Jetzt gibt’s die Internet Zeitung mal für alle Leipziger*innen

Wahrscheinlich weiß auch FDP-Stadtrat René Hobusch nicht, wie viel Sarkasmus und Satire einerseits und wie viel Ernst und Ratlosigkeit andererseits in seiner Anfrage in der Ratsversammlung steckt, in der er fragt: „Hält der Oberbürgermeister eine Änderung der genannten Firmenbezeichnungen in ‚Leipziger*innen Gruppe‘, ‚Leipziger*innen Stadtwerke‘, ‚Leipziger*innen Wasserwerke‘, ‚Leipziger*innen Sportbäder‘ etc. für sinnvoll?“
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Hintergrund war ja bekanntlich eine Diskussion im Gleichstellungsbeirat, in der es darum ging, ob mit der neuen Bezeichnung für die Gruppe der Leipziger Kommunalunternehmen „Leipziger Gruppe“ nun nur die männlichen Leipziger gemeint sind und die Leipzigerinnen nun mal wieder vergessen wurden, oder nicht.

Hätten sich die Erfinder der neuen Leipziger-Kampagne einfach darauf berufen, dass es hier einfach um die Stadt Leipzig geht und die fleißigen Mitarbeiter*innen des Stadtkonzerns einfach alles tun wollen, um ihrer Heimatstadt mit Fleiß alles Gute zu tun, die Diskussion wäre nie so ausgeufert. Ist sie aber. Denn irgendwie greift eine uralte Walmart-Idee in immer neuen Schüben um sich: Mitarbeiter eines Unternehmens sollen sich nicht mehr nur als gut ausgebildete Fachkraft verstehen, die ihre Arbeit tut, sondern sich ganz und gar mit dem Haus identifizieren, in dem sie beschäftigt sind – egal, ob Chef*innen, Hausmeister*innen, Kassierer*innen oder Putzer*innen.

In etlichen Unternehmen zieht man dann auch die gleiche (ganz, ganz jugendlich wirkende) Uniform an, hat dieselben Sprüche drauf, ist niemals ärgerlich, behandelt Kunden freundlich (kassiert sie aber trotzdem ab) und sagt bei der Begrüßung: „Hallo, ich bin die Bärbel. Was kann ich für dich tun?“ Oder etwas Ähnliches. Ganze Heere von Teamorganisator*innen  haben nichts anderes zu tun, als Firmen auf diese Weise eine Art gemeinsames Erscheinungsbild zu geben. Neudeutsch: Corporate Identity.

Das ist mit dem Spruch „Wir sind Leipziger“ nun auch in den Leipziger Unternehmenskosmos geschwappt. Und mit dem Spruch ist nun einmal nicht gemeint, dass die Mitarbeiter*innen der Kommunalunternehmen aus Leipzig kommen und sich als Leipziger fühlen, sondern dass sie sich als Teil der Leipziger Gruppe empfinden, also: Leipziger.

Da darf man nicht nur verwirrt werden, da wird man auch verwirrt. Und es geht auch noch weiter. Denn auch die Unternehmen selbst präsentieren sich jetzt als Leipziger. Und meinen das auch ernst. Es geht also nicht nur darum, dass sich alle daran gewöhnen, dass man jetzt wirklich Leipziger Stadtwerke (statt Stadtwerke Leipzig) oder Leipziger Wasserwerke (statt Kommunale Wasserwerke Leipzig) sagen darf und soll. (Die LVB sind fein raus, die heißen weiter Leipziger Verkehrsbetriebe.) Es geht auch um so ein seltsames Wir-Gefühl, das aus Belegschaften quasi große Sportgemeinschaften macht, die dann in einem imaginären Wettkampf zusammen den Bembel holen.

Die aber nicht identisch sind mit den ganz gewöhnlichen Leipzigern und Leipzigerinnen.

Logisch, dass das selbst gestandene Politiker*innen verwirrt und zu einem Spezialfall für das Gendern in Leipzig wird. Denn warum hören Frauen auf einmal auf, Leipzigerinnen zu sein, wenn sie für die Leipziger Gruppe zu Leipzigern werden? Neu dabei sind ja jetzt auch die Bademeister*innen der Sportbäder: „Auch wir sind Leipziger.“

Das bereitet zwangsläufig Kopfzerbrechen. Denn dem Normalsterblichen erschließt sich ja nicht wirklich, warum aus schönen Leipzigerinnen nun Leipziger werden müssen. Selbst wenn man sich Mühe gibt, das im Kopf zu abstrahieren und sich zur toughen Bademeisterin einfach eine höhere Funktionsbeschreibung zu denken versucht wie eben Leipziger. Oder Microsoft. Oder BMW. Denn auf der Ebene haben ja die Erfinder*innen des schönen neuen Designs gedacht, als sie dem Leipziger Stadtkonzern eine gemeinsame Dachmarke „Leipziger“ verpasst haben. Auf jedem VW steht ja auch VW.

