimm-Museum, denn die Grimms waren Vorbilder für japanische Märchenerzähler und -sammler.

    Kunio Yanagita (1875-1962), Volkskundler, gab 1910 eine Sammlung „Tono Monogatari“ heraus mit volkstümlichen Texten, die er von dem aus Tono stammenden Schriftsteller und Märchensammler Kizen Sasaki (1886-1933) gehört hatte. Sasaki gilt sogar als „der japanische Grimm“, berichtet der Steinauer Museumsleiter Burkhard Kling, der bei einem Kongress über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Märchen und der Märchensammler in West und Ost in Japan schon über die das heutige Leben rund um das Erbe der Brüder Grimm referierte: „Beide Japaner kannten die Märchen- und Sagensammlungen der Brüder Grimm und versuchten, in deren Stil zu arbeiten. Mit der Herausgabe der ‚Geschichten aus Tono’ wurde in Japan das Sammeln und Edieren von Volksmärchen begründet, viele Märchen wurden erstmalig niedergeschrieben und einem großen Leserkreis zugänglich gemacht. Die Brüder Grimm und ihre Märchensammlung hatten dabei eine Vorbildfunktion.“

    Rotkäppchen und dem Wolf ist im Brüder Grimm-Haus eine Sonderschau und eine Extra-Sammlung gewidmet. Foto: Karsten Pietsch
    Rotkäppchen und dem Wolf ist im Brüder Grimm-Haus eine Sonderschau und eine Extra-Sammlung gewidmet. Foto: Karsten Pietsch

    So gelangt die Art und Weise des Märchensammelns und -erzählens á la Grimm in die Welt!
    Märchenfiguren sind in Tono sogar allgegenwärtig, erzählt Burkhard Kling: „In Tono begegnet man allenthalben den Protagonisten der ‚Geschichten aus Tono’, selbst die Kanalabdeckungen sind mit Bildern der Kappa, der äußerst beleibten Wasserkobolde, die aus einem Teich bei Tono kommen sollen, geschmückt, auch andere Märchenfiguren trifft man in der Stadt in Form von Standbildern. Die Museumslandschaft ist vielfältig, es gibt ein Historisches Museum, das Tono als alte Burgstadt zeigt, ein Freilichtmuseum, das die bäuerliche Kultur vermittelt. Das Städtische Museum dokumentiert als volkskundliche Einrichtung die Geschichte, die Kultur und das Brauchtum der Region und es gibt ein Museum für Märchen und Sagen.“

    Japanische Märchenexperten besuchten schon mehrmals Steinau: „Im April 2011 wurde das Tono Cultural Research Center als offener ‚Think Tank’ zur Förderung von Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft gegründet. So klein ist die Welt der Märchen!“, freut sich der hessische Museumsleiter.

    Think Tank? Man hört den Begriff öfters, aber nie im Zusammenhang mit Figuren aus Märchen und Sagen. Sollten etwa Märchenkönige, böse Feen, Wölfe, sprechende Frösche oder gar die Schildbürger womöglich als Mediatoren geeignet sein?

    Grimms Märchen made in Lipsia

    In Steinau an der Straße, Hanau und Kassel teilen sich Museen in die Grimm-Ehrung. Mit Leipzig und Leipzigern hatten die Grimms schon zu Lebzeiten zu tun und besuchten sie auch hier. Im Turm-Verlag erschien im Jahr 1812 eine dann weit verbreitete Ausgabe der Märchen mit Illustrationen von Otto Ubbelohde. Im Turm-Verlag publizierte man vorzugsweise populärwissenschaftlich-lebenspraktische Reihen kleiner Hefte, man möchte sie beinahe Groschenhefte nennen. Vom Kochkurs über Anatomie und Gesundheit bis zur Astronomie!

    Bei der Zerstörung des Leipziger Graphischen Viertels im Zweiten Weltkrieg fiel auch die Heimstatt des Turm-Verlages in der Querstraße in Schutt und Asche. Ein Parkplatz ist heute an der einstigen Verlagsadresse zu finden. Angenommen, die Brüder Grimm bekämen Post an ihre einstige Verlagsanschrift, so könnte die im Haus gegenüber abgegeben werden: im Penta-Hotel im Brockhaus-Carré. Könnte ja sein, dass die Grimms da abgestiegen sind…

    Japaner in Leipzig

    Und ein besonderer japanischer Literaturfreund hat in Leipzig sogar ein Denkmal bekommen. Herr Mori Ogai, übersetzte Goethes Werke ins Japanische, und so sitzt er nun als Porträtgemälde seit ein paar Jahren wieder in Auerbachs Keller. Maler Volker Polenz hat ihn Platz nehmen lassen, an der Wand gegenüber sieht man seit ein paar Monaten erst Goethe wieder als Gast in Auerbachs Keller, und es erscheinen ihm leibhaftig Faust und Mephisto. Geschichte und Geschichten, Wahrheit oder Dichtung, man kann sich ja mal ein Bild davon machen.

