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Der NuKLA ließ sich im Stadtwald Lübeck erklären, wie naturnahe Forstwirtschaft sehr erfolgreich und effizient gehen kann

Von Gastbeitrag von Wolfgang Stoiber, Vorsitzender des NuKLA e. V.

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    Drei Mitglieder des NuKLA e. V. ließen sich am 29. Mai sechs Stunden lang von Knut Sturm, Bereichsleiter des Stadtwaldes Lübeck, durch „seine“ Wälder führen und von dem wegweisenden, von Dr. Lutz Fähser und ihm entwickelten Konzept einer naturnahen Forstwirtschaft begeistern. Deutlich sind die Unterschiede zum herkömmlichen Umgang der Förster mit dem Wald, augenscheinlich den Wald in seiner Struktur respektierend und erhaltend und dazu alle Jahre wieder mit einem, wenn auch kleinen, positiven wirtschaftlichen Ergebnis.

    Was machen Lübecks Förster nun anders als z. B. die Leipziger? Worin unterscheiden sich beide Forstwirtschaftspläne?

    Beginnen wir mit dem Einfachsten: Statt mehr als 1,2 Millionen Euro Minus belaufen sich die wirtschaftlichen Ergebnisse der Lübecker Förster seit Jahren stabil auf eine schwarze Null. Wie geht das?

    Die Lübecker Förster haben ihre unterschiedlich strukturierten Waldflächen alle genauestens kartiert, seit Jahren begleitet die Waldakademie mit aufwendigster Forschung und Monitorings alles, was im gesamten Wald geschieht. Für jede Waldstruktur ist jeweils eine Referenzfläche festgelegt, in der absoluter Prozessschutz besteht. Diese Flächen dienen dazu, die natürliche und natürlicherweise dynamische Entwicklung der an diesem Ort bestehenden Waldstrukturen als Ausgangs- und Vergleichsgröße für die gleichstrukturierten Flächen zu nutzen, in denen Forstwirtschaft betrieben wird: die forstlichen Eingriffe auf den einer Nutzung unterliegenden Flächen orientieren sich an dieser natürlichen Entwicklung der Referenzflächen.

    Mit dem Ergebnis, dass sich die Flächen (Prozessschutz vs. Nutzung) für den uneingeweihten Betrachter – also für diejenigen, die sich im Wald erholen wollen – so gut wie nicht unterscheiden. Keine riesigen „Femelflächen“ mit Kahlschlägen und künstlich in Reih und Glied gepflanzten Setzlingen (mit gekappten Wurzeln), sondern eine natürliche Waldstruktur, die alle waldtypischen Schichten und Bäume allen Alters enthält, die lediglich und erst bei genauerem Hinsehen etwas lichter wirkt. Wie geht das?

    Im Lübecker Stadtwald. Foto: NuKLA e.V.
    Im Lübecker Stadtwald. Foto: NuKLA e.V.

    Alle Bäume im Lübecker Stadtwald dürfen wachsen, aus natürlicher Verjüngung heraus und ohne auch nur den kleinsten Eingriff. Sie dürfen sich so natürlich und unbeeinträchtigt entwickeln bis sie eine „Zielgröße“ erreicht haben: einen bestimmten, nach Baumart sich etwas unterscheidenden Stammdurchmesser, nämlich einen, der ab dieser Größe optimale Verkaufsergebnisse erzielen kann.

    Bevor ein Baumstamm dieses Maß nicht erreicht hat, steht er komplett unter „Welpen“-Schutz. Es gibt keine sog. „Jungdurchforstung“, bei der nichts anderes geschieht, als dem Wald seinen natürlichen Nachwuchs zu nehmen (um dann, nach einer flächigen „Ernte“, künstliche neue Plantagen anzupflanzen), wirtschaftlich zu nichts nutze, als Kosten zu verursachen, ökologisch der Natur völlig zuwiderlaufend.

    Hat ein Stamm das entsprechende Maß erreicht, kommt er in die nähere Auswahl: Alle 5 bis 7 Jahre wird auf jeder der eher kleinen Flächen Holz entnommen – allerdings jeweils nur 1 bis 3 Stämme pro Fläche. Diese Entnahme erfolgt ausschließlich nach Kriterien, die die Struktur der Fläche respektieren, Biotopbäume werden nicht angetastet, da sie zum Verkauf wertlos, für die Biodiversität und die Waldökologie aber sehr wertvoll sind, Bäume, deren Wachstum wirtschaftliches Potential verspricht, werden gezielt länger stehen gelassen, und die Entnahmen erfolgen immer minimalinvasiv: Die Rückegassen sind mindestens 40 Meter voneinander entfernt (und aufgrund der eingeschränkten Nutzung kaum sichtbar), die Maschinen dürfen diese nicht verlassen, und aus der Fläche wird der durch ein festes Team von nur drei erfahrenen Forstmitarbeitern professionell und zielgenau gefällte Baum, auch für den Boden fast schadlos, mit Seilen und Winde herausgezogen.

