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Finale und Jungfräulichkeit: Der Maler war da

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    Einen haben wir immer noch. So ist das Leben. Natürlich hätte ich niiiiiiiiiiiiiiiiiiemals vermutet, so ein kleines, lila eingefärbtes „is“ könnte tagelang einfach stehenbleiben an einer ordentlichen Hauswand. Ich schätze mal: Auch die Graffiti-Schnell-Beseitigungs-Kommandos sind ab und zu kleine Spaßvögel. Diesmal unter dem Motto: Der nach uns muss ja auch noch was zu tun haben.

    Der „nach uns“ war am Mittwoch da. Ich habe ihn gerade noch erwischt, denn er ist nicht nur ein flotter Maler, sondern auch ein ordentlicher und stiller. Die Graffiti-Ex-Leute bringen ja immer ihren Kompressor mit und machen richtig Krach bei der Arbeit. Die Brühe spritzt von der Hauswand, die Farbe läuft auf den Bürgersteig. Wenn man da ist, kann man sie nicht überhören (genauso wenig wie die Jungs mit dem Grastrimmer, die mit dem Laubbläser, die mit der Mähmaschine, die mit dem Laubhäcksler oder den Burschen auf der Kehrmaschine, der zwei Mal pro Woche vorbeikommt.

    Bestimmt hab ich noch ein paar fleißige Jungs vergessen – zum Beispiel die Kanalreiniger, die Noch-ein-Kabel-Schacht-Verleger, die Baumstutzer mit ihren Motorsägen und – klar – Laubhäckslern. Wer behauptet, in Leipzig werde nicht gearbeitet, der muss taub sein auf den Ohren – ach ja: Flugkapitän Juri Komsomolez fehlt noch – der kürzt mit seinem Flieger immer ab über unser heimeliges Eckchen …)

    Aber dabei ging es ja um den Stillen, den Maler, der nicht nur immer genau den richtigen Farbton trifft und übrig gebliebene Schnörkel verschwinden lässt, er malt auch saubere Kanten und Quadrate. Auch da, wo die Vorgängertruppe den Ton der Wand nicht getroffen hat (Dunkelbeige statt Sandstrandweiß). Da wird es dann zwar dunkler, aber die Fläche wird schön gerade. Geradezu einladend, würde ich sagen, wäre ich ein ungezogenes Schulkind, das immer mit Kreide Fratzen und doofe Sprüche an die Wände malt.

    Machen Schulkinder nicht mehr. Ich weiß. Wegen der Rächtschraibung. In Dresden beschweren sich die bürgerlichen Politiker jetzt schon, dass auch die linken nun bei ihren rotzigen Sprühlosungen an den Wänden Schreibfehler machen.

    Bislang galt ja in Sachsen: Wer keinen Hochschulabschluss hat, darf bei den Linksautonomen nicht mitmachen und auch keine linken Losungen an die Hauswände malen.

    Man sieht: Es ändert sich.

    Entweder haben die Linksautonomen jetzt auch schon ein Nachwuchsproblem und müssen nun auch Oberschüler aufnehmen.

    Oder – was ich noch eher befürchte: Die Löcher im sächsischen Lehrplan (Sie erinnern sich: Lehrermangel) sind so groß, dass auch der ganze Quatsch mit Rechtschreibung und Grammatik ausfällt oder, sagen wir mal, fremdvertreten wird. Vom Sportlehrer zum Beispiel. Oder vom Hausmeister.

    Oder es ist eh überflüssig, weil den meisten Lernkram in der Schule eh das Smartphone erledigt. Muss man sich ja nicht mit diesen ganzen Duden-Schindereien abgeben. Und weil es dann trotzdem schnieke Noten gibt, darf dann trotzdem studiert werden. Smartphone ist ja auch da erlaubt. Copy and Paste. Was will man mehr an Bildung, nicht wahr, Genossen, Freunde, Kollegen, Betriebsprüfer?

    Vielleicht ist es auch Absicht unserer klugen Bildungsminister. Denn wer schon bei kurzen Losungen Fehler macht, wird ja wohl nie ein langes, menschenverderbliches Manifest hinkriegen.

    Vielleicht schrumpfen die Losungen sowieso bald aufs Klappt-gerade-so-Format.

    Zwei Buchstaben oder so. Der Schrumpfprozess ist ja allenthalben sichtbar. „FCK NZS“ zum Beispiel. Spart man nicht nur Buchstaben, sondern auch Platz.

    Haben die Maler hinterher nicht so viel zu pinseln. Spart wieder Farbe.

    Aufmerksamkeitsökonomie nennt das einer meiner Kollegen.

    Motto: „Musse kurz fassn, sonst kapiernses nich.“

    Noch ein Blick aus dem Fenster: Ist das lila „is“ wieder aufgetaucht?

    Is nich.

    Maler fleißig.

    Wand sauber.

    Jungfräulich.

    Ssön.

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