Dumm nur, dass die Marke „Leipziger“ genauso klingt und aussieht wie die Bezeichnung für die Bewohner*innen einer Stadt im Nordwestzipfel des Freistaats Sachsen.

Kann passieren. Hätten die Bewohner*innen dieses 550.000-Einwohner-Dorfes eben besser aufpassen müssen oder sich ihren Namen auch markenrechtlich schützen sollen. Wenn sie schon so heißen wollen, was ja noch niemand abgefragt hat. Vielleicht wollen ja die männlichen Bewohner dieser Stadt lieber alle Wilhelm heißen und die weiblichen alle Bärbel. Dann müsste nur noch der Stadtname geklärt werden. Ein schöner Vorschlag wäre ja zum Beispiel „Stadt der Leipziger Gruppe“.

Aber da uns ein emsiger Leser vorschlug, wir möchten doch bitte jetzt auch eine Debatte um die Umbenennung in Leipziger*innen Internet Zeitung anstoßen, haben wir nicht lange gezögert und es einfach getan. Als Zeichen an alle Leipzigerinnen, dass wir sie nie und niemals vergessen, wenn wir an Leipzig denken. (Und die Leipziger auch nicht.)

Auch dann, wenn wir keine der vielen Gender-Schreibweisen benutzen, weil sie sich nun einmal alle nicht gut lesen lassen. Wobei in diesem, unseren Fall der Irrtum natürlich von jedem gebildeten Deutschlehrer geklärt werden könnte. Denn auf ein Geschlecht würde „Leipziger“ nur hinweisen, wenn es ein „Nomen Agentis“ wäre, eine auf das Geschlecht bezogene Wortform – in diesem Fall also den männlichen Bewohner von Leipzig.

Das ist es eindeutig nicht. Stattdessen ist es ein – na hoppla – Adjektiv, nämlich eines, das den Ort des Erscheinens bezeichnet. Früher, vor ungefähr drei Rechtschreibreformen, hätten wir Leipziger also klein schreiben müssen. Aber dann haben sich die Professoren gesagt, wenn Adjektive aus Ortsnamen (schon gar aus berühmten Ortsnamen wie Leipzig) gebildet werden, dann schreibt man sie groß. Also: Leipziger Internet Zeitung. Nicht zu verwechseln mit Internet Zeitung der Leipziger.

Wir müssen deswegen auch nicht extra hinschreiben: Wir sind Leipziger.

Aber wer sich erinnert: Wir haben uns auch mal den Spaß gemacht, mit dem Spruch „Wir sind leipziger.“ zu werben.

Das haben wir dann bleiben lassen, weil wir damit selbst beste Freund*innen überfordert haben. Denn in diesem Fall wäre es der Komparativ gewesen zu einem Adjektiv, dass es natürlich nicht gibt. Und zu Substantiven kann man leider keinen Komparativ bilden (was aber vielleicht noch kommt, wenn sich die Leipziger Gruppe zu neuen Höchstleistungen aufschwingt).

Das Adjektiv hätte ja lauten müssen „leipzig“. In der Form: „Ich fühl mich heute so leipzig. Woher kommt das nur?“

Und die Steigerungsform wäre dann halt leipziger gewesen, also so eine Art „überglücklich und besonders fröhlich“.

Aber wie gesagt: Das haben wir dann lieber gelassen, sonst hätten sich die Leipziger und Leipziger*innen noch geärgert.

Wie Sie sehen, hat also das Eine mit dem Anderen überhaupt nichts zu tun. Und deswegen sind wir so frei und haben jetzt einfach mal unseren Seitenkopf gegendert. Stimmt jetzt zwar grammatikalisch überhaupt nicht mehr. Ist aber so ein kleines Lichtlein in den sprachlichen Dunkelheiten der Gegenwart – für alle Träumer*innen, Visionär*innen, Stromer*innen, Netzwerker*innen und Fahrer*innen. Und natürlich alle anderen, die diese Stadt am Laufen halten. Jetzt müssen wir nur noch schnell im Atlas nachschauen, wie die Stadt wirklich heißt. Da war doch was…

Die Links, auf die sich das alles bezieht, finden Sie wie immer unterm Text.

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Filmstill aus Georg Pelzers Film "FLUTEN". Foto: FLUTEN

Foto: FLUTEN

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Stopp: Baustelle am Ratsholzdeich. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

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