    Die Fällungen finden dermaßen genau geplant statt, dass kein anderer Baum beschädigt wird. Keine Fremdfirmen mit (unqualifizierten) Hilfsarbeitern aus dem Ausland, die ohne Bezug und Fachkenntnis alle 20 Meter (manchmal auch darunter – wie in Leipzig geschehen mit dem Ergebnis, dass dem Leipziger Holz das FSC-Siegel entzogen wurde) mit den Greifarmen ihrer Harvester ohne Rücksicht auf Verluste die Bäume „ernten“.

    Nicht alle Bäume, die die Zielgröße, die ein für eine Fällung mindestens vorgeschriebener Stammdurchmesser ist, erreicht haben, werden sofort gefällt: Jedes zusätzliche Wachstumsjahr bringt ein expotenziell besseres wirtschaftliches Ergebnis. Und die Förster, die ihr Revier und die darin stehenden größeren Bäume, man möchte fast sagen „persönlich“ kennen, haben keine kurzfristigen Resultate im Kopf, wenn sie ihre Entscheidungen treffen, sondern den langfristigen wirtschaftlichen Wert und Erfolg ihrer Arbeit.

    Von jedem Baum, der gefällt wird, ist dessen Stamm bereits im Vorfeld (!) an den meistbietenden Kunden für exklusives Wertholz verkauft. Alle Stämme gehen aus dem Wald direkt an die Käufer, weder wird auf Verdacht, noch systematisch in der Fläche oder nach einem „Forstwirtschaftsplan“ mit Mengenvorgabe gefällt (wo dann das Holz oft unverkäuflich liegen bleibt), noch verdienen Zwischenhändler dabei. So bekommt jeder Kunde direkt den Stamm seiner Wahl – für ihn und den Förster zum günstigeren Preis, als z. B. bei einer Auktion. Da, wer bezahlt hat, interessiert ist, zügig weiterzuverarbeiten, liegen die Stämme nur kurze Zeit am Wegrand und laufen nicht Gefahr, durch Beschädigung an Wert zu verlieren.

    Die Waldwirtschaft im Stadtwald Lübeck

    Alles, was vom gefällten Baum nicht verkauft wurde, bleibt im Wald liegen, um als Totholz und Verbissschutz der Natur und der natürlichen Verjüngung zu dienen. Scharen von sogenannten Fremdwerbern, Privatpersonen also, die in Leipzig nach einem 1,5-stündigen Kettensägekurs ein Zertifikat und damit das Recht erwerben, eigentlich auf nur festgelegten Flächen (was aber kein Mensch kontrolliert) nach Lust und Laune alles wegschleppen zu können, was sie auf ihre Hänger bekommen, wird man in Lübecks Wäldern nicht finden. Die Anzahl der Selbstwerber dort ist in jedem Jahr auf unter 10 begrenzt, das, was mitgenommen werden darf, wird vorher genau festgelegt und die Kontrollen erfolgen direkt.

    So liegen die Baumkronenteile der entnommen Bäume mehrheitlich vollständig im Wald und bilden Biotopinsel und Horte für unter ihrem Schutz natürlich auskeimende und wachsende Baumschößlinge, die, wie die überall zu findenden keimenden Baum-Saaten auch, in aller Ruhe darauf warten, dass irgendwann der Wind, das Alter oder der Förster mit einer gezielten Fällung, ein Loch in das dichte Kronendach reißt, durch das dann so viel Sonne auf den Boden kommen kann, dass die (inzwischen durchaus auch schon alten) Sämlinge intensiv zu wachsen beginnen.

    Kein großflächiger Kahlschlag, der den Schatten gewohnten Boden, den dort wachsenden Pflanzen und lebenden Tieren – sofern sie den flächigen Einsatz der Harvester überstanden haben – ungeschützt der Hitze ganztägiger Sonneneinstrahlung aussetzt, sondern natürliche Bedingungen, wie sie ein Wald braucht, um sich von selbst zu verjüngen, in Lübecks Wäldern trotz menschlichen Eingreifens. Einige dieser kleinen Femellöcher werden umzäunt, um zu sehen, was sich dort ohne Wildverbiss entwickelt. Diese Flächen werden regelmäßig untersucht, die Daten gesammelt und in die forstlichen Entscheidungen einbezogen.