    Räuber vorm Paulinum

    Auf Leipzigs Augustusplatz hat der Märchenwald, undenkbar ohne die Überlieferungen und Wiedererkennungsfaktoren der Brüder Grimm, eine imposante Kulisse hinter den extra aufgestellten Bäumen. Da kommt hinter Frau Holles Heimat ein Banner für Toleranz und Weltoffenheit an der Opernhausfassade ins Blickfeld, die Bremer Stadtmusikanten haben die Räuber beim Wickel vor der im Dornröschenschlaf verweilenden unendlich scheinenden Paulinum-Baustelle, Glockenmänner vom Kroch-Haus, das einmal eine Bank war, nun aber schon lange ohne Banker ist, überragen alles, übertönen aber nicht die Konservenmusik der umliegenden Nahrungs- und Genussmittel-Verkaufsstände, mit – zum Beispiel – „Nüssen aus aller Welt“. Da könnte selbst ein Wolf das Fürchten lernen…

    Manchmal muss man nicht nur zufassen, sondern auch nehmen können! - Sterntaler auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt 2015. Foto: Karsten Pietsch
    Manchmal muss man nicht nur zufassen, sondern auch nehmen können! – Sterntaler auf dem Leipziger Weihnachtsmarkt 2015.
    Foto: Karsten Pietsch

    Vorsicht!

    Warnungen? Spuk und Grusel? Hier? Wo es sowieso nur um Realitäten rund um die Brüder Grimm geht? – Nein! Wir glauben nicht an Märchen! Nie! Es sei denn, uns erzählt jemand etwas, das mit den magischen Worten anfängt: „Es war einmal….“ Und wenn ein alter Witz schön erzählt wird, lachen wir auch immer mit. Sonst lernen wir womöglich gar das Fürchten! Und dann besiegen wieder – bitte, bitte! – die Guten, die Bösen! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann – werden wir sehen, wie wir mit den Wölfen klar kommen! Wenn auch in Leipzig schon die Stadtfüchse nächtens in Ruhe ihre Runden drehen!

    Und was den Wolf betrifft, so läuft der Disput noch immer: Haben erst die Grimms den Wolf zu einem bösen Tier gemacht? Halten wir es in Abwandlung eines Zitats mit dem Bundespräsidenten Johannes Rau: „Was immer ein Wolf getan hat, was immer ein Lebewesen getan hat, es bleibt ein Lebewesen.“

    Extras

    Grimm überall! Auch in Leipzig. In Oper und Ballett, Schauspiel, Weihnachtsmarkt! Und immer, tagsüber und nachts, Frühling bis Winter, spielen Hänsel und Gretel am Märchenbrunnen am Dittrichring.

    Immerhin ist ein „Wolf“ sogar Zootierpfleger geworden, der Kabarettist und „Funzel“-Kabarett-Direktor Thorsten Wolf in der Fernsehserie „Tierärztin Dr. Mertens“.

    Und in Steinau? Im Saal des Amtshauses, freilich dem Festsaal eines kleinen Märchenschlosses ähnlich, kann man sogar standesamtlich heiraten. Seine Prinzessin. Oder seinen Prinzen.

    Wann? Wie? Wohin? Weiter?

    Museum Brüder Grimm-Haus und Museum Steinau …das Museum an der Straße,  Brüder Grimm-Straße 80, 36396 Steinau an der Straße, Tel. (06663) 7605
    Mail: info@museum-steinau.de
    www.brueder-grimm-haus.de
    www.museum-steinau.de

    Das Museum Brüder Grimm-Haus und das Museum Steinau haben von Montag, 21. Dezember 2015 bis Freitag 1.Januar 2016 geänderte Öffnungszeiten.

    Vom 21. bis zum 25. Dezember 2015 sind die Museen nur nach Voranmeldung zu besuchen.
    Am Samstag, 26. Dezember 2015 und am Sonntag 27. Dezember 2015 ist das Brüder Grimm-Haus jeweils von 10:00 bis 17:00 Uhr für seine Gäste geöffnet.

    Am 26. Dezember findet um 15:00 Uhr, am 27. Dezember um 11:00 Uhr eine Führung durch die Mitnasch-Ausstellung „Kakao und Schokolade – Von der bitteren Frucht zur süßen Leckerei“ statt.

    Die Museen sind dann vom 28. Dezember 2015 bis zum 01. Januar 2016 nur nach Voranmeldung.
    Ab 2. Januar 2016 wieder täglich von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.

    Fragen oder Anmeldungen unter 06663/7605 oder 0171/2815184.

    Vorsicht! Ob man wegen Familie Grimm ins Musem geht oder Steinaus und der Straße wegen, es gibt zwei Häuser! Es ist leicht möglich, dass man nur das eine besucht und das andere übersieht. Dem alten, historischen Fachwerk-Amtshaus gegenüber steht im Amtshof die Scheune hinter deren großen Torflügeln sich das Museum Steinau empor windet. Stufenlos geht es hier einen Weg hinauf, entlang durch Steinauer Zeiten und Traditionen die Straße in die große weite Welt. Dieses Museum und sein Konzept sind sogar preisgekrönt.

    Wo nachlesen? Wo weiterlesen?

    Na, bei den Grimms! In Grimms Märchen-Sammlung! Und für gutes Deutsch in Grimms Wörterbuch….

    Beispiel: „Grimms Märchen. Vollständige Ausgabe“ Mit 444 Illustrationen von Otto Ubbelohde. Anaconda Verlag Köln. Erschienen 2012. Printed Czech Republic. Da hin führten einst von Leipzig aus eine Salzstraße Richtung Prag, und über die Via Imperii Richtung Nürnberg gibt es einen Abzweig übers Erzgebirge. Einband und Umschlaggestaltung von Sven Gackoski, Wuppertal. Früher erreichbar von Leipzig aus über die Via Regia und die Eisenstraße von Leipzig aus über Eisenach, Richtung Köln und Aachen.

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