    Unser Fazit: Forstliche Nutzung von Wäldern ist naturnah möglich, sogar ohne das millionenschwere Defizit, wie es in Leipzig alle Jahre wieder aufläuft. So, wie sie in Lübecks Wäldern seit 30 Jahren durchgeführt wird, ist sie eine wegweisende Form, den Wald nicht nur in „seiner Persönlichkeit“ zu achten und ihn sich der ihm entsprechenden Weise entwickeln zu lassen, ihn zu schätzen und als Ort der Reinhaltung von Luft und Wasser, der Ruhe und Erholung und für die Biodiversität wichtigen Lebensraum zu schützen, sondern, quasi im gegenseitigen Einverständnis, ihn auch verantwortungsvoll, langfristig denkend und handelnd wirtschaftlich erfolgreich zu nutzen. Es geht also bei weitem nicht um ein undifferenziertes Ja oder Nein zu forstlicher Nutzung, sondern es geht darum, eine naturnahe und den Wald als einen unsere Lebenswelt und -grundlage wertzuschätzenden Teil unserer eigenen Existenz entsprechend respektvoll zu behandeln.

    Wir danken den Lübecker Förstern und dem Erfinder dieser Art, im Einklang mit dem Wald zu leben und zu arbeiten, statt ihn, von ihm entfremdet, zu manipulieren und zu benutzen.

    Peter Wohlleben unterstützt den NuKLA e. V. bei der Werbung um Spenden für den Marathon vor Gericht

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    2 KOMMENTARE

    1. Ist nicht auch die Frage, wie lange die hiesigen Wissenschaftler es sich noch leisten wollen, so hinterwäldlerisch (hihi) zu forschen?
      Grundsätzlich ist es ja doch wohl so, dass das fehlende Wasser eine stark wirkende Variable bezogen auf die Baumartenzusammensetzung bzw. deren Veränderung weg von den Eichen (deren natürliche Verjüngung es auch in Leipzig gibt, nur wird die von den Wissenschaftlern und Förstern gern übersehen) ist und man also fragen muss, warum immer und immer wieder bestritten wird, dass es sehr wohl Möglichkeiten gibt, hier etwas zu ändern.

    2. Für so eine Form von Forstwirtschaft wie im Lübecker Stadtwald benötigt man ein umfangreiches forstliches und waldökologisches Know-How und ein ebenso großes Interesse! Es gibt zwar in Deutschland weitere Forstreviere, wo das Lübecker Modell angewandt wird, aber leider stellt das noch eher die Ausnahme als die Regel dar.

      Die Struktur des Leipziger Auwaldes bzw. besser Auforstes ist zwar eine andere als im Lücker Wald, aber das meiste könnet man natürlich auch hier anwenden; evtl. würde man noch andere naturnahe Methoden der Eichenförderung ausprobieren usw. usf., zumindest solange noch die Wasserdynamik in der Aue fehlt.
      Aber Femelungen, Altdurchforstungen, monotone Aufforstungsplantagen in Intensivforstwirtschaftsmanier als Mittel zur Holzproduktion sind halt viel einfacher, dafür braucht man nur die normale 0-8-15-Standardausbildung aus den 70er-Jahren. Und auch der sog. Mittelwaldumwandlung stellt ja nichts weiter als einen Kahlhieb (so auch explizit bezeichnet von Stadtforsten) dar, mit Waldökologie hat das rein gar nichts zu tun.

      Und sehr spannend zu lesen, dass die Lübecker Forstakademie genau das erforscht, um einen möglichst naturnahen Wald (Leitbild Prozessschutzwald) unter größmöglicher Schonung bei forstwirtschaftlichen Maßnahmen zu erhalten und zu entwickeln.

      Auch im Leipziger Auwald wird viel geforscht. Aber hier sollen die Forschungen offensichtlich gerade nicht dazu führen, dass man die Auswirkungen der forstlichen Maßnahmen erkennen und bewerten kann. Denn dann müssten man ja womöglich etwas ändern an der eigenen Sichtweise… Es wäre eigentlich so wichtig, über Eichenverjüngung zu forschen, aber dann würde man erkennen müssen, dass die riesigen Femellöcher völlig kontraproduktiv sind und das will man lieber gar nicht wissen. Zur Rechtfertigung des sog. Mittelwaldes muss ein kleines Gefälligkeitspapier aus den Anfangszeiten der Umwandlung herhalten… Anstelle von seriösen Forschungen hält man sich hier lieber eine brave sog. Stadtwaldfreunde-AG, die alles abnickt und nicht diskutieren will. Klappt gut! Bisher…

      Nein, einen Dr. Lutz Fähser, Knut Sturm oder Peter Wohhlleben haben wir hier leider nicht, aber eine wachsende Zahl an Aktiven, auch an Wissenschaftlern aus der Stadt Leipzig (auch wenn oft so getan wird, als seien hier alle „auf Linie“) und überregional, die das nicht mehr so einfach hinnehmen werden